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Aus: Ausgabe vom 02.08.2022, Seite 2 / Ausland
Marokkanische Besatzung

»Hier gibt es sieben bis zehn Millionen Minen«

Westsahara: Räumung der Waffen ist durch Krieg und fehlende Unterstützung zum Erliegen gekommen. Gespräch mit Sidi Mohammed Moulay Zein und Gaici Nah
Interview: Jörg Tiedjen
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Ein Schritt abseits könnte tödlich sein: Warnung vor Minen in der Westsahara

Die Wüste könnte ein friedlicher Ort sein, aber im Moment ist zumindest die Westsahara einer der gefährlichsten der Welt. Wie kann das sein?

Sidi Mohammed Moulay Zein: 1975 gab es eine Invasion Marokkos und Mauretaniens. Davon sind bis heute Minenfelder, Reste von Explosivstoffen und auch Streubomben zurückgeblieben. Das hat erhebliche Auswirkungen auf das Leben in der Westsahara. 1980 begann Marokko einen 2.740 Kilometer langen Befestigungswall zu errichten, der 1987 fertiggestellt war. Entlang der gesamten Mauer gibt es Minenfelder. Wir schätzen, dass es in der Westsahara sieben bis zehn Millionen Minen gibt.

Was wird getan, um die Minen zu beseitigen?

M. Z.: Seit 2006 waren verschiedene Organisationen mit der Beseitigung befasst. Im Herbst 2020 mussten die Arbeiten wegen der Wiederaufnahme der Kampfhandlungen zwischen der Polisario-Front und Marokko unterbrochen werden. Organisationen, die in anderen Bereichen wie zum Beispiel der Betreuung der Opfer arbeiten, haben keine Finanzmittel mehr. Anzumerken ist, dass die Arbeiten nur geleistet werden konnten dank eines Hilfsprogramms aus Deutschland, das aber 2018 auslief. Gegenwärtig sind wir wieder bei Null angelangt.

Was ist denn mit der UN-»Blauhelmtruppe« Minurso?

M. Z.: Am Anfang hat sie im Bereich der Minenräumung gearbeitet. Aber sie hat das eingestellt, weil auch ihr angeblich die Mittel fehlen.

Sind Minen nicht international geächtet, so dass ihre Beseitigung mit Vorrang betrieben werden müsste?

M. Z.: Frente Polisario hat den »Genfer Appell« unterzeichnet und die eigenen Vorräte an Minen vernichtet. Marokko wiederum hat bis heute die Ottawa-Konvention von 1997 nicht unterschrieben – und stellen Sie sich vor: Wir haben 2012 Minen gefunden, die erst 2001 hergestellt wurden. Seit 1991 herrschte Waffenstillstand, und dennoch hat Marokko neue Minenfelder gelegt!

Welche Auswirkungen haben die Minenfelder auf die Viehhaltung?

M. Z.: Die Mehrheit der Menschen in den befreiten Gebieten lebt von der Viehhaltung. Die Dromedare zum Beispiel zieht es natürlich dorthin, wo es Wasser, wo es Nahrung gibt und Pflanzen gedeihen – ausgerechnet in den Minenfeldern. Also werden die Tiere regelmäßig zum Opfer der Minen.

Zurück zur Mauer: Wie muss man sich den Befestigungswall vorstellen?

Gaici Nah: Die marokkanischen Befestigungsanlagen enthalten Minen aus 14 Herstellerländern. Darunter befinden sich Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und auch Deutschland. Diese Mauer ist sehr gefährlich. Bei ihrer Konstruktion griff man auf Erfahrungen Frankreichs im Algerienkrieg und Deutschlands zurück. Wenn man dem marokkanischen Wall zu nahe kommt, stirbt man entweder wegen der Minen – die Westsahara ist das am stärksten von Minen belastete Land überhaupt – oder wird von den Soldaten erschossen. Es handelt sich also wirklich um eine tödliche Mauer. Es gibt bei ihr nur eine Passage, und zwar im Süden in Guerguerate an der Grenze zu Mauretanien. Die Mauer teilt die Westsahara in zwei Teile, ein an Ressourcen reiches Gebiet im Westen, dessen Bevölkerung unterdrückt wird, und ein kleineres, ärmeres im Osten. Allerdings befinden sich die Wasserreserven in den östlichen, den befreiten Gebieten. Ein großer Teil der marokkanischen Armee ist im Bereich dieser Mauer stationiert.

Wie kann das Land all das finanzieren?

G. N.: Ohne die Hilfe der westlichen Staaten könnte Marokko sich das alles nicht leisten. Wir hoffen dennoch, dass endlich ein westlicher Staatsmann ein Machtwort spricht und wie einst in Berlin fordert: Reißt die Schandmauer nieder! Wir erwarten, dass sich die westlichen Staaten in der Westsahara genauso verhalten wie angesichts des Kriegs in der Ukraine, aber sie verschließen die Augen vor dem, was Marokko mit uns macht. Gleichzeitig sind wir mit der Fortsetzung des Krieges in einer neuen Phase angelangt. Jetzt kommen auch noch Drohnen zum Einsatz. Mehr als 40 Menschen sind deswegen schon gestorben, darunter Frauen und Kinder.

Könnte man sagen, dass der Zweck der Mauer nicht nur die Verteidigung der marokkanischen Besatzung, sondern auch die Vernichtung der Lebensgrundlagen ist?

M. Z.: Genau das ist die Folge.

Sidi Mohammed Moulay Zein und Gaici Nah leiten das »Sahrawi Mine Action Coordination Office« (SMACO) der Demokratischen Arabischen Republik Sahara in Rabouni bei Tindouf

smaco-ws.com

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