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Aus: Ausgabe vom 04.08.2022, Seite 12 / Thema
Bellizisten

Der schlimmste Feind

Chinas »Drei-Welten-Theorie« und die »K-Gruppen«. Wie der deutsche Maoismus lernte, die Bombe zu lieben, und bei den Grünen landete
Von Knut Mellenthin
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Diese westdeutsche Partei, die sich »KPD« nannte, sah im »russischen Sozialimperialismus« die größte Gefahr für die Menschheit (Parteikader Jürgen Horlemann mit Parteizeitung, 1973)

Die 1980 im Zeichen des Pazifismus gegründeten Grünen haben sich seit Mitte der 1990er Jahre zu einer Partei entwickelt, die sich in der Begeisterung für »gerechte« Kriege und in der Forderung nach »humanitären« Militärinterventionen von niemand übertreffen lassen will. Umfragen während des Kosovo-Kriegs in der ersten Jahreshälfte 1999 ergaben eindeutig, dass diese Tendenz nicht nur von der Führung der Partei ausging, sondern auch unter ihren Anhängern überdurchschnittlich stark verbreitet war. Am 31. März 1999, als der NATO-Bombenkrieg gegen Jugoslawien gerade ein paar Tage alt war, veröffentlichte der Stern die ersten Umfrageergebnisse über die Reaktionen der Bevölkerung, insgesamt und differenziert nach Anhängern der Parteien. Auf die Frage: »Dienen die Luftangriffe der NATO auf Jugoslawien dazu, humanitäre Ziele durchzusetzen?«, hatten laut Stern 72 Prozent der Grünen-Anhänger mit Ja geantwortet. In deutlichem Abstand folgten die Wähler von CDU/CSU mit 61 Prozent Ja-Sagern. Lediglich 58 Prozent der Sozialdemokraten waren dieser Meinung, und in der gesamten Bevölkerung waren es 54 Prozent.

Die Tatsache, dass die Grünen gegenwärtig als Hauptpartei des permanenten Rufs nach der Lieferung von immer schwereren und effektiveren Waffen an die Ukraine in allen Umfragen mit 22 bis 24 Prozent vor der SPD liegen, lässt erneut auf breite Zustimmung ihrer Anhängerinnen und Anhänger schließen. Bei der Bundestagswahl im September vorigen Jahres war die Partei nur auf 14,8 Prozent gekommen.

Radikalster und aktivster Vertreter der grünen Endsiegprediger ist der 71jährige Ralf Fücks. In seiner Jugendzeit während der 1970er Jahre gehörte er zu den Führungskräften des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland), der die Sowjetunion als »Hauptfeind der Menschheit« bekämpfte und damit vieles vom späteren Weltbild der Grünen vorwegnahm. Seit der Neugründung der parteieigenen Heinrich-Böll-Stiftung 1997 war Fücks bis 2017 einer von zunächst drei, später zwei Vorstandsmitgliedern. Finanziert werden die Parteistiftungen hauptsächlich aus dem Staatshaushalt, hinzu kommen projektbezogene Zuschüsse der EU. 2019 wurden die Einnahmen der Böll-Stiftung aus öffentlichen Fördermitteln mit etwas mehr als 70 Millionen Euro angegeben.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Vorstand der Parteistiftung gründete Fücks im November 2017 zusammen mit seiner Ehefrau Marieluise Beck das von ihnen seither geleitete Zentrum Liberale Moderne. Der Schwerpunkt der Einrichtung, die nach übereinstimmenden Berichten jährlich rund eine halbe Million Euro an staatlichen Zuschüssen erhält, liegt auf der Propaganda gegen Russland. Zu diesem Zweck werden zwei Internetforen mit den verheißungsvollen Namen »Russland verstehen« und »Ukraine verstehen« betrieben. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs geht eine kaum noch überschaubare Flut offener Briefe wesentlich auf das Kontaktnetz und die organisierende Tätigkeit von Fücks und Beck zurück. Generelles Thema der immer dringlicher und radikaler klingenden Aufrufe: Es gibt keinen Spielraum für eine diplomatische Lösung des Konflikts. Der Krieg muss mit einer militärischen Niederlage Russlands enden, weil Putin anderenfalls auch Mitteleuropa bedrohen würde. Um Russland zu besiegen, benötige die Ukraine einen ununterbrochenen, und ganz außerordentlichen Zustrom modernster Waffen.

