75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. August 2022, Nr. 193
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 8 / Ansichten

Regelbasiert

Berlin empört über Mali
Von Arnold Schölzel
imago0155442043h.jpg
Auf verlorenem Posten: Bundeswehr-Soldat in Gao, Mali (12.4.2022)

Drei Tage bevor er den saudischen Journalistenzersäger und Kronprinzen Mohammed bin Salman in Paris mit Handschlag begrüßte, verurteilte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 26. Juli bei einer Rede in Kamerun mit der majestätischen Herablassung eines Kolonialmonarchen die »Heuchelei auf dem afrikanischen Kontinent«. Gemeint war: Die Mehrheit der Staaten dort weigert sich, nach dem Willen von NATO und EU von einem Krieg in der Ukraine zu sprechen, Russland als »neokoloniale Macht« zu bezeichnen und für stockende Getreidelieferungen Moskau verantwortlich zu machen. In Afrika verweist man u. a. auf den Ruin der eigenen Lebensmittelproduktion durch hochsubventionierte Agrarimporte aus Westeuropa und Nordamerika. Oder darauf, dass nach Jahrhunderten Sklaverei und Kolonialterror erst um 1960 Russland und China mit den »unabhängig« gewordenen Staaten diplomatische Beziehungen aufnahmen.

Als Macron auf einer weiteren Station seiner Reise, in Guinea-Bissau, der malischen Militärregierung vorwarf, sie gehe gezielt gegen das Volk der Fulbe (französisch Peuls) vor, war das Maß mal wieder voll. Bamako nannte Macrons Ausfälle am Sonntag offiziell »hasserfüllt und verleumderisch«.

Wut und Empörung des Westens über den Kontrollverlust nicht nur im Sahel, sondern auf dem ganzen Kontinent steigen. Gastgeber Olaf Scholz grinste das Ende Juni beim G7-Gipfel in Elmau noch weg. In Berlin herrscht nur gedämpftes Gejammer, etwa auf der Sondersitzung des Verteidigungsausschusses am Mittwoch. Dort erklärte dessen Vorsitzende, die im Felde unbesiegte tapfere Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP): »Wenn der Gastgeber den Gast (…) nicht mehr will, dann muss der Gast gehen.« Das Mandat der mehr als 1.000 Bundeswehr-Soldaten in Mali müsse überprüft werden. Und die nicht weniger kriegsgewinnende Annalena Baerbock steuerte aus Kanada bei: »Die Situation gerade ist alles andere als gut. Man braucht um den heißen Brei nicht herumzureden: Sie ist schlecht.« Schließlich klagte auch noch die FAZ am Donnerstag über »Schikanen gegen die Bundeswehr in Mali«. Die Truppe hatte sich, ohne zu fragen, ein Privathotel am Flughafen Bamako gebaut. Das wollen die malischen Behörden jetzt schließen. Alarmstufe eins in Berlin: Das ist der Beweis, in Mali steht der Russe.
Gegen den werden die deutsche Wüstentruppe und die übrigen 14.000 UN-Soldaten nämlich aufgeboten. Sagte gerade der scheidende Chef des US-Afrika-Kommandos in Stuttgart. Dort werden die Afrika-Kriege des Westens und ethnische Spaltungen gelenkt, Rohstoffe gesichert, die Listen mit Namen zu tötender »Terroristen« zusammengestellt und die Mordbefehle erteilt. Diese Arbeitsteilung zwischen Berlin und Stuttgart, die Tausende Zivilisten das Leben kostet, hat nichts mit Heuchelei zu tun, allein mit regelbasierter Politik. In Mali sind für die nächsten Tage erneut Massenproteste angekündigt.

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam ( 5. August 2022 um 13:57 Uhr)
    Der kleine Napoleon aus der selbsternannten »Grand Nation« wird zunehmend als Persona non grata in Afrika wahrgenommen. Wie ein Kolonialherr versucht er die afrikanischen Staaten zu belehren und ihnen die westliche Position zum Ukraine-Konflikt aufzudrängen. Nicht Demut, Entschuldigung und Wiedergutmachung für Jahrhunderte der Ausbeutung, Unterdrückung und Ermordung afrikanischer Menschen, sondern Drohungen, Beleidigungen und hasserfüllte Reden hört man aus den Staaten der ehemaligen Unterdrücker. Und der Anführer der angeblich demokratischen Allianz, der sich gerade selbst zum Polizisten, Richter und Henker in Personalunion ernannt hat, verwendet seine Terrororganisation fürs Grobe, um verloren gegangenen Einfluss zurückzugewinnen.
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 5. August 2022 um 10:46 Uhr)
    Wir sind die von Gott erwählten Guten und wollen doch nur stets das Beste. - »The White Man’s Burden« – warum begreift das denn der dumme und undankbare Neger nach fast zweihundertjähriger kolonialer Ausplünderung, Ausbeutung, Zerstörung, Entrechtung, Versklavung und Völkermord durch die christlichen Europäer noch immer nicht?

Ähnliche:

Mehr aus: Ansichten