Dein Abo für den heißen Herbst!
Gegründet 1947 Dienstag, 4. Oktober 2022, Nr. 230
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Dein Abo für den heißen Herbst! Dein Abo für den heißen Herbst!
Dein Abo für den heißen Herbst!
Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 8 / Inland
Verkehrspolitik

»Es gab keine sinnvollen Lösungen für den Ansturm«

Neun-Euro-Ticket soll Ende August auslaufen. Pendlerinnen und Pendler wurden vernachlässigt. Ein Gespräch mit Andreas Splanemann
Interview: Gitta Düperthal
Start_der_Sommerferi_74377786.jpg
Während Urlauber vom Neun-Euro-Ticket profitieren, geraten die Beschäftigten ins Hintertreffen (Stralsund, 2.7.2022)

Die Einführung des Neun-Euro-Tickets wird vielfach bejubelt. Verdi Berlin-Brandenburg ist anderer Ansicht – warum?

Aus Sicht bestimmter Gruppen von Fahrgästen, etwa von Touristinnen und Touristen, wird das Neun-Euro-Ticket als Erfolg gefeiert. An der wichtigen Stammgruppe der Pendlerinnen und Pendler, die schon vor der Pandemie die öffentlichen Verkehrsmittel mit Jahreskarten nutzten, ging es aber eher vorbei. Fahrgäste schreckte es ab, dass Busse und Bahnen zu voll waren; manche kamen gar nicht mit.

Auch Beschäftigte der Verkehrsbetriebe waren überfordert. Der Beruf ist wenig attraktiv, Fahrerinnen und Fahrer werden händeringend gesucht. Die tarifliche Bezahlung ist zu gering. Mit dem Bus in Berlin durch den Berufsverkehr zu fahren ist ein Stressjob. Unmut wird oft an Fahrerinnen und Fahrern ausgelassen. Hinzu kommt: Durch die Urlaubszeit fällt Personal aus, durch die Pandemie gibt es hohe Krankenquoten. Weder finanziell noch personell noch materiell gab es sinnvolle Lösungen, um den Ansturm eines hauptsächlich touristischen Publi­kums aufzufangen. Fallen Fahrzeuge wegen Reparaturen aus, gibt es keine Ersatzfahrzeuge mehr. Das verbleibende Personal muss alle Missstände auffangen.

In der Krise mit steigenden Preisen und hoher Inflation schätzen aber Menschen mit wenig Geld das Ticket.

Es muss genauer analysiert werden, ob Beschäftigte mit Niedriglohn es aus besagten Gründen für ihre Fahrt zur Arbeit überhaupt nutzen konnten. Man muss die soziale Lage der Fahrgäste mit berücksichtigen. Ein Ticket muss auch bezahlbar sein. Weil aber in der Vergangenheit die Berliner Verkehrsgesellschaft BVG, die für die S-Bahn zuständige Deutsche Bahn und die Brandenburger Verkehrsbetriebe kaputtgespart wurden, stellt sich die Frage: Wie soll so etwas da funktionieren? Will man eine Verkehrswende, gilt es, die Verkehrsbetriebe in die Lage zu versetzen, das stemmen zu können. Das ist momentan nicht der Fall. So sind Betriebshöfe der BVG verkauft worden. Und: Wenn die BVG sich jetzt mit Elektrobussen neu aufstellen will, braucht es Infrastruktur, Fachkräfte und Finanzen.

Wie muss eine Politik gestaltet sein, die den Ansprüchen der Fahrgäste entspricht und zugleich von den öffentlichen Verkehrsbetrieben zu bewältigen ist?

Viele fahren über die Stadtgrenze nach Berlin, dann gibt es ein neues Tarifgebiet. In Außenbezirken müssen Takte verdichtet werden. Dafür sind mehr Fahrerinnen und Fahrer erforderlich. Park-and-Ride-Möglichkeiten müssen her, damit Fahrräder und Autos abgestellt werden können, um in die Bahn umzusteigen. All das gilt es zu regeln.

Eine Forderung ist, das Neun-Euro-Ticket zunächst zu verlängern. Was schlagen Sie vor?

Es kam aus der Hüfte geschossen und ging am Ziel vorbei. Verkehrsbetriebe müssen ordentlich finanziert sein. Des Tickets haben sich auch Leute bedient, die in der Lage wären, mehr dafür zu zahlen. Für Pendlerinnen und Pendler geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um die Bedingungen und die Zuverlässigkeit der Verkehrsmittel: Um sie von der Straße zu locken, hätte man mehr Züge und Busse einsetzen müssen. Doch wie teilt man die Tarifgebiete ein? Welche Angebote macht man?

Es geht darum, intelligente Lösungen zu finden, auch für Menschen mit wenig Geld. Mit dem Neun-Euro-Ticket wird das nicht zu lösen sein. Bevor man über Verkehrstarife spricht, muss man über Infrastruktur und Personal nachdenken. Es sei denn, es macht sich irgendwo ein Füllhorn auf, und die Verkehrsbetriebe würden über andere Kanäle finanziert.

Wie wäre es, den Autobahnbau zu stoppen und das Geld in den öffentlichen Nahverkehr zu investieren?

Klar könnte man überlegen, die A 100 nicht zu bauen. Das Geld würde aber nicht automatisch in öffentliche Verkehrsmittel fließen. Einfache Lösungen wird es nicht geben.

Andreas Splanemann ist Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Landesbezirk Berlin-Brandenburg

Dein Abo für den heißen Herbst!

in Zeiten der sozialen Verwerfungen braucht es ein Korrektiv, das die Propaganda der Herrschenden in Wirtschaft und Politik aufzeigt. Deshalb: jetzt das jW-Abo abschließen!

Ähnliche:

  • Die Proteste von Taxifahrern scheinen Eindruck beim Senat gemach...
    27.02.2020

    Schützenhilfe für Taxibranche

    Berlins Verkehrssenatorin stellt sich gegen geplante Deregulierung der Personenbeförderung. Hausgemachte Fehler bleiben unberührt
  • Taxifahrer gehen gegen Scheuers Pläne auf die Straße, hier in Ha...
    11.04.2019

    Uber stoppen

    Protestaktionen von Taxifahrern in 50 deutschen Städten gegen Mietwagen von Großkonzernen. Verkehrsminister Scheuer ausgepfiffen
  • Nach der Tarifeinigung sind die Löhne der Beschäftigten von BVG ...
    06.04.2019

    Tarifeinigung bei der BVG

    Beschäftigte der Berliner Verkehrsbetriebe erhalten acht Prozent mehr Geld

Regio:

Mehr aus: Inland