Einwände gegen diese Propagandalinie wischt Fücks als »Unterwerfungspazifismus« beiseite, wie in einem Gastbeitrag für den Spiegel vom 13. Juli. »Jeder abgeschossene Panzer, jeder zerstörte Raketenwerfer, jede aufgeriebene Kompanie der russischen Armee« erhöhe »unsere Sicherheit«, schrieb er dort. »Wenn wir Russland von der NATO fernhalten wollen, müssen wir alles tun, damit Putin an der Ukraine scheitert. (…) Wenn der Westen nicht die Kraft hat, ihn in der Ukraine zu stoppen, ist der nächste Vorstoß nur eine Frage der Zeit. (…) Wenn Putin auch nur mit einem Teilerfolg vom Schlachtfeld geht, werden wir eine lange Periode der Kriegsgefahr und Instabilität an der östlichen Flanke Europas erleben.«

Falls Fücks dieser Logik konsequent weiter folgen will, muss ernsthaft damit gerechnet werden, dass er irgendwann auch für ein direktes Eingreifen der NATO in den Krieg gegen Russland plädieren wird, um eine unmittelbar bevorstehende militärische Niederlage der Ukraine – die letztlich doch nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen ist – oder einen Waffenstillstand unter ungünstigen Bedingungen abzuwenden.

Die aggressivere Supermacht

Als Person repräsentiert Fücks das vergiftete Erbe, das Hunderte Mitglieder früherer ­»K-Gruppen«, die sich in den 1970er Jahren an den damaligen geostrategischen Leitlinien der KP Chinas orientiert hatten, ab 1980 in die frisch gegründete, politisch diffuse und leicht zu lenkende »grüne« Partei hineintrugen. Die programmatische Grundlage dieser Leitlinien wurde als »Drei-Welten-Theorie« bezeichnet und spielt in der Politik der Volksrepublik schon längst keine Rolle mehr, auch wenn sie niemals öffentlich kritisiert und aus dem Verkehr gezogen wurde.

Damals legte die KP Chinas großen Wert auf die Behauptung, dieses Konstrukt von Behauptungen und Bewertungen sei von Mao Zedong – bis zur Umschriftreform 1979 als Mao Tse-tung transkribiert – persönlich entwickelt worden. In Wirklichkeit gibt es für diese Version nicht einmal glaubwürdige Anhaltspunkte. Der Parteivorsitzende, der am 9. September 1976 im Alter von 82 Jahren starb, hatte zu diesem Zeitpunkt längst aufgehört, theoretische Schriften zu verfassen. Die aus dem Zusammenhang gerissenen angeblichen Zitate, die von chinesischen Medien während der 1970er Jahre sporadisch veröffentlicht wurden, waren ohne genaue Zuordnung. Der einzige ausführliche und bedeutende Text zum Thema erschien ohne Autorenangabe erst mehr als ein Jahr nach Maos Tod am 1. November 1977 in der Parteizeitung Renmin Ribao (Volkszeitung). Eine Woche später veröffentlichte die deutschsprachige Wochenzeitung Peking-Rundschau Auszüge aus dem Artikel. Eine deutsche Gesamtübersetzung erschien 1977 im »Verlag für fremdsprachige Literatur« unter dem Titel »Die Theorie des Vorsitzenden Mao über die Dreiteilung der Welt ist ein bedeutender Beitrag zum Marxismus-Leninismus« als 89 Seiten starke Broschüre.

Zu dieser Zeit war die Öffentlichkeit, sofern sie sich dafür interessierte, den Begriff »Drei-Welten-Theorie« schon seit mehreren Jahren gewohnt. Neu und in dieser Eindeutigkeit überraschend war in dem Artikel vom 1. November 1977 aber die Behauptung, von den zwei »imperialistischen Supermächten« USA und Sowjetunion sei letztere die wildere, rücksichtslosere und tückischere und »die gefährlichste Quelle eines weiteren Weltkriegs«.

