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Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Verbrechen der katholischen Kirche

»Es war Völkermord«

Langer »Weg zur Versöhnung«: Papst Franziskus spricht nach Kritik in Kanada von »Genozid« an Indigenen
Von Jürgen Heiser
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»Horror des Erlebten«: Die Sängerin Si Pih Ko mit einem emotionalen Lied beim Papstbesuch am 25. Juli in Alberta

Am Freitag abend beendete Papst Franziskus seine Kanada-Reise und machte sich auf den Rückflug nach Rom. Aufsehen erregte seine Äußerung, das Internatssystem sogenannter Residential Schools, in dem gut 100 Jahre lang bis in die 1990er Jahre hinein Generationen indigener Kinder »umerzogen« werden sollten, sei »Völkermord« gewesen. Das habe Franziskus laut Vatican News zu Reportern auf seinem Rückflug gesagt, meldete am Sonnabend der indigene Newsblog Native News Online (NNO).

Dieses Wort sei ihm während seiner »Pilgerreise der Buße« in Kanada zunächst nicht in den Sinn gekommen, so der Papst, obwohl er das »Entführen von Kindern« und »die zwangsweise Veränderung einer ganzen Kultur verurteilt« habe. »Völkermord« sei ein klar definierter Begriff. »Sie können also berichten«, so der Papst zu den Presseleuten, »dass ich gesagt habe, dass es ein Völkermord war.« Das Einlenken des Papstes war eine Reaktion auf die zuvor häufig geäußerte Kritik, er habe versäumt, anzuerkennen, dass »die von der Kirche einst gutgeheißenen Greueltaten an den indigenen Völkern in Nord- und Südamerika einem Völkermord gleichkommen«, wie die Juristin Pamela Palmater von der Eel River Bar First Nation in New Brunswick in einem Kommentar der Zeitung Toronto Star erklärte.

Zum Abschluss seines sechstägigen Besuchs bei den indigenen First Nations, Métis und Inuit war Franziskus am Freitag in Iqaluit, der Hauptstadt des Territoriums Nunavut am Nordpolarmeer eingetroffen. Nach Begegnungen in den Provinzen Alberta und Québec traf er zum dritten Mal Überlebende der Internatsschulen und bat das Volk der Inuit um Vergebung für »das Böse, das von nicht wenigen Katholiken« begangen wurde. Er sei »mit dem Wunsch gekommen, gemeinsam einen Weg der Heilung und Versöhnung zu gehen«, so das Kölner Domradio.

Nicht Idee des Vatikan

Auf dem Flughafen von Iqaluit hatte Generalgouverneurin Mary Simon das katholische Kirchenoberhaupt empfangen. Simon, Angehörige der Inuit, ist die erste Indigene in diesem Amt. Sie vertritt in der »föderalen parlamentarischen Monarchie« Kanada die britische Queen Elizabeth II., die offizielle Herrscherin des Landes. Deshalb sprach Franziskus auch nur für zehn Minuten mit Regierungschef Justin Trudeau in Québec, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, nachdem »seine Heiligkeit« dort am Mittwoch eine Rede vor Vertretern von Regierung, Behörden und diplomatischem Korps sowie 50 Überlebenden der Internate gehalten hatte. Letztere konnten jedoch nicht direkt mit dem Papst sprechen, wie Kenneth Deer von der Mohawk Nation gegenüber NNO berichtete. Und das, obwohl Generalgouverneurin Simon hervorgehoben hatte, es sei »dem Mut und der Widerstandsfähigkeit« der Überlebenden zu danken, »dass der Weg für die Bitte um Vergebung der Kirche auf indigenem Land in Kanada geebnet« wurde.

Die päpstliche Reise war keine Idee des Vatikanstaates. Vielmehr war es der 94 Punkte umfassende Handlungskatalog, der 2015 im Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission veröffentlicht wurde, der die Katholiken zu dem Schritt drängte. Nach Vorarbeit der kanadischen Bischofskonferenz und Gesprächen am 1. April in Rom mit Delegierten der First Nations und Überlebenden der Internate hatte sich nun auch der Papst endlich auf den Weg gemacht.

Die von ihm besuchten indigenen Gemeinden machten ihm jedoch schon bald klar, dass seine Kirche auf ihrem »Weg zur Versöhnung« noch eine sehr lange Strecke vor sich hat. Vor allem weil Franziskus durch seine Äußerungen zu Beginn seiner »Büßerreise« den Eindruck vermittelte, dass nicht die Kirche, sondern der kanadische Staat hauptverantwortlich war für den Terror der Internate.

Versteinerte Gesichter

Das deutete Franziskus jedenfalls am vergangenen Montag in seiner ersten Rede an, die er in Maskwacis in der Provinz Alberta hielt, dem Ort der berüchtigten Ermineskin Residential School. Vor Tausenden Indigenen aus ganz Kanada bedauerte der Papst »zutiefst, dass viele Christen die Kolonialmentalität der Mächte unterstützten, die die indigenen Völker unterdrückt haben«. Er bitte »insbesondere um Vergebung für die Gleichgültigkeit vieler Glieder der Kirche«, die an der von den damaligen Regierungen geförderten »kulturellen Vernichtung und Zwangsassimilation in den Internaten mitgewirkt« hätten. Er bitte »demütig um Vergebung für das Böse, das so viele Christen an den indigenen Völkern begangen haben«.

