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Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Die heilende Kraft von Disco

Du bist was Besonderes: Lizzos neues Album »Special«
Von Christina Mohr
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Lizzo hat Ambitionen: Die größte Soul-Disco-Diva seit Jocelyn Brown?

Falls es dir heute noch niemand gesagt hat: Du bist etwas Besonderes! Was sich wie ein Wellness-Postkartenspruch liest, klingt von Lizzos vollvolumiger Soulstimme gesungen wie eine Offenbarung, und ist zudem ganz ernstzunehmender Bestandteil eines Healing-Programms namens »Special«: Drei Jahre nach ihrem Award-gekrönten Erfolgsalbum »Cuz I Love You« widmet sich die in Detroit als Melissa Viviane Jefferson geborene Querflötistin, Sängerin und Rapperin nun den Freuden der Selbstliebe und -akzeptanz. »Hey motherfuckers / Did you miss me?«, begrüßt Lizzo die Hater gleich im ersten Track, »I’ve been home since 2020 / I’ve been twerking and making smoothies / It’s called healing«.

Als Diversity- und Body-Positivity-Aktivistin sah sich die 34jährige häufig hämischen Kommentaren ausgesetzt, sie verließ Twitter wegen »zu vieler Trolle«. Auf »Special« verfolgt Lizzo einerseits ihre Mission weiter, überholte Weiblichkeitsmodelle in Frage zu stellen und allen »Lizzobangers« das Gefühl zu geben, bedingungslos angenommen zu werden; gleichzeitig legt sie ihre Unsicherheiten offen wie in »Naked«, wenn sie sich zum ersten Mal einer neuen Liebe präsentiert. Die Verletzlichkeit, die Lizzo in diesem Song zeigt, steht in krassem Gegensatz zur selbstbewussten Girl-Power-Party, die sie in »Grrrls« abfeiert. Auf der Soundspur des sexistischen Beastie-Boys-Tracks »Girls« werden ihrerseits keine Gefangenen gemacht: »I’m a go ­Lorena Bobbitt on him so he never fuck again / No-oh, oh now you can’t fuck again, bro«. Die Zeile »Do you see this shit? I’m a spazz«, also spastisch, änderte Lizzo nach Protesten übrigens ab in »hold me back«. Ein so unangebrachtes Wort würde auch nicht zu Lizzos offensichtlichen Intentionen passen, die große Soul-Diva, die neue Aretha zu werden, die in ihr steckt.

»Special« ist kohärenter im Sound als ältere Alben, aber auch ohne große Überraschungen. Lizzo strebt nach Zeitlosigkeit und baut dafür auf Klassiker der black music: Spuren zu Michael Jackson, Rick James, Prince, den Pointer Sisters und Lauryn Hill lassen sich finden und als Huldigungen verstehen. Die em­powernde Disco­hymne »About Damn Time« beginnt so dickdaumig wie ein Stück von Chic, sofort breiten sich elegante Studio-54-Glamour-Vibes aus, in denen sich Lizzo ebenso selbstverständlich bewegt wie im Achtzigerjahre-Rip-Off »Everybody’s Gay« oder der Coldplay-Hommage (okay, Lizzo feiert nicht nur R ’n’ B), die das Album beschließt.

»Special« ist ein großes Album, geht aber auf Kosten von Lizzos früherer Furchtlosigkeit und Experimentierfreude – völlig verständlich, dass Lizzo nach anstrengenden Jahren im permanenten Kampfmodus nun eine stabile Karriere anpeilt. Ein bisschen wilder dürfte es trotzdem zugehen, dafür müsste sie noch nicht mal beleidigend werden.

Lizzo: »Special« (Atlantic/ Warner)

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