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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 7 / Ausland
Südkaukasus

Baku zündelt

Aserbaidschan greift armenische Truppen bei Berg-Karabach an und fordert Schließung von Landkorridor
Von Emre Şahin
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Parade nach dem Sieg: Aserbaidschanische Soldaten in Schuschi am 27. September 2021

Erneut ist es in der sowohl von Armenien als auch von Aserbaidschan beanspruchten, nicht anerkannten Republik Arzach (Berg-Karabach) zu Kämpfen gekommen. Offiziell gilt zwar seit dem Winter 2020 eine Feuerpause, sie wird allerdings regelmäßig gebrochen. Verantwortlich für den Bruch am Mittwoch abend war laut dem Außenministerium in Moskau – die Waffenruhe im südkaukasischen Gebiet wird von 2.000 russischen Soldaten überwacht – Aserbaidschan, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax.

Das Verteidigungsministerium in Baku teilte am Mittwoch mit, lediglich reagiert zu haben: So seien aserbaidschanische Truppen aus dem Bezirk Latschin, der unter der Kontrolle der russischen Armee steht, beschossen worden. Dabei sei ein Soldat zum »Märtyrer« geworden. Baku habe daraufhin die Operation »Rache« als Reaktion auf »terroristische Aktivitäten illegaler, bewaffneter armenischer Gruppen« durchgeführt und vier armenische Soldaten getötet, hieß es. Auch seien parallel mehrere »strategische« Hochebenen bei Qolataki Glukh (Girkhgiz) unter Kontrolle gebracht worden.

Der armenische Premier Nikol Paschinjan wies die Anschuldigungen zurück und erklärte selbentags, es gebe keine Soldaten der Republik Armenien in Arzach. Tatsächlich mussten die sich mit der Waffenruhe im November 2020 zurückziehen. Geblieben sind lediglich Bataillone lokaler Kämpfer, zusammengeschlossen in der Arzach Verteidigungsarmee (ADF), die im besagten Abkommen nicht erwähnt wird. Die ADF teilte via Kurznachrichtendienst Twitter mit, dass sich die Lage am Donnerstag beruhigt habe und stabil sei. Tags zuvor hätten Einheiten der aserbaidschanischen Armee die Waffenruhe an mehreren Abschnitten verletzt und Mörser sowie unbemannte Flugzeuge eingesetzt. Zwei Soldaten seien durch Drohnenbeschuss getötet worden. Aserbaidschanische Medien bestätigten den Einsatz der Flieger und veröffentlichten Aufnahmen der türkischen TB-2 Bayraktar-Drohne. Angesichts der Spannungen gilt in Arzach seit Mittwoch abend die Teilmobilmachung.

Die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region wurde zur Zeit der Sowjetunion Aserbaidschan zugeschlagen. 1991 erklärte sie sich für unabhängig, wird international jedoch kaum anerkannt. Aserbaidschan versuchte, das Gebiet in einem Krieg zurückzuerobern, verlor diesen allerdings 1994. Einzelnen Kämpfen im Juli 2020 folgte im September darauf ein sechswöchiger Krieg, in dem Baku – aufgerüstet durch die Türkei und Israel – weite Teile Arzachs zurückeroberte. Der Krieg, der mehr als 6.500 Opfer zur Folge hatte, endete im November mit einer von Russland vermittelten Waffenruhe. Das Gebiet ist von Armenien aus lediglich durch den Latschin-Korridor zu erreichen, der von Moskau überwacht wird.

Jerewan wirft Baku vor, es auf den Korridor abgesehen zu haben, um die Region einkesseln zu können. Noch am Dienstag forderte Aserbaidschan, ihn zu schließen. Paschinjan erklärte am Donnerstag, Baku müsse das Abkommen von November 2020 respektieren – dazu gehöre auch die Existenz des Korridors. Derzeit sieht es nicht danach aus, als würde sich Aserbaidschans nationalistischer Präsident Ilham Alijew daran halten wollen: Baku hatte im vergangenen Jahr ein Wiederansiedlungsprogramm angekündigt. Unter anderem will der öl- und gasreiche Staat für 1,3 Milliarden US-Dollar neue Straßen, Brücken und Flughäfen bauen.

Kritik gab es unterdessen an Russland, dem die Bewohner Arzachs vorwarfen, nichts gegen die aserbaidschanischen Angriffe zu unternehmen. Der »Präsident« der Region, Arajik Harutjunjan, erklärte am Mittwoch, in der Gesellschaft herrsche eine »negative Haltung« gegenüber den russischen Truppen. Nutzer kommentierten auf Twitter mit Bezug auf das Motto der russischen Mission »Klarer Himmel über Karabach« sarkastisch, dass der so klar sei, dass Bayraktar-Drohnen dort frei fliegen könnten.

Im Juli besuchten mehrere hochrangige russische Politiker sowie der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergej Narischkin, Baku. Laut dem armenischen Journalisten Tigran Grigorjan sei der strategische Wert Aserbaidschans für Moskau infolge der westlichen Sanktionen gestiegen, unter anderem wegen des Nord-Süd-Korridors und des zunehmenden Handels mit dem Iran und Indien. Auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen war Mitte Juli in Baku, um ein Gasabkommen mit dem »zuverlässigen, vertrauenswürdigen Partner« zu unterzeichnen – auch zu Lasten der armenischen Position.

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