Laut Agenturberichten waren während der Rede des Papstes im Rund der Zuhörenden viele versteinerte Gesichter zu sehen. Ältere Indigene brachen angesichts ihrer Erinnerungen an den Horror des Erlebten in Tränen aus. Es gab indes auch Beifall für die päpstlichen Worte. Überrascht habe die Menge laut NNO, dass »Häuptling Wilton Littlechild dem Papst einen traditionellen Federkopfschmuck schenkte«. Franziskus habe den Kopfschmuck jedoch nur kurz und wortlos aufgesetzt.

Viele Indigene äußerten sich dazu entrüstet im Internet. Russell Diabo von der Mohawk Nation, Herausgeber der Publikation First Nations Strategic Bulletin, verurteilte die Geste auf Twitter als »ein Spektakel aus oberflächlichen Erklärungen des Papstes und dem Aufsetzen des Federschmucks«. Sie nütze nur »der Zusammenarbeit von Kirche und Staat bei der Schaffung der Mythologie einer gemeinsamen ›Versöhnungs‹-Agenda«. Christian Big Eagle von der »Cree Warriors Society« reagierte wütend auf das Geschenk an Franziskus. Einen solchen traditionellen Federschmuck müsse man sich verdienen, schrieb er auf Twitter. Der Papst sei jedoch »Oberhaupt einer Organisation, die indigene Kinder vergewaltigt und ermordet hat«.

Hintergrund: Die Kommission

Am 15. Dezember 2015 veröffentlichte die kanadische Truth and Reconciliation Commission (TRC) ihren Abschlussbericht über die Geschichte der etwa 130 Residential Schools. Die Gründung der TRC 2008 war Folge des Drucks von Kanadas First Nations. Ein nationales Forschungszentrum der TRC sammelte Aussagen ehemaliger Schülerinnen und Schüler sowie Dokumente von Kirchen und Behörden. Im Juni 2010 hielt die TRC ihre erste Nationale Versammlung in Winnipeg ab, an der Tausende teilnahmen. Sie hörten die Berichte der Überlebenden und erfuhren, dass einige staatliche und kirchliche Institutionen dem TRC Dokumente verweigerten.

Zwischen 2011 und 2014 fanden weitere Nationale Versammlungen in Inuvik, Halifax, Saskatoon, Montreal, Vancouver und Edmonton sowie Anhörungen in über 70 Gemeinden statt. Inzwischen hatte die TRC 7.000 Aussagen und mehr als fünf Millionen Dokumente gesammelt. Sie werden im Nationalen Zentrum für Wahrheit und Versöhnung (NCTR) an der Universität von Manitoba aufbewahrt.

Der Abschlussbericht der TRC fasst die furchtbaren Umerziehungserfahrungen von etwa 150.000 kanadischen Mädchen und Jungen zusammen. Viele von ihnen wurden Opfer sexualisierter Gewalt. Mindestens 3.200 starben an Unterernährung, Krankheiten und Gewalt. Die Dunkelziffer ist hoch, weil Todesfälle nicht dokumentiert wurden. Aktuell werden immer neue Massengräber gefunden. Die TRC bewertete das Internatssystem als »kulturellen Völkermord«, als »Zerstörung jener Strukturen und Praktiken, die es einer Gruppe ermöglichen, als Gruppe weiterzuleben«.

Der 94 Punkte umfassende Abschlussbericht enthielt zahlreiche Handlungsaufforderungen wie die Untersuchung von Fällen vermisster indigener Frauen und Mädchen sowie die Verbesserung des Zugangs der indigenen Bevölkerung zu höherer Bildung und medizinischer Versorgung. Stammesrichter Murray Sinclair: »Kanada muss von der Entschuldigung zum Handeln übergehen.« (jh)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg ( 1. August 2022 um 12:17 Uhr)
    Vielen Dank an jW und an Jürgen Heiser für diesen Artikel, der noch einmal auf die bis heute andauernde Diskriminierung indigener Völker aufmerksam macht und an die Hybris der sich aus Europa ausbreitenden Kolonialherren erinnert, zu denen natürlich auch die Christen und speziell die Vertreter der katholischen Kirche gehörten. Ja, wahrscheinlich hat auch »seine Heiligkeit«, Papst Franziskus, durch diese Reise zu den Überlebenden der Indigenen in Kanada dazugelernt, worauf auch sein Ausspruch »Es war Völkermord« gegenüber der Presse auf seiner Rückreise hinweist. Bestimmt hatte auch er, genau wie ich, ursprünglich aus katholischem Elternhaus kommend, den Spruch aus dem Neuen Testament »Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker …« mit der Milch der »Mutter Kirche« aufgesogen. Angeblich wollte die Kirche ja nur die »frohe Botschaft« verkünden, dass wir alle »Gotteskinder sind«, und für »Nächstenliebe« eintreten. Vor lauter Selbstgerechtigkeit versäumten »wir« die grundlegendsten Voraussetzungen im Umgang miteinander bzw. mit den »anderen«: die Menschenachtung und den Respekt vor der »Schöpfung Gottes«. - Dennoch möchte ich diesem Papst zugute halten, dass er in all seiner offensichtlich gewordenen Hilflosigkeit den überlebenden Betroffenen Gelegenheit gab, ihren anhaltenden Schmerz und ihