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Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 16 / Sport
Fantasy Football

In der Löwengrube

Visionen und Traumspiele aller Art. Wiederauflage der ersten DFB-Pokalrunde zwischen 1860 München und Borussia Dortmund am vorigen Freitag
Von Berthold Seliger
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Jesper Verlaat von 1860 München (l.) und Youssoufa Moukoko von Borussia Dortmund im Zweikampf um den Ball

Das Grünwalder Stadion, legendäre Heimstätte der Münchner Löwen, ist pickepacke ausverkauft mit den gesetzlich zulässigen 15.000 Zuschauern. Der Ballspielverein 09 e. V. Dortmund ist zu Gast, gegeben wird die erste Runde im DFB-Pokal. Endlich wieder große Oper in dem Stadion, das bessere Zeiten gesehen hat. Festspielzeit unter Flutlicht auf Giesings Höhen. Eine Eintrittskarte für dieses Spiel war wochenlang »the hottest ticket in town« – ein Ticket für die Stones oder für Ed Sheeran war ein Nichts dagegen. Und so tobte der Bär in der Westkurve unter der legendären Anzeigetafel, auf der die Tore wie seit jeher mit Schildern angezeigt werden. Eine moderne elektrische Anzeigetafel wäre in dieser Kathedrale des im besten Sinne altmodischen Fußballs ein Sakrileg. Gegenüber im Osten eine kleine, aber feine gelbe Wand mit den enthusiastischen BVB-Fans, mit denen die 60er sich einig sind in ihrer Verachtung der »Roten« – in der Halbzeitpause spielt die Regie denn auch den Song »Wir würden nie zum FC Bayern gehen« der Schlagerrockband Die Toten Hosen.

Doppelschwänzige Löwen

Als die Spieler auf den Platz kommen, zeigt die Münchner Westkurve eine schicke Inszenierung, die im aktuellen Fußballdeutsch neuerdings depperterweise als »Choreographie« bezeichnet wird: Die gesamte Kurve glitzert in Grün und Gold, den Vereinsfarben des 1860 gegründeten Vereins (Weiß-blau sind die Farben der 1899 gegründeten Fußballabteilung). Ein farbenfrohes, aber auch raffiniert hintergründiges Statement der Fans. Immer noch besteht der Konflikt zwischen dem Stammverein und dem umstrittenen jordanischen Investor Hasan Ismaik, dem 60 Prozent der Anteile der »TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA« gehören, die seit 2002 die Geschäfte der Profimannschaft führt (die restlichen 40 Prozent hält der Verein). Immer wieder sorgt auch Ismaiks Münchner Statthalter Anthony Power für böses Blut bei den Fans. Power leitet die »TSV 1860 Merchandising GmbH«, die unter anderem den Fanshop der Fußballabteilung betreibt und exklusive Vermarktungsrechte an den Vereinslogos und den Slogans hält, während der Stammverein eigene Fanartikel zu gemeinnützigen Zwecken vertreibt. Zuletzt kopierte die Merchandisinggesellschaft ein Design des Vereins und ließ sich sogar das historische Löwenlogo schützen, das seit jeher auch die Ultras nutzen.

Kein Wunder, dass die 60er-Fans zu diesem Pokalspiel ein eigenes T-Shirt angefertigt haben, das nur 10 Euro kostete und rasch ausverkauft war – wer als Fan von 1860 auf sich hält, läuft grundsätzlich nicht in den teuren Trikots der Merchandising-GmbH herum, sondern trägt entweder alte Shirts oder das aktuelle weiße T-Shirt des Vereins, auf dem relativ klein, auf Brusthöhe der bekannte doppelschwänzige Löwe in hellem Blau abgedruckt ist (die beiden Schwänze hintereinander verschlungen, um das Wappen vom Löwenbräu-Logo zu unterscheiden, auf dem die Schwänze symmetrisch angebracht sind), und drumherum steht: »Wir sind der Verein«.

Wir sind der Verein, das war die entschiedene Message der Fankurve. Und wie das gemeint war, zeigte auch das Anti-Ismaik-Plakat, das kurzzeitig in der Westkurve zu sehen war. Am Ende ihrer »Choreo« leuchtete unten dank ausgiebigem Einsatz von Pyro in goldener Schrift »Auf in goldene Zeiten!«, von außerhalb des Stadions durch ein kleines Feuerwerk unterstützt. Gänsehautfeeling auf den Rängen, nicht zuletzt auch dank des Pyroeinsatzes der kleinen BVB-Wand auf der Gegenseite. Stabile Fans auf beiden Seiten. Die Vereine werden wieder Geldstrafen für die Pyroeinsätze zahlen müssen, ein permanenter Systemfehler im DFB.