Bis dahin war es ein weiter Weg gewesen. Die erste Zusammenfassung der »Drei-Welten-Theorie« in ihrer damals noch vergleichsweise harmlosen Form hatte Teng Hsiao-ping – Umschrift seit 1979: Deng Xiaoping – mit einer Rede geliefert, die er am 10. April 1974 während einer Sondersitzung der Vereinten Nationen zum Thema »Rohstoffe und Entwicklung« gehalten hatte. Deng war zu dieser Zeit einer der stellvertretenden Premierminister mit dem speziellen Aufgabenbereich, die Volksrepublik bei Auftritten im Ausland zu repräsentieren. In seiner Rede beschrieb Deng die »zwei Supermächte« als »die größten internationalen Ausbeuter und Unterdrücker der heutigen Welt« und als »Quelle eines neuen Weltkriegs«. Die Stellung der entwickelten Länder zwischen den Supermächten und den Entwicklungsländern sei kompliziert. Einerseits seien einige von ihnen immer noch Kolonialmächte oder würden immer noch mehr oder weniger koloniale Beziehungen aufrechterhalten. Andererseits würden alle diese Länder in unterschiedlichem Grad von einer der Supermächte oder von beiden kontrolliert, bedroht oder unterdrückt. Einige von ihnen seien von einer der Supermächte unter dem Aushängeschild »Familie« auf einen Abhängigkeitsstatus reduziert worden. »In unterschiedlichem Ausmaß haben alle diese Länder das Bedürfnis, die Versklavung oder Kontrolle durch die Supermächte abzuschütteln und ihre nationale Unabhängigkeit, ihre Integrität und Souveränität zu schützen.«

Europa sei, sagte Deng weiter, »in strategischer Hinsicht der Brennpunkt ihres Ringens, wo sie – die beiden Supermächte – sich in ständiger Konfrontation befinden. Sie intensivieren ihre Rivalität im Nahen Osten, im Mittelmeer, im Persischen Golf, im Indischen Ozean und im Pazifik. Ständig reden sie über Abrüstung, aber sie betreiben Aufrüstung. Ständig sprechen sie von ›Entspannung‹, aber in Wirklichkeit schaffen sie Spannungen.« Die Gefahr eines weiteren Weltkriegs existiere immer noch, gab Deng eine vermutlich echte Äußerung Maos wieder, und die Völker aller Länder müssten sich darauf vorbereiten. Aber »die Haupttendenz in der heutigen Welt« sei Revolution.

Die spätere Weiterentwicklung der »Drei-Welten-Theorie«, wonach die Sowjetunion nicht nur eine Supermacht wie die USA, sondern sogar noch weitaus aggressiver und gefährlicher als diese sei, löste bei den links firmierenden Organisationen, die sich in vielen Ländern positiv auf das Vorbild der KP Chinas bezogen und deren Weltsicht nachzuahmen versuchten, eine Verstärkung ihrer Polemiken gegen den »Sozialimperialismus« aus.

»Entartung« des Sozialismus

Was waren die wesentlichen Argumente der chinesischen Partei- und Staatsführung für diese These, die in dem Artikel der Renmin Ribao vom 1. November 1977 dargelegt wurden? Erstens: Die Sowjetunion sei aggressiver und abenteuerlicher als die USA, weil sie als Nachzüglerin unter den imperialistischen Ländern eine Neuaufteilung der Welt anstrebe. Grundsätzlich beriefen sich die Autoren des Artikels dabei auf Äußerungen Lenins und auf das Beispiel Deutschlands unter der Kaiserherrschaft und dem Faschismus.

Zweitens: Die Sowjetunion habe zwar in wirtschaftlicher Hinsicht die »zweitklassigen« imperialistischen Länder bei weitem überholt – was definitiv nicht der Fall war –, sei aber vergleichsweise immer noch schwächer die USA. Daher müsse sie sich hauptsächlich auf ihre Militärmacht verlassen und zu Kriegsdrohungen greifen, um expandieren zu können. Sie betreibe Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen, um militärische Überlegenheit zu erlangen und mit deren Hilfe »die Ressourcen, den Wohlstand und die Arbeitskraft anderer Länder an sich zu reißen und ihre wirtschaftliche Unterlegenheit auszugleichen«.

