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Aus: Ausgabe vom 29.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Documenta 15

Betreute Kunst

Neue Vorwürfe gegen die Documenta 15
Von Peter Merg
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Bilder der Gewalt: Kritisierte Zeichnungen in einer Broschüre des algerischen Kollektivs »Presence des Femmes« von 1988

Die an grotesken Elementen bislang nicht eben arme Skandalgeschichte um vermeintlichen und echten Antisemitismus auf der Documenta 15 in Kassel ist um eine Farce reicher: »Erneut antisemitische Bilder aufgetaucht« titelte am Mittwoch abend spiegel.de, »Schrecken ohne Ende« ein Kommentar der Jüdischen Allgemeinen, die zuerst berichtet hatte. Was war passiert? Einem Besucher war im Museum Fridericianum eine faksimilierte Broschüre aufgefallen, die dort im Rahmen einer Ausstellung über die »­Archives des luttes des femmes en Algérie« (Archive der Frauenkämpfe in Algerien) ausliegt. Die Initiative baut seit 2019 ein frei zugängliches Onlinearchiv der algerischen Frauenbewegung auf und digitalisiert dazu historische Dokumente. Dem offenbar durch die bisherige Diskussion sensibilisierten Menschen stießen die Illustrationen eines 1988, also parallel zur ersten Intifada (1987–1993), erschienenen Palästina-Sonderhefts des algerischen Frauenkollektivs »Presence des Femmes« auf. Man meldete sie bei der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (RIAS Hessen) in Marburg. Die bestätigte nun den Eindruck des Besuchers: Die Zeichnungen des syrischen Künstlers Burhan Karkoutly zeigten teils antisemitische Stereotype, dem Staat Israel werde in der Broschüre die Legitimität abgesprochen.

Zwei beanstandete Zeichnungen zeigen mit Davidsternen auf den Helmen kenntlich gemachte israelische Soldaten, ihre Augen sind starr, die Gesichter verzerrt. Die RIAS erkennt hier, nicht gerade zwingend, »entmenschlichte Roboter«. Auf einem der Blätter wird ein Jugendlicher von außerhalb des Bildrahmens mit einer Waffe bedroht, auf dem anderen zeigt ein Soldat auf ein nachdenkliches Kind, während im Hintergrund ein Massengrab zu erkennen ist. Für die Beobachtungsstelle Anklänge an die mittelalterliche Ritualmordlegende, während ein Bezug auf Verbrechen der israelischen Armee weit triftiger erscheint. Ein weiteres Blatt mit zwei Karikaturen beschreibt die RIAS so: »Das obere Bild zeigt eine Frau, die eine hakennasige, auf dem Armeehelm mit einem Davidstern gekennzeichnete Person in den Unterleib tritt. Oben rechts im Bild sind vier Füße zu erkennen. Die mittleren Fußsohlen sind mit Davidsternen gekennzeichnet, während die mit einem arabischen Schriftzug versehenen äußeren Fußsohlen mit einem leider nicht leserlichen arabischen Schriftzug versehen sind.« Es sei anzunehmen, dass eine Art Vergewaltigungsszene gezeigt werde. Die untere Karikatur zeigt Jesus, der vom Kreuz einen Stein wirft.

Die Gesellschafter der Documenta, die Stadt Kassel und das Land Hessen, forderten die Ausstellungsleitung am Mittwoch auf, die Broschüre »bis zu einer angemessenen Kontextualisierung« nicht mehr zu zeigen. Dem schloss sich Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) an. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, erklärte gegenüber Bild, nun seien umgehend alle Ausstellungsstücke auf antisemitische Inhalte zu überprüfen. FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai forderte dazu eine umgehende Unterbrechung der Documenta 15. Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte »Anne Frank« und ehemalige Documenta-Berater für Antisemitismus, urteilte gegenüber der dpa, es handele sich um »eindeutig antisemitische Bildsprache«: »Dass die künstlerische Leitung nun das Werk lediglich kontextualisieren will, statt den Rat des neuen Expertengremiums abzuwarten, das morgen seine Arbeit antritt, zeugt nicht davon, dass Ruangrupa (das Kuratorenkollektiv der Documenta 15, jW) Expertenmeinungen zu Antisemitismus wirklich ernst nimmt und respektiert.«

Die Documenta-Leitung um Interimsgeschäftsführer Alexander Farenholtz wies die Anwürfe zurück: Das Archivmaterial sei vor rund drei Wochen eingehend untersucht worden. Es gäbe »zwar eine klare Bezugnahme auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, aber keine Bebilderung von Juden ›als solchen‹«, erklärte die Kunstschau in der Stellungnahme. »Der Davidstern ist zwar ein eindeutig jüdisches Symbol, aber kennzeichnet hier als Bestandteil der Staatsflagge das israelische Militär.« Da die Archivalie als nicht strafrechtlich relevant eingestuft worden sei, habe man sie wieder in die Ausstellung aufgenommen.

Die Auseinandersetzung scheint damit vollends ins Irrationale gekippt zu sein. Die Heftigkeit der Reaktionen zeugt davon. Brachial wird die Dominanz gegenwärtiger Politik über eine vermeintlich gefährliche Kunst wie eine bedrohliche Vergangenheit behauptet. Es braucht schon einige Phantasie, um manche der vorgebrachten Argumente (»Ritualmordlegende«) nachvollziehen zu können, weshalb in den monierten Zeichnungen die Grenze von drastischer, karikierender Kritik zum Antisemitismus überschritten worden sein soll. Vollends absurd dagegen ist die implizit geforderte Pflicht, ein als historisch ausgewiesenes Dokument nicht ohne ausführliche Deutungsanweisung auslegen zu dürfen. Ohne die Informationen zum Entstehungs- und Veröffentlichungskontext ist es in der Tat unverständlich. Ein expertengeprüftes Siegel »Vorsicht, Antisemitismus!« jedoch entmündigt die Betrachter und beendet ex cathedra vorab eine Diskussion, die überhaupt noch zu führen wäre. Es signalisiert, dass die Ausstellungsbesucher vor jeder Art historisch überlieferten Materials zu schützen seien, das auch nur entfernt verstörend wirken könnte. Eine Kunst, die sich einer so herablassenden Pädagogik beugt, vollzieht dankbar ihre Selbstabschaffung.

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