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Aus: Ausgabe vom 04.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Bayreuther Festspiele

Buhbuh in Bayreuth

Waffenlos bleibt man, aber es geht immer weiter: »Der Ring des Nibelungen« bei den Richard-Wagner-Festspielen, Teil zwei, »Die Walküre«
Von Maximilian Schäffer
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»Aus eurer Schar ist die treulose Schwester geschieden«: Walküren proben den Aufstand in der Schönheitsklinik

Wann ist’s endlich vorbei? Es hört nie auf. Die deutsche Reichseinigung wurde 1871 organisiert, darüber herrscht in Walhallas Akademien Einigkeit, damit die Familie Wagner ein standesgemäßes Haus bewohnen und ein anderes bespielen konnte. Die Bestechungsgelder des Herrn Bismarck an den schrumpfhirnigen Ludwig II., damit dieser den Antrag unterschrieb, aus perversen Hohenzollern deutsche Kaiser zu küren, wanderten direkt auf Bayreuths Hügel. Und schon 1876 hatte »Die Walküre« dortselbst Premiere.

Aber Bayreuth lechzt noch immer nach Erlösung, das Personal der Republik versagt seit 1919. Im Kreise der Familie Wagner erhielt der schrumpfhodige Adolf Hitler den Kosenamen »Onkel Wolf«. Der Freund des Hauses, U.S.A., »Unser seliger Adolf«, gab jedes Jahr 50.000 Mark Stütze aus des Reichskanzlers privatem Raubdiebstahls-Goldkästlein an Frau Wagner, gebürtige Williams. Wo’s an Führern mangelt, gibt’s Sozialdemokraten, die zahlen und die bilden sich ein, auch inszenieren zu dürfen.

Wann ist’s endlich vorbei? Das noch lebende Publikum lechzt nach fränkischem Bier schon im zweiten Akt der »Walküre«, während deren Geschäftsgrundlage, die sogenannten Wagnerianer, sich und jede Bedeutung auf den unbequemen Bänken geißeln. Die Eigengeißelung ist gelebte deutsche Kulturpraxis, die Maske ist jetzt »freiwillig«, aber im Antlitz aller Achtsamkeit gelebtes Bekenntnis. Ein Freund des Meisters flatulierte im Konzerthaus nicht einmal in die Kinnwindel. Was Wagner konnte: Ouvertüren, Vorspiele, einen halben Schlager pro Oper, einen Weckruf pro Akt. Auf den Walkürenritt warten sie insgeheim alle, obwohl sie den restlichen Plunder auch in ihr geistiges Schmuckschatüllchen gesteckt haben, sich gegenseitig drüber abfragen: »Jetzt sag mal, Franze, wie heißen die Rheintöchter? – Wellgunde, Wogline und Flosshilde.«

Valentin Schwarz, Geburtsjahr 1989, darf dieses Jahr 16 Stunden Füllmusik und archetypische Streckmasse aus Stabreimen im Familienheim der Wagners anfassen. Der Mittelstand füllt Räume gerne mit Möbeln und Soziologie. Das ist langweilig, deshalb wühlt Schwarz Pistolen aus der Requisite. Dieser Ring soll eine Oberschichtstelenovela sein. Niemand weiß, was Walküren sind, aber jeder kennt »Dallas« oder »Downtown Abbey«. Schwarz hockt sehr selbstbewusst auf Figuren und Symbolen, die der Leipziger Bullensohn in 26 Jahren einst sehr fleißig arrangierte. Dazu gibt es täglich eine Onlineeinführung zur Inszenierung, nicht zum Werk. Die kann man mittels QR-Code im Smartphone abrufen. Der Ring ist nämlich ein Adoptivkind mit gelber Mütze. Das Schwert ist eine Pistole. Die Weltesche, in der das Schwert die Weltfragen klären könnte, eine pyramidische Lampe ohne Lava. Gleichzeitig modert die Esche im Heim der göttlichen Inzucht und ist ein Baum. Der Herr Hunding versucht Siegmund nicht umzubringen, dafür Freia sich selbst. Sieglinde ist von Anfang an schwanger. Die Walküren sitzen in der Schönheitsklinik. Wotan begrabscht seine Tochter. Das Feuer auf dem Berg, die Damsel in Distress umschließend, kommt als Kerze auf einem Servierwagen eingefahren. Andreas Schmidt, Herausgeber von klassik-begeistert.de, kennt alle Texte und Symbole auswendig. Er sagt mir am Ende, was das alles soll und ob es der schlechteste Ring aller Zeiten war. Die Walküren, diagnostiziere ich, leiden an Verstopfung und Darmverhärtung. Die Oper behandelt Drüsenübungen zur Freilegung des den Körpers durchziehenden Äthers, dabei hilft rhythmisches Atmen.