Drittens: Die »sowjetische bürokratisch-monopolkapitalistische Gruppe« habe eine »hoch­zentralisierte sozialistische staatseigene Wirtschaft« in eine »staatsmonopolistisch-kapitalistische Wirtschaft« verwandelt, wofür es kein Beispiel in einem anderen imperialistischen Land gebe, und habe einen »Staat unter faschistischer Diktatur« geschaffen. Daher falle es der Sowjetunion leichter als ihren Konkurrenten, die gesamte Wirtschaft auf eine militärische Grundlage zu stellen und den Staatsapparat zu militarisieren.

Viertens: Der »sowjetische Sozialimperialismus« sei das Ergebnis einer »Entartung« des ersten sozialistischen Landes der Welt. Daher könne die Sowjetunion »das Ansehen Lenins ausbeuten, die Fahne des Sozialismus schwenken und überall die Menschen täuschen«. Im Gegensatz dazu hätten die USA seit langer Zeit eine Politik der Aggression und des Hegemonismus betrieben, seien damit immer wieder auf Widerstand gestoßen und hätten sich vor dem »Proletariat und den unterdrückten Völkern und Nationen« bloßgestellt. Diese Behauptung mochte damals vielen Linken vor dem Hintergrund der Niederlage der USA in Vietnam und im übrigen Indochina plausibel erscheinen. Längerfristig erwies sich diese Annahme jedoch als voreilig, oberflächlich und falsch. Nicht die USA waren zu dieser Zeit eine »absteigende Supermacht«, wie damals von chinesischer Seite ständig behauptet wurde, sondern die Sowjetunion befand sich in der Anfangsphase einer tiefgehenden, allseitigen Krise, die wenige Jahre später zur Übergangsherrschaft unter Michail Gorbatschow und im Dezember 1991 zu ihrer chaotischen Auflösung in Einzelstaaten ohne Regelung der sich daraus zwangsläufig ergebenden juristischen Fragen und praktischen Probleme führte.

Phantasievolle Geschichten

Eine praktische Schlussfolgerung aus dieser Sicht oder Darstellung der Weltlage war, dass China damals die Staaten Westeuropas, Japan, Australien/Neuseeland und Kanada ermutigte und aufforderte, sich der angeblichen ­»sowjetischen Strategie im Streben nach Weltherrschaft« politisch, wirtschaftlich und militärisch zu widersetzen. Aggressives und provozierendes Verhalten westlicher Regierungen und einzelner Politiker gegen die Sowjetunion wurde als Ausdruck von »Wachsamkeit« – einige Jahre lang ein Lieblingswort der chinesischen Propaganda – gelobt. Im Gegensatz dazu wurden Entspannungspolitik, Ausbau wirtschaftlicher Verbindungen und Abrüstungsverhandlungen als »Beschwichtigungspolitik«, englisch »Appeasement«, getadelt. Indirekt, oft genug auch explizit wurde eine Gleichsetzung mit der Politik Großbritanniens und Frankreich gegenüber dem Deutschen Reich in den 1930er Jahren vollzogen.

Im Großen und Ganzen folgten die an der KP Chinas orientierten Organisationen deren zu jener Zeit rasch wechselnden Vorgaben. In der BRD war das neben dem KBW – der zahlenmäßig stärksten der »K-Gruppen« – die sogenannte KPD. Im Februar 1970 als »Kommunistische Partei Deutschlands – Aufbauorganisation« (KPD-AO) gegründet, trug sie seit Juli 1971 den Namen der 1956 verbotenen traditionsreichen Partei.

Als deren Nachfolgeorganisation wurde sie vom Verfassungsschutz jedoch niemals verdächtigt. Das garantierte ihre absolut feindselige Einstellung gegen die Sowjetunion. Schon während des BRD-Besuchs von Leonid Breschnew im Mai 1973 hatte die KPD zu Demonstrationen unter Parolen wie »Breschnew und Brandt – Volksfeinde Hand in Hand« aufgerufen.

