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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Bayreuther Festspiele

Die bayerische Seele

Sechs Stunden »Siegfried« machen auch in Bayreuth keine Nation
Von Maximilian Schäffer
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Nothung, bist du’s? Mime (Arnold Bezuyen) in der Heldenschmiede

»Der Bund muss ein solch’ Aushängeschild weiterhin fördern, weil Bayreuth ein Leuchtturm der Hochkultur unseres Landes ist, der hell in die ganze Welt scheint. (...) Ich hoffe, dass Claudia Roth auch in den kommenden Jahren an ihre bayerische Seele denkt und die Förderung eher aus- statt abbaut.« (Dorothee Bär, CSU, im Interview mit dem Bayreuther Kurier, 20.5.2022)

Die sogenannte deutsche Kultur ist ein teurer Irrtum. Richard Wagner wird als »Leuchtturm der Hochkultur« 150 Jahre nach seinem Tod noch immer fürstlich bezahlt. Als 20jähriger steckte ihm »eine unbekannte Dame des Dresdener Hofes« ein jährliches Stipendium von 120 Gulden zu. Sein Jahrgangsgenosse Georg Büchner schrieb »Dantons Tod«, um damit 100 Gulden einzuspielen, die ausreichen sollten, eine Apothekerstochter zu heiraten.

Für einen Polizistensohn ist es normal, Geld von der Regierung zu nehmen, für einen Spitzel auch. Heutzutage werden »Influencer« von Stiftungen bezahlt, um »den Russen« zu bekämpfen. Wagner wurde vom Dresdener Hof ins revolutionäre Gesindel von 1848 geschickt. Seine angebliche »Revolutionsphase« ist so nachdrücklich verdunkelt wie bei jedem Geheimagenten. Ein paar Jahre später bezahlte ihm die Fürstin Metternich seine erste Pariser Premiere. Der Fürst Metternich leitete das europäische Spitzelwesen gegen alle vaterlandslosen Gesellen. Der Polizistensohn fand sein Vaterland in einer ewigen Verlängerung der antinapoleonischen Romantik, die das ganze Germanenunwesen erfand. Seine dichterische Ausbildung beschränkt sich auf die gute Dramaturgenidee der »Meistersinger von Nürnberg«. Die entschärften Verse Hans Sachsens sind alles, was der aufstiegsorientierte Bühnendichter sein ganzes Leben wiederholte. Als er mit dem »Parsifal« 100.000 Gulden einspielte, war Büchner schon vertrocknet. Der Irrsinn einer Bearbeitung des Nibelungenstoffes namens »Siegfried« dauert sechs Stunden. Die Verse sind erbärmlich, die Handlung bekloppt. Aber es lohnt sich.

Ins Reich der Götter und Zwerge fließen 5,4 Millionen vom Bund, 5,4 Millionen vom Freistaat Bayern, 2,4 Millionen von der Stadt Bayreuth, 430.000 vom Bezirk Oberfranken und 5,4 Millionen edle Taler von den »Freunden«, das sind die Reichen, die jährlich in Bayreuth unter sich bleiben. Geld ist böse, sagte der Meister, der Ring an sich ein Übel, die Götter und Zwerge gehen dran zugrunde!

Mir persönlich gefällt in Bayreuth der Woolworth sehr gut, es ist vielleicht der schönste Woolworth Deutschlands. Oben drauf eine hübsche Leuchtreklame aus den 60ern, die durch dieselbe, allerdings in etwas kleiner, gleich darunter noch einmal erwidert wird. An den großflächigen Glastüren sind quaderförmige Glasgriffe mit vernickelten Verzierungen angebracht – wohl das alte Firmenlogo. So schöne Sachen sieht der Festspielbesucher für gewöhnlich nicht. Dafür sah er am Mittwoch einen »Siegfried«, der dem Woolworth in einigem nachsteht.

Regisseur Valentin Schwarz bleibt auch im Psoriasis-Drama (der gehörnte Siegfried trägt in der Sage immer Rüstung, damit nie einer seine Haut sieht) bei billigen Bühnenbildeinfällen. Oper ist Ausstattung. Immer noch müssen sich die schwer arbeitenden Sänger in Kostüme, Kulissen und psychologische Projektionen nach dilettantisch-diffuser Anweisung zwängen. Nothung, das heil’ge Schwert, ist auf einmal keine Pistole mehr, sondern ein Schwert. Das Publikum hat bereits kapituliert, es leidet stumm und graust sich. Die schlimmen Sätze Wagners gibt es nächstes Jahr vielleicht bei Woolworth.

Immerhin singt Andreas Schager den Siegfried, der Mann mit dem vielleicht brutalsten Organ der Welt. Wo andere nach Luft schnappen, setzt der Österreicher nach vier Stunden noch einen drauf. Auch das Orchester fängt sich langsam, Cornelius Meisters Dirigat schwimmt zwar immer noch auf und ab, findet aber im dritten von vier Teilen des Epos langsam die ordentliche Lautstärke.

Die Grünen forderten im Stadtrat von Bayreuth einen kostenlosen Livestream als gütliche Geste fürs gesellschaftliche Untenrum. Dazu bekamen sie den diesjährigen »Diskurs Bayreuth«, damit sie die Schnauze halten: »Am Ende der ›Götterdämmerung‹ ist die Weltesche nur noch Brennholz. Wagners ›Ring des Nibelungen‹ ist voller Bilder, die den Untergang der Götter mit der Zerstörung der Natur in Verbindung bringen. Schon 1850 hat Richard Wagner in seiner Schrift ›Kunst und Klima‹ auf das Verhältnis von Kunst und Umwelt reagiert – wobei er nicht zuletzt das geistige Klima meinte. ›Diskurs Bayreuth‹ erforscht die Wechselwirkungen: Welche Ansprüche werden heute an die Kunst gerichtet? Hat sie ihre Autonomie verspielt? War sie jemals autonom?« (Bayreuther-festspiele.de)

Nie. Genau wie der Meister. Klassenauftrag ist Klassenauftrag. Bayreuth lechzt nach Erlösung, die »Götterdämmerung« ist nah.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Simon B. aus Ostberlin ( 7. August 2022 um 09:42 Uhr)
    Was will dieser Text sein? Theaterkritik? Gesellschaftskommentar? Polit-Glosse über das seit Jahrzehnten brandaktuelle Thema: reaktionäre Grüne? Ein Aufsatz in agitatorischer Funktion für die Wandzeitung der Pioniergruppe Theater? Kulturpolitisches Pamphlet? Abrechnung mit dem Weltganzen aus der Perspektive der einzigen, ewigen klassenkämpferischen Wahrheit? Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich, nichts weiß man nicht genau. Gerade weil praktisch alle Aspekte des Themas höchst problematisch und daher sehr interessant sind, hätten Ort, Stücke, Künstler, Publikum und Leser dieser Zeitung Reflexion auf höherem Niveau verdient. So sind des Kritikers eitle Beiträge bloß Halbfabrikate, ostentativ desinteressiert zusammengestoppelt und angereichert mit dem, was die Mittelschichtslinke für Ausdruck politischen Denkens hält: äußerstspätpubertäre Kämpferposen.

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