Meine Kollegen von Tagesspiegel, Mannheimer Morgen und Süddeutscher Zeitung sind alle ausgebildete Therapeuten zur Blutreinigung mittels Wasserkuren. Je reiner das Blut auf dem Hügel pulsiert, um so schwerer gelingt es Fremdstoffen, Krankheiten zu erzeugen. Zu ihrem Glück ergab sich ein eindeutiges und bemerkenswertes Ereignis im zweiten Akt: Tomasz Konieczny als Wotan lässt sich in den dekorativen »Eames Lounge Chair« plumpsen und der »Eames Lounge Chair« (wohl ein günstiger Nachbau, das Original von Vitra aus der Schweiz kostet mindestens 10.000 handgedrechselte, nachhaltige, wertstabile Euro) bricht an der Lehne ab. Herr Konieczny, studierter Schauspieler, löst das Ereignis wie ein Stuntman. Überspielt professionell den Unfall, singt knapp eine Stunde lang eisern weiter. Zu Beginn des dritten Aktes dann die Ansage: Verletzung, Ausfall. Andreas Schmidt klärt mich auf, dass der Konieczny ein leidenschaftlicher Löwe aus Lodz sei und niemals eine Vorstellung sausen lassen würde. Erstdiagnose nach Telefonat: Prellung.

Vom »Rheingold« zur »Walküre« steigerte Wagner seinen Ruf mittels kompliziertester Gesangspartien. Für eine Sängerakademie in Bayreuth reichte das preußische Bestechungsgeld an den schrumpfhirnigen Kini (bayrisch für »König«, jW) damals nicht mehr. Deshalb müssen in der »Walküre« heute die wirklich teuren Stars singen. Klaus Florian Vogt als Siegmund, Georg Zeppenfeld als Hunding, Lise Davidsen als Sieglinde. 300 Seiten Einführungsliteratur braucht niemand, hier bemerkt auch das ungeschulteste Ohr Gesangsleistungen auf Weltniveau. Die Sänger arbeiten hart und gut. Das Dirigat von Cornelius Meister hingegen bleibt bemerkenswert unfokussiert, stillos, sozialdemokratisch. Ich hätte so gerne einmal den Walkürenritt wie einst dieser »Onkel Wolf« geboten bekommen. So würdevoll, wie ihn nur der Staatsrat Tietjen dirigieren konnte, als er vom Sozialdemokraten zum Nazi geworden war. Zeit und Ort müssen sich erst wieder entwickeln, sie sind auf einem guten Weg, die Staatskohle fließt ohne Sanktionen. Bayreuth buht heute schon wieder, hofft auf weitere Ereignisse und lechzt nach Erlösung im »Siegfried«. Es hört nie auf.

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  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin ( 4. August 2022 um 11:21 Uhr)
    Was ist wohl der Unterschied zwischen einer gekonnten Rezension und einem plumpen Verriss? Ich denke, die Rezension sucht im Werk und seiner Rezeption nach Lehren. Der Verriss sucht lediglich besserwisserisch nach starken Worten. Als wäre er die eigentliche schöpferische Tat und nicht das Werk. Solche Selbstgerechtigkeit beurteilt letztlich nur den Schreiber. Schade um die hier vertane Druckerschwärze!
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland ( 4. August 2022 um 03:48 Uhr)
    Hat der Autor dieser Rezension eine Idee, woran es liegen könnte, dass diese Oper (nicht nur in Bayreuth, sondern auf allen großen Bühnen der Welt) seit fast 150 Jahren von Tausenden Interpreten aufgeführt und weltweit von Hunderttausenden, wenn nicht Millionen Besuchern seit der Uraufführung besucht wurde, auch wiederholt und vor allem freiwillig? Schlechte Stücke werden nämlich automatisch evolutionär aussortiert. Was so lange bleibt, ist es auch wert. Alles von Wagner gehörte auch in den sozialistischen Ländern zum festen Repertoire, ungeachtet nationalistischer Tendenzen, die es auch bei anderen Komponisten des 19. Jahrhunderts gab. Ja, Wagner bietet Anlass und wurde im »III. Reich« entsprechend missbraucht. Er starb aber, bevor Hitler geboren wurde. Wir hetzten auch nicht gegen Mozart, weil es das letzte war, was Stalin hörte und liebte, bevor er auf dem Teppich lag. Wenn jemand gerade bei einer der noch am leichtesten zu hörenden Wagner-Opern ständig fragt: »Wann ist es endlich vorbei?« und Wagner nicht mag, warum geht er dann dorthin? Inhaltlich und vom gewählten Wortschatz her ist diese Rezension unterste Schublade und eine Mischung zwischen Unwissen und Böswilligkeit. »Was Wagner konnte: Ouvertüren, Vorspiele, einen halben Schlager pro Oper, einen Weckruf pro Akt.« Wer Schlager hören will, findet Samstag abend bei ARD und ZDF alles, was sein Herz begehrt, und vor allem sofort sein Bier. Beim Ring handelt es sich um ein Meisterwerk des großen Zusammenhanges, dem scheinbar weder der Regisseur noch der Rezensent gewachsen sind und die gebührende Achtung entgegenbringen. Nahezu alle großen Operntheater wurden und werden subventioniert, seit es diese Kunstform gibt. König Ludwig II. war einer der am wenigsten kriegerischen Herrscher in der deutschen Geschichte im Vergleich zu anderen. Wenn er lieber das Geld für Bayreuth statt für Waffen ausgab, dann war er weniger »schrumpfhirnig« als unsere Regierung und die Mehrheit des Bundestages.

Regio:

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