Ein anderes Beispiel aus dieser Zeit: Nach dem Sturz des portugiesischen Faschismus durch Teile der Streitkräfte am 25. April 1974 betrieben die reaktionären Kräfte des Landes mit Unterstützung der NATO eine Gegenrevolution. Die gelang ihnen weitgehend mit einem Staatsstreich am 25. November 1975. Der militärische Führer der »Nelkenrevolution« von 1974, Otelo Saraiva de Carvalho, wurde abgesetzt und unter Arrest gestellt. Die Rote Fahne der KPD rechtfertigte die Gegenrevolution in ihrer Ausgabe vom 26. November 1975 mit der Behauptung, die portugiesische KP habe die Absicht, »eine sozialfaschistische Diktatur nach dem Moskauer Vorbild« zu errichten. Dass die Kommunistische Partei Portugals – ähnlich wie andere linke Organisationen des Landes – nach dem Gegenputsch zu Proteststreiks aufgerufen hatte, kommentierte die Rote Fahne so: »In dieser gefährlichen und schwierigen Situation müssen wir mit allen Kräften das portugiesische Volk im Kampf gegen die Bürgerkriegsdrohungen, gegen die Provokationen der Sozialfaschisten unterstützen.«

Manches, was die Anhänger der »Drei-Welten-Theorie« damals schrieben, klingt nach fast 50 Jahren verblüffend aktuell. So konnte man in der Roten Fahne der KPD vom 10. Dezember 1975 unter der Überschrift »Die Energie-Politik der Schmidt-Regierung ist arbeiterfeindlich und führt in die Abhängigkeit vom Sozialimperialismus« lesen: »Gerade die jüngsten Erdgasgeschäfte mit der Sowjetunion bieten dem russischen Sozialimperialismus nicht nur glänzende Möglichkeiten, Profit zu machen, sondern auch und hauptsächlich die Möglichkeit, europäischen Ländern den Gashahn abzudrehen und damit von ihnen politische Zugeständnisse zu erpressen.«

Diese Warnung verband die Rote Fahne mit einer scharfen Polemik gegen die Reduzierung der Verwendung einheimischer Steinkohle zum Betrieb von Kraftwerken. Späte Genugtuung: Seit dem 14. Juli des laufenden Jahres erlaubt eine Verordnung die Wiederinbetriebnahme von Steinkohlekraftwerken, um den Boykott von russischem Erdgas zu unterstützen. Am 1. August wurde gemeldet, dass in Niedersachsen erstmals ein mit Steinkohle betriebenes Kraftwerk »vor dem Neustart« steht.

Den KBW trieb in den 1970er Jahren besonders die scheinbare Gewissheit um, dass Europa das Zentrum des »Ringens der Supermächte um Hegemonie« sei und zum Schauplatz eines nahe bevorstehenden Krieges werden würde. Fast in jeder Ausgabe seiner wöchentlich erscheinenden Kommunistischen Volkszeitung (KVZ) gab es lange phantasievolle Geschichten über die angeblichen Vorbereitungen der Sowjetunion auf diesen Krieg, in deren Mittelpunkt die sowjetische Kriegsflotte und deren weltweite Jagd nach Stützpunkten standen.

So konnte man beispielsweise in der KVZ vom 26. Dezember 1977 lesen: »Die neuen Zaren in der Sowjetunion wollen die Bedingungen schaffen, um im raschen und erfolgreichen Zugriff auf Westeuropa sich die ökonomische Basis zur Erlangung der Weltherrschaft zu sichern. Dazu müssen sie sich in die Lage versetzen, die Verbindungslinien des imperialistischen Hauptkonkurrenten und Rivalen beim Kampf um die Weltherrschaft, der Supermacht USA, nach Westeuropa abzuschneiden oder zumindest so zu behindern, dass der Transport von Material und Menschen im strategischen Umfang nicht mehr möglich ist.«

Überschrieben war dieser Artikel mit »Sozialimperialisten bauen ihre nördlichen und südlichen Militärbasen um Westeuropa aus«. Die dort erwähnten Stützpunkte in Nordeuropa befanden sich allerdings nur auf dem Gebiet der Sowjetunion und von Stützpunkten im Westen und Süden, die eine Unterbrechung der Verbindungen zwischen den USA und Europa auch nur rein theoretisch hätten ermöglichen können, war gar nicht die Rede. Tatsächlich gab es nicht einen einzigen. Die Behauptungen der KVZ zum militärischen Kräfteverhältnis zwischen den USA und der Sowjetunion waren nicht nur in diesem Artikel, sondern fast durchgängig krass falsch.

