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Aus: Ausgabe vom 04.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Philosophie

Bei Aristoteles links abbiegen

»Neuer Materialismus«: Ernst Bloch entzaubert noch 45 Jahre nach seinem Tod philosophische Mogelpackungen
Von Martin Küpper
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Materie macht noch keinen Materialismus: Noch mal bei Ernst Bloch nachlesen

Warum wird die Nachkriegsphilosophie bis heute von Modewellen bestimmt? Diese Frage hätte eine Geschichte der Philosophie nach 1945 für den westkapitalistischen Denkraum zu beantworten. Alles begann in den 50er Jahren mit der »sprachkritischen Wende«. In den 60er/70er Jahren folgte die »kulturelle«, bevor in den 80er/90er Jahren die »topologische« und »ikonische« Wende das akademische Denken in Beschlag nahm. Immer wieder wurden die Fundamente aller bisherigen Wissenschaft marktschreierisch in Frage gestellt.

Momentan reitet die Philosophie wieder auf einer solchen Welle, die auch andere Geisteswissenschaften erreicht. Es geht um Fragen der Beschaffenheit der Materie, das Wort vom »material turn« macht die Runde. Ein »Neuer Materialismus« wird auf Tagungen und in Publikationen für ein dynamisches Materieverständnis gepriesen. Meist ohne Zutun des Menschen bewege, entwickle und verändere sich Materie. Hinter der wortgewaltigen Rhetorik steckt nicht viel mehr als ein physikalischer Begriff, demzufolge Materie eine sich stets verändernde Zusammensetzung von Energie und Masse sei. Die Vorstellung ist eine direkte Antwort auf die augenscheinlichen Krisen unserer Zeit. Zu lange hätten die Geisteswissenschaften die Natur lediglich als Vorratskammer für menschliche Bedürfnisse gesehen. Ein Umdenken sei nötig. Man müsse – so die einhellige Vorstellung – naturwissenschaftliche Sichtweisen in philosophische Begriffe übersetzen. Der Philosophie komme außerdem die Aufgabe zu, eine Verantwortungsethik zu entwickeln, mit welcher der Mensch gegenüber der Natur Abbitte leistet. Angesichts der Verdichtung von Krisenerscheinungen und dem Mangel an Lösungskonzepten ist das nachvollziehbar. Politik lässt sich damit allerdings kaum machen.

Dass es sich beim Neuen Materialismus um eine szientistische Mogelpackung handelt, die den Irrglauben nährt, dass man nur auf die Naturwissenschaftler höre müsse, damit sich alles zum besten wende, kann man bei einem Philosophen lernen, der als Marxist sein Denken fernab akademischer Moden entwickelte: Ernst Bloch (1885–1977). Sein zu großen Teilen in den 30er Jahren geschriebenes Buch »Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz«, das er 1972 veröffentlichte, lässt den Neuen Materialismus ziemlich alt aussehen, ohne dass der vor 45 Jahren am 4. August verstorbene Bloch je eine Zeile von dessen Vertretern gelesen haben konnte. Er zeigt, dass eine ausschließlich an den Naturwissenschaften orientierte Philosophie immer nur eine »Teildefinition« von Materie liefert, solange sie die Geschichte der Materie in der Philosophie und die gesellschaftliche Praxis nicht berücksichtigt. In diesem Sinne gräbt Bloch die Geschichte der Philosophie um. Ohne Scheu erklärt er – nicht immer mit der erforderlichen philologischen Genauigkeit – Aristoteles (384 v. u. Z.–322 v. u. Z.) und u. a. Avicenna (um 980–1037), Averroes (1126–1198) sowie Giordano Bruno (1548–1600) zu seinen Leitsternen, die er in einer linksaristotelischen Linie sieht, an der sich die marxistische Philosophie zu orientieren habe. Ihn fasziniert das Bemühen dieser Denker, ein Verständnis von Materie zu entwickeln, die sie als relationale und sich entwickelnde ausweist. Allein Philosophiegeschichte reicht aber nicht aus.

Bloch hatte in München im Nebenfach Physik studiert, er verfolgte auch die Entwicklungen der Naturwissenschaften und sah deren Abhängigkeit von den Bedürfnissen der Bourgeoisie. Gerade die moderne Physik hätte Materie zunehmend autoaktiv verstanden. Bloch warnt davor, Philosophie und Physik voreilig ineinanderzuschieben. Naturwissenschaftliches Denken kann nicht universalisiert werden, denn es ist durch besondere Tätigkeitsformen vermittelt. Experimentieren, Simulieren oder Modellieren erfordern andere Institutionen, Instrumentarien und Methoden als die mit Verdichten, Veranschaulichen oder Ableiten grob umrissene philosophische Denktätigkeit.

Dem spekulativen Materialismus komme nach Bloch die schwere Aufgabe zu, die philosophiehistorischen und naturtheoretischen Vorstellungen von Materie in einen in sich gegliederten Totalitätsbegriff zu integrieren, der die Strukturierungen der »dialektischen Materie« widerspiegelt. Das ist marxistisch zu verstehen: Auf Grundlage der Entwicklung der gesellschaftlichen ist die Erforschung der natürlichen Materie möglich. Die Ergebnisse der Wissenschaften meinen den gesellschaftlichen Aspekt des Verhältnisses Mensch-Natur und repräsentieren zugleich den historischen Stand der Natur. Da sich die Elemente der dialektischen Materie ständig verändern, ist der spekulative Materialismus auch ein aktuell zu haltendes Wissenschaftsprogramm, mit Hilfe dessen die unterschiedlichen Seiten der Materie sorgfältig voneinander abgegrenzt werden sollen.

Um dieses ambitionierte Vorhaben zu realisieren, bietet das Karussell Philosophie derzeit denkbar schlechte Voraussetzungen. Zu stark wirken die Fliehkräfte der gesellschaftlichen Krisen darauf, entscheidet zunehmend der unmittelbare »Impact« auf die gesellschaftliche Entwicklung über deren materielle Versorgung.

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