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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Energieversorgung

Auf dem Gaspedal

Pipelinebau für Erdgasterminal in Wilhelmshaven gestartet. Umweltschützer kritisieren Hauruckverfahren, Politik betont Chancen für Region
Von David Maiwald
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Der Bau des LNG-Terminals erfolgt im beschleunigten Verfahren, ohne Umweltverträglichkeitsprüfung (Friedeburg, 4.8.2022)

Es geht los. Per Gesetzgebung am üblichen Planungsverfahren vorbei vollzieht sich in Wilhelmshaven seit Anfang Mai der politische Wille der Ampelkoalition – die Abkehr von russischen Erdgasimporten. Ersetzt werden sollen diese künftig durch importiertes Flüssigerdgas (LNG), voraussichtlich Frackinggas aus den USA.

Um dieses in das deutsche Gasnetz einspeisen zu können, begannen am Donnerstag in Friedeberg in Ostfriesland die Bauarbeiten für eine Pipeline, die künftig mit dem im Bau befindlichen, schwimmenden LNG-Importterminal in Wilhelmshaven verbunden werden soll. Für gewöhnlich nehmen Planungsvorhaben für derlei Projekte mehrere Jahre in Anspruch – die Ampel hat jedoch durch das im Juni in Kraft getretene »LNG-Beschleunigungsgesetz« die Schaffung von zwölf Terminals und sieben Pipelines im beschleunigten Verfahren, ohne Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung, auf den Weg gebracht. Niedersachsens Energieminister Olaf Lies (SPD) und der Geschäftsführer der Essener Betreiberfirma Open Grid Europe (OGE) unterschrieben symbolisch gemeinsam auf dem ersten zu verlegenden Rohr der Pipeline.

Laut OGE soll die unterirdische Leitung mit einem Durchmesser von einem Meter und einer Länge von rund 26 Kilometern zu Beginn eine jährliche Kapazität von zehn Milliarden Kubikmetern Gas transportieren können. Die Anlage soll noch in diesem Jahr, am 21. Dezember, in Betrieb gehen. In der Nähe des Gasspeichers Etzel soll die Pipeline demnach an das Fernnetz angeschlossen werden, um Süd- und Ostdeutschland mit Gaslieferungen abdecken zu können. Auch OGE sieht hier perspektivisch die Abkehr von Erdgasimporten aus Russland als Orientierung. Die Leitung soll außerdem in der Lage sein, künftig auf den Transport von Wasserstoff umzustellen.

Vor Ort zeigt sich die regierende Lokalpolitik dadurch bestätigt. Wilhelmshaven stehe im »energiepolitischen Fokus der Bundesrepublik«, freute sich Oberbürgermeister Carsten Feist am Donnerstag morgen bei NDR Info. Als einziger deutscher Tiefwasserhafen verfüge die Stadt »über die nautischen Bedingungen«, »um im großen Umfang Wasserstoff zu importieren«. Feist sieht darin auf lange Sicht »Standortvorteile«. Der NDR bescheinigte der 75.000-Einwohner-Stadt in dem Beitrag »sehr gute Infrastrukturbedingungen«. Ein zweites Terminal ist bereits Gegenstand von Gesprächen zwischen Bund und Land. Holger Saß, Vizepräsident für Forschung an der Jade-Hochschule Wilhelmshaven, sieht im Beitrag von NDR Info schon einen neuen Industriestandort am gleichnamigen Meerbusen erwachsen. In der Vergangenheit sei die Industrie immer der Energie gefolgt, für Wilhelmshaven ergebe sich »eine große Möglichkeit«, die Ansiedlung neuer Industrie- und Unternehmensformen zu erleben, so Saß.

Die Landespolitik gibt sich gleichfalls optimistisch. »Ich glaube, dass wir diese Energiekrise nach zwei Jahren überwunden haben werden«, sagte Ministerpräsident Stephan Weil am Donnerstag im NDR-Sommerinterview. In einem Jahr sei man über niedersächsische Häfen in der Lage, »alles das an Flüssiggas zu importieren, was Deutschland jetzt an Erdgas aus Russland bezogen hat«. Das umweltschädliche Fracking sollen dagegen andere für die Bundesrepublik besorgen. Würde über derartige Projekte nachgedacht, »hätte man sofort jahrelange Streitigkeiten vor der Brust«, so der Ministerpräsident. Bis dahin sei »unser« Gasmangel »mit Sicherheit kompensiert, insbesondere durch die erneuerbaren Energien«.

Einen Fokus auf regenerative Energieträger wünschen sich auch Naturschutzverbände. In einer gemeinsamen Stellungnahme verurteilten die Landesverbände der Umweltschutzorganisationen Nabu und BUND in Niedersachsen das beschleunigte Verfahren und bemängelten einen fehlenden Fokus auf Umweltbelastungen durch die künftige mutmaßliche Frackinggaslandestation. Durch den Bau werde ein gesetzlich geschütztes Unterwasserbiotop zerstört, »das als Lebensraum für viele, teils bereits gefährdete Arten dient«, äußerte sich Michael Rode, stellvertretender Vorsitzender des BUND Niedersachsen, darin. Da die Nutzungszeit der Landestationen bis ins Jahr 2043 festgeschrieben ist, werde die Nutzung fossiler Energieträger, »insbesondere des klimaschädlichen Frackinggases«, über die nächsten Jahrzehnte »zementiert«, so die Umweltschützer. Dies sei »weder mit den Pariser Klimazielen noch mit den Zielen des Klimagesetzes vereinbar«.

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