Giftgrüner Nachlass

Der »Drei-Welten-Theorie« war vor fast einem halben Jahrhundert keine lange Zukunft beschieden. Ihr mutmaßlicher Erfinder und offensichtlicher Hauptvertreter Deng Xiaoping verlor Ende der 1980er Jahre schrittweise seinen direkten Einfluss auf die chinesische Selbstdarstellung und Politikgestaltung. Im Mai 1989 stattete Gorbatschow – Generalsekretär des ZK der KPdSU seit März 1985 – der Volksrepublik einen Staatsbesuch ab und vereinbarte die Wiederherstellung normaler Beziehungen. Es folgte eine Phase gegenseitiger Besuche und intensiver werdender Verhandlungen, aus denen sich im Juli 2001 die Unterzeichnung eines Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit ergab.

Wie ernst es der chinesischen Partei- und Staatsführung mit der »Drei-Welten-Theorie« jemals gewesen war, ist eine offene Frage. Letztlich prägte diese »Theorie«, die eine falsche Darstellung der Kräfteverhältnisse zur Voraussetzung hatte, nur einen vergleichsweise kurzen Abschnitt von nicht einmal 15 Jahren. In dieser Zeit erreichte die Volksrepublik die Normalisierung ihrer Beziehungen zu den USA (Januar 1979) und schuf die Grundlagen für erhebliche Investitionen westlicher Länder in ihre Wirtschaft, die mit dem kaum weniger wertvollen Import von technischem Know-how verbunden waren. Praktisch verschaffte die mit der »Drei-Welten-Theorie« verbundene Politik der VR China eine Art Ruhepause in einer kritischen Phase ihres Aufstiegs.

Die meisten ausländischen Organisationen, die in den 1970er Jahren den Extravaganzen der KP Chinas gefolgt waren, existieren schon lange nicht mehr. Die KPD beschloss im März 1980 ihre Selbstauflösung. Der KBW hielt nach mehreren Spaltungen 1979 und 1980 vermutlich nur deshalb noch formal bis 1985 durch, weil zuerst die Verfügung über millionenschweres Grundeigentum geklärt werden musste. Aus beiden Organisationen strömten Hunderte ehemalige Mitglieder in die im Januar 1980 konstituierten Grünen. 1983 schaffte es die neue Partei erstmals in den Bundestag, in dem seit 1961 nur CDU/CSU, SPD und FDP vertreten gewesen waren. In den Jahren 1985 bis 1986 stellten die Grünen in Hessen mit dem ehemaligen »Sponti«-Politiker Joseph »Joschka« Fischer erstmals einen Landesminister. Fischer war es dann auch, der die Grünen als Fraktionsvorsitzender im Bundestag seit Mitte der 1990er Jahre zur Unterstützung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr brachte und die Partei schließlich 1998/99 als Außenminister unter Gerhard Schröder in den Krieg gegen Jugoslawien führte, »wo ein neuer Faschismus zu siegen droht« (Interview mit Fischer im Spiegel, 20.8.1995).

Knut Mellenthin schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 25. Mai zur Geschichte des deutschen Russland-Hasses: »Blutige Arbeit zu verrichten«.

