75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 8. August 2022, Nr. 182
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 15 / Antifa
Rechter Terror

Opfer des Online-Lynchmobs

Österreich: Ärztin nach anhaltender Bedrohung durch extrem rechte Coronaimpfgegner tot aufgefunden. Bundesweites Gedenken
Von Henning von Stoltzenberg
15.jpg
Trauerkundgebung für Lisa-Maria Kellermayr am Montag abend am Wiener Stephansplatz

Die junge österreichische Medizinerin hatte sich seit dem Aufkommen der Pandemie sowohl für Patientinnen und Patienten eingesetzt als auch über die Covid-Erkrankung und -Impfungen informiert. Doch Lisa-Maria Kellermayr geriet in das Visier der von extrem Rechten dominierten Szene von Coronaleugnern und -Impfgegnern. Am Freitag wurde die 36jährige tot in ihrer Praxis aufgefunden. Ein Fremdverschulden wird von den Behörden ausgeschlossen, eine Obduktion wurde zunächst nicht angeordnet. Die Todesnachricht wurde in rechten Telegram-Gruppen regelrecht gefeiert.

Allein in Wien kamen am Montag abend über 6.000 Menschen mit Kerzen auf dem Stephansplatz zusammen, um der Oberösterreicherin zu gedenken, wie das Videokollektiv Wien TV mit Aufnahmen eines regelrechten Lichtermeers auf Twitter meldete. Ein Selbsthilfeverein hatte eine Tafel neben das Portal des Stephansdoms gelehnt. Darauf stand: »Es ist auch Fremdverschulden, wenn jemand psychisch derart bedrängt wird, dass es mit dessen Tod endet. Man kann Menschen auch mit psychischer Gewalt (Mobbing) töten!« Der Verein fordert, dass dies ein Strafstandbestand wird. In Graz versammelten sich laut Kleiner Zeitung etwa 200 Menschen. In der Innenstadt von Linz habe die Polizei circa 300 Teilnehmende einer Mahnwache gezählt.

Kellermayr hatte am 16. November 2021 ein Video von einem Aufmarsch reaktionärer Gegner staatlicher Coronamaßnahmen online geteilt und kommentiert: »Heute in Wels: Eine Demo der Verschwörungstheoretiker verlässt den Pfad unter den Augen von Behörden und blockiert sowohl den Haupteingang zum Klinikum als auch die Rettungsausfahrt des Roten Kreuzes.« Die Polizei antwortete ihr auf Twitter und sprach von einer »Falschmeldung«. Darunter folgten üble Beschimpfungen anderer Nutzerinnen und Nutzer. Kellermayrs Tweet inklusive der Antwort der Polizei verbreitete sich in den Telegram-Gruppen der Szene rasant und löste dort eine Flut hasserfüllter Äußerungen aus.

Die Ärztin bemühte sich noch um Schadensbegrenzung und löschte ihren Tweet. Sie bat die oberösterreichische Polizei persönlich und öffentlich darum, deren Antwort ebenfalls zu löschen – wohl in der Hoffnung, dass die Anfeindungen dann aufhören oder zumindest zurückgehen. Doch der digitale Lynchmob hatte sein Opfer gefunden. Die Frau sollte aus der Öffentlichkeit gedrängt, mundtot gemacht oder gar vernichtet werden, wovon wüste Beschimpfungen und E-Mails zeugen, die Kellermayr auf ihrem Twitter-Kanal dokumentierte.

Kellermayr sei »vom Mob offenbar buchstäblich in den Tod gehetzt« worden, erklärte der Wiener Journalist Michael Bonvalot am Montag auf jW-Anfrage. Er befasst sich seit Jahren unter anderem mit der rechten Szene in Österreich. Die Drohungen gegen Kellermayr waren ihm zufolge kein Einzelfall. »Aus der extrem rechts dominierten Coronaszene werden alle angegriffen, die dieser Szene gegen den Strich gehen«, so Bonvalot, der auf Aufmärschen selbst immer wieder körperlich angegriffen werde. Auch ihm werde via sozialer Netzwerke mit Mord gedroht. »Die Aufmärsche in Wien etwa, für die bundesweit mobilisiert wird, werden meist entweder von einschlägig bekannten Figuren mit Verbindungen zur Gruppe Identitäre oder von der FPÖ organisiert. Neonazis und Neofaschist*innen können bei den Aufmärschen mit Bannern und Symbolen mitmarschieren.« Die Szenemedien würden »fast ausschließlich von extremen Rechten herausgegeben«.

Kellermayrs Anfang 2021 eröffnete Praxis wurde von zahlreichen Störern bedrängt. Trotz expliziter Drohungen wurde kein Polizeischutz gewährt. Die Ärztin musste für ihre Sicherheit und die ihres Teams selbst sorgen. Sowohl Polizeisprecher als auch die Ärztekammer warfen ihr öffentlich vor, sich profilieren zu wollen, und rieten ihr zu psychologischer Hilfe sowie zum Rückzug aus den sozialen Medien. Es folgte die Schließung der Praxis, in der Kellermayr zuletzt wohnte, weil sie sich nicht nach Hause traute.

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

Ähnliche:

  • Digitalisierung als Renditetreiber: Patienten sollen sich per Ap...
    25.05.2022

    Warteschleife statt Sprechzimmer

    Ärzte warnen vor Profitorientierung des Gesundheitssektors. McKinsey sieht großes Kürzungspotential. Beschäftigte wehren sich
  • Natascha Strobl, ideales Feindbild der Rechten: Antifaschistisch...
    13.03.2021

    Tatort Twitter

    Österreichische Politikwissenschaftlerin Strobl wird von radikalen Rechten, Konservativen und Liberalen im Internet heftig attackiert

Regio:

Mehr aus: Antifa