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Aus: Ausgabe vom 02.08.2022, Seite 8 / Ansichten

Karoshi-Spezialist des Tages: Stefan Wolf

Von Oliver Rast
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Einer, der sorglos seine Altersvorsorge verprassen kann (Stuttgart, 15.1.2021)

Er sucht Zoff. Legt sich mit der Volksmehrheit an, künftigen Rentnern. »Er« heißt Stefan Wolf. Im Schwatz mit Gazetten der Funke-Mediengruppe (Montag) verlangte der Gesamtmetall-Boss das: ackern bis zum Karoshi. Übersetzt: leblos umfallen, ohne Theatralik, während der Maloche. Oder wie er es nennt: die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre. »Stufenweise«. Der verkappte Demograph weiß seine Sprüche auswendig: Die Einnahmen in der Rentenkasse sinken, die Reserven sind aufgebraucht. Zu viele Empfänger, zu wenige Beitragszahler. Und schlimm, wir alle werden älter. Falls uns der Wolf denn lässt. Dieser gewohnheitsmäßige Wiederholungstäter.

Es ist nämlich nicht sein erster kalkulierter Affront gegen die Mehrwertproduzenten. Fast exakt vor einem Jahr hatte er der FAZ Wortgleiches ins Protokoll geschwatzt. »Wir müssen über die Rente mit 70 reden.« Der informelle Sterbehelfer Wolf legt sein Spruchband also immer wieder neu auf. Auch das dürfte kalkuliert sein.

Nebstdem stimmt, der Wolf spitzt den Trend zum beschleunigten Tod an der Werkbank, vor dem Bildschirm, auf dem Baugerüst »nur« zu. Die Altersgrenze für die abschlagsfreie Regelaltersrente wird bis 2029 in Etappen auf 67 Jahre hochgeschraubt.

Rentner in spe wissen, hartes Schuften macht fix und foxi. Zerrüttet Nerven, zerkloppt Knochen. Belegt ist längst, solcherlei strapaziöse Jobs reduzieren Lebensjahre. Statistisch bis zu drei. Der Wolf als Verbandsboss bleibt davon selbstredend verschont, unverdientermaßen. Kuraufenthalte mit reichlich Frischzellentransfer helfen wohl.

Merken wir uns: Der Wolf wünscht nicht nur eine Rentenkürzung durch die Hintertür, wie DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel am Montag empört anmerkte. Nein, er provoziert einen Zusatzeffekt: die finale Ruhe vor der Altersruhe. Kurzum, der Wolf sucht Zoff. Den kann er haben.

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  • Leserbrief von Hans Wiepert aus Berlin ( 3. August 2022 um 18:18 Uhr)
    Der Herr Funktionär wird am 12. September 61. Ein weiterer überzeugender Grund also für die Rente mit 60.
  • Leserbrief von Hans Reinhardt aus Glashütten ( 2. August 2022 um 11:12 Uhr)
    Weg vom Äquivalenzprinzip, hin zu Solidaritätsprinzip. Die »Neiddebatte« in Deutschland richtet sich nicht von unten nach oben, sondern genau umgekehrt. Zuerst beutet das Kapitalistenpack die Lohnabhängigen ein Leben lang aus, dann sollen sie um ihren verdienten Ruhestand gebracht werden. Dabei ist längst erwiesen, dass Besserverdienende eine weit höhere Lebenserwartung genießen als die schwer arbeitende Schicht der Bevölkerung. Hier müsste zumindest individuell gestaffelt werden. 
    Oder noch besser: Es bedarf einer Änderung des Prinzips, wie oben erwähnt. Wer hierfür ein Beispiel sucht, dem hilft etwa ein Blick in die – nicht unter Kommunismusverdacht stehende – Schweiz. Hier zahlen alle ein, und zwar wirklich alle. Hier gibt es eine Mindestrente. Und noch besser: Hier gibt es eine Deckelung von oben. Und niemand regt sich auf. Solidarität eben. Doch hierzulande zerschindet man sich lieber die Ellbogen, als allen gerecht zu werden. Kapitalismus eben.

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