Die Stehhalle stand, die Westkurve hüpfte und sang unablässig – die Löwenfans sind längst erstklassig, jetzt muss nur noch die Mannschaft im dritten Anlauf nachziehen und endlich wenigstens in die 2. Liga aufsteigen.

Träume werden wahr

TSV 1860 München gegen BVB Dortmund, das ist natürlich nicht mal mehr David gegen Goliath, sondern im Grunde ein aussichtsloser Kampf. »Die können einfach alles besser als wir«, konstatierte 1860-Trainer Michael Köllner vor der Begegnung: »Wir sind nicht nur klarer Außenseiter, sondern haben eigentlich keine Chance.« Beim BVB kostet ein einziger Spieler fast zehnmal soviel wie der gesamte 60er-Kader. Hier steht ein Kaderwert von sechs Millionen Euro auf dem Feld, dort einer von 500 Millionen. Und die Binse, Geld schieße keine Tore, erweist sich schon in der 8. Spielminute als ein ausgemachter Blödsinn, als der quirlige und dribbelstarke Donyell Malen im Eins-gegen-drei gegen eine völlig überforderte 60er-Abwehr das 1:0 erzielt.

Im Grunde ist das Spiel bereits zu diesem Zeitpunkt entschieden. Die Hoffnung der Löwengemeinde, möglichst lange ein Unentschieden zu halten und dann vielleicht gegen eventuell nervöser werdende Dortmunder zum Zuge zu kommen, ist schnell gestorben. Erst recht, als Marco Reus in der 32. Minute auf den freistehenden Jude Bellingham (in schicken roten, der ebenfalls hervorragende Nico Schlotterbeck in grünen Schuhen) passt, dem an diesem Abend wohl besten Spieler auf dem Platz, der nur noch zum 2:0 einschieben muss. Das 3:0 von Karim Adeyemi vor der Halbzeitpause ist die endgültige Entscheidung – der ansonsten hervorragende Münchner Torhüter Hiller lässt den wegen Dauerregen nass gewordenen Ball auf dem glitschigen Boden durch seine Hände rutschen.

Doch die Fans lassen sich nicht verdrießen, in einer Tour singen sie sich durch den Kanon ihrer Fangesänge. Vor allem ihre Version von »Bella Ciao« kommt zum Dauereinsatz, mit den abgewandelten Refrainzeilen »1860 – wird deutscher Meister – und holt auch den Pokal!« Und so wird die zweite Halbzeit des Pokalkrachers zwischen dem TSV 1860 München und Borussia Dortmund dank der Fans zu einem echten »Traumspiel«, und Träume werden manchmal wahr.

In der ersten Hälfte haben sich die Mannschaften noch einen offenen und ebenbürtigen Schlagabtausch geliefert, in dem die beiden Weltklassetorhüter Petar »Radi« Radenkovic (»Bin i Radi, bin i König« wird er 1965 singen und auf Platz 5 der deutschen Single-Charts landen) und Hans Tilkowski (der 1966 beim berühmten Wembley-Nichttor im Kasten des DFB-Teams stehen wird) nicht hinter sich greifen mussten. In der 53. Minute dann erlöst Rudi Brunnenmeier (der 1965 Bundesliga-Torschützenkönig werden wird) endlich die Fans und erzielt das 1:0 der Löwen, dem Wilfried Kohlars in der 79. Minute das 2:0 folgen lässt. Nicht enden wollender Jubel, Trubel und Heiterkeit bei den sage und schreibe 35.000 Zuschauern auf Giesings Höhen!

Zwar wird es noch zwei Jahre dauern, bis der erste Teil des Fansongs wahr werden und das Team 1966 Deutscher Meister wird, aber bereits wenige Monate nach dem glorreichen Sieg über Dortmund holen sich die Münchner Löwen tatsächlich durch einen 2:0-Sieg über Eintracht Frankfurt den Pokal und ziehen 1965 sogar ins Endspiel des Europacups der Pokalsieger ein. Vor knapp 100.000 Zuschauern im Londoner Wembley-Stadion werden sie das Finale 0:2 gegen West Ham United verlieren. Doch von all dem wissen die Fans an jenem 8. ­April 1964 noch nichts. Sie feiern einfach einen glorreichen Sieg über spielstarke Dortmunder in der ersten Runde des DFB-Pokals. Alles ein Traumspiel eben, damals wie heute.

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