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  • Leserbrief von Dirk Vogelsang aus Lilienthal (15. August 2022 um 13:12 Uhr)
    Der westdeutsche »Maoismus« als früher Initialzünder heutiger kriegstreibender, revanchistischer und russophober Grünen-Politik (letztere zutreffend so beschrieben) – diese These ist der jW zwei ermüdende Seiten wert. Sie ist, mit Verlaub, ausgemachter Blödsinn. Schlimmer noch, dass Autor Knut Mellenthin es fertigbringt, bei seiner Abrechnung mit den »K-Gruppen« der 70er Jahre das seinerzeit zentrale, alles überlagernde Thema des Revisionismus (damals »moderner Revisionismus« genannt) vollständig auszublenden. Ob und inwieweit dieser Begriff eine zutreffende Charakterisierung dessen ist, was er bewusst in Anführungszeichen setzt (»Entartung«), ist dabei – zunächst – egal: für die Herausbildung der nach Zerfall des SDS aus dem Zirkelwesen gegründeten K-Gruppen (in den westdeutschen Medien verallgemeinernd als »Neue Linke« tituliert) war die scharfe Abgrenzung vom Revisionismus und Reformismus ein entscheidender, nach dem Selbstverständnis existentieller Punkt. Unbestreitbar trieb das der Kulturrevolution entlehnte Primat des »Kampfes zweier Linien« zum Teil
    irrwitzige Blüten wie eben die von KPD(AO) und KPD/ML vertretene »Hauptfeind«-Theorie, die sich der KBW (dem ich jahrelang angehörte) ebenso wenig zu eigen machte wie der KB (Nord) oder der KABD. Dem gegenüber standen die Unfähigkeit und der Unwille, sich mit dem, was in der Sowjetunion schiefgelaufen war (»allseitige Krise«?) und schließlich in der Unterwerfung durch Jelzin, Gorbatschow & Co. mündete, kritisch auseinanderzusetzen, und die ewige Sehnsucht nach dem anderen (»richtigen«) Staat, welcher die Reste der DKP und leider auch ein großer Teil der jW-Redaktion bis heute
    nachhängen. Diese Auseinandersetzung gesucht und geführt zu haben, ist das historische Verdienst vor allem des KBW, denn ohne kritische Aufarbeitung der Fehlentwicklungen seit 1945 und der Illusion, der bürgerliche Staat ließe sich »überwinden«, bleibt der Kommunismus selbst eine. Dies alles beiseite zu wischen, mit einer an den Haaren herbeigezogenen »Nachlass«-Konstruktion und genussvollen Hinweisen auf eine angeblich hohe Renegaten-Quote (am Beispiel von R. Fücks – geschenkt, galt bei uns damals
    schon als solcher), bringt in der Sache kein Stück weiter.
  • Leserbrief von Joán Ujházy ( 8. August 2022 um 15:44 Uhr)
    Zur Ergänzung zu diesem Artikel: Grüne Maoisten. Ein Artikel von Marco Wenzel https://www.nachdenkseiten.de/?p=68661
  • Leserbrief von Gerd-Rolf Rosenberger aus Bremen ( 5. August 2022 um 11:17 Uhr)
    Im Oktober 1976 vor dem Hertie-Kaufhaus in der Gerhard-Rohlfs-Straße in Bremen-Vegesack: »Kommunistische Volkszeitung, Zentralorgan des Kommunistischen Bundes Westdeutschland! Kauft die KVZ!« Lauter Ausrufer war der KBW-Mann Ralf Fücks. Regelmäßig wurde an den Samstagen die revolutionäre Theorie von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Tse-Tung und Enver Hoxha hochgehalten. Neben dem KBW war auch der KB Nord öfters vor dem Kaufhaus präsent, wir von der DKP mit unserer UZ wöchentlich sowieso.
    Ein Jahr zuvor fand in der Bremer Uni mit Ralf Fücks, Wilfried Maier, Chefideologe des KBW, später Landessenator in Hamburg für GAL und die Grünen, den Kommunisten Willi Gerns, Robert Steigerwald, Günter Weiß, in einer überfüllten Uni-Mensa eine unglaublich engagierte Diskussion über die »Richtigkeit kommunistischer Ideologie, über das Gift des Revisionismus und Opportunismus«, statt. Ralf Fücks brachte einen Diskussionsbeitrag; in einer Broschüre ist sein Beitrag erschienen.
    Was für eine »Zeitenwende« Jahrzehnte später: Vor kurzem trafen sich Fücks, Marie-Luise Beck und Michail Chodorkowski zu einem üppigen Frühstück. Chodorkowski, keineswegs ein Menschenrechtler, der es auf kriminellen Wegen zu unermesslichem Reichtum gebracht hat, in Luxushotels übernachtet, wo der Standardpreis für eine Nacht fast 3.000 Euro schon kosten kann.
    Nicht nur Ralf Fücks und Marie-Luise Beck fordern moderne schwerste Waffen für die Ukraine. Den früheren Minister der Grünen, Jürgen Trittin, auch Mitglied des KB gewesen, trafen wir von der Initiative »Nordbremer Bürger gegen den Krieg« am 1. Mai auf dem Weg zur Demo und forderten ihn auf, bei seiner Mairede in Bremerhaven sich klar gegen schwere Waffenlieferungen zu positionieren. Als Kriegsdienstverweigerer verteidigte er lautstark schwere Waffen; die politische Verkommenheit dieser grünen Bellizisten ist nicht mehr steigerungsfähig!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg-Altona ( 4. August 2022 um 21:18 Uhr)
    Zu Beginn, Ende der 60er Jahre, hatte ich den K-Gruppenschreihälsen noch glaubt – weil ich als jugendlicher Bauarbeiter kaum politisches Wissen hatte. Sie waren für mich attraktiv, weil sie gegen die herrschende Ordnung waren. Die Attraktivität verflog aber schnell wieder als ich merkte, dass sie ihren »revolutionären Lebenssaft« aus Buchwissen und nicht aus revolutionärer Praxis bezogen. Heute weiß ich natürlich, dass die kleinbürgerliche K-Gruppenbewegung weder was mit Klassenbewusstsein noch revolutionärer Praxis zu tun hat. Demos, unverständliche Flugblätter und abgekupferte Broschüren waren deren »Praxis«. Deren Maoismus diente hauptsächlich dazu, sich nicht mit der politischen Realität der BRD-Arbeiter und der eigenen Geschichte des Faschismus praktisch auseinanderzusetzen. Da ist es doch einfacher, sich an die Ideologie des Maoismus dranzuhängen, statt das »eigene Haus« auszumisten. Um Deng zu verstehen, sollte man wissen, dass China in den 60er und 70er Jahren ein Land war mit gleichmäßig verteilter Armut. Deng gelang es, die extreme Armut zu beseitigen. Deng formulierte es so: »Lasst einige zuerst reich werden.« Damit meinte er die Küstenstädte, die Städte im Landesinneren sollten folgen – ein Wirtschaftswachstum mit zwei Geschwindigkeiten. 1979 formulierte Deng vier Grundprinzipien, damit das Land nicht kapitalistisch wird: 1. Die Aufrechterhaltung des sozialistischen Entwicklungsweges. 2. Die Aufrechterhaltung der demokratischen Diktatur des Volkes. 3. Die Aufrechterhaltung der führenden Rolle der Kommunistischen Partei. 4. Die Aufrechterhaltung der Mao-Zedong-Gedanken und des Marxismus-Leninismus. Korruption und Amtsmissbrauch haben in den Jahren der Reform und Öffnung das Ansehen der Partei beschädigt. Unter Xi Jingping wurden die Kriterien für eine Parteiaufnahme erheblich verschärft. Was mit der Antikorruptionskampagne zu einem Rückgang der Mitgliederzahl führte. Dass der Sozialismus eine lange Übergangsphase benötigt, ist bekannt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg ( 4. August 2022 um 13:32 Uhr)
    Vielen Dank an Knut Mellenthin für diesen detaillierten und erhellenden Rückblick auf die westdeutschen KP-Gruppen als Teil der damaligen westdeutschen Linken, die ja alle im ideologischen Wettstreit miteinander standen, die dann auch ihre jeweiligen Sichtweisen auf Maos Revolution und die Entwicklung Chinas projizierten. Danke bspw. auch für den Blick auf heute vernachlässigte Aspekte in der Entwicklung Chinas mit dem Hinweis auf die 1979 veröffentlichte Umschrift der Mao-Texte von Deng Xiaoping, die in 70ern nur 15 Jahre lang die chinesische offizielle politische Linie vertrat. Auch alles Folgende durchleuchtet das in seinem im Wechsel und in ständiger Reaktion aufeinander komplexe Geschehen und liefert eine der Begründungen für die jetzt als »Giftgrüne« erscheinende politische Partei. - Aber ich möchte am Schluss noch die naive Frage stellen: »Wo bleibt die Liebe?« Auch aus dialektisch-materialistischer Sicht könnte man bspw. noch das im Menschen ebenfalls vorhandene Hormon, das »Oxytozin«, ins Spiel bringen, das sogenannte Kuschelhormon, das uns ermöglicht, »Brutpflege«, den Erhalt der uns umgebenden Natur zu betreiben und einander mit Zuwendung zu begegnen? - »Und würdet ihr mit Engelszungen reden, hättet aber die Liebe nicht, ihr wärt nur klingendes Erz …« Apostel Paulus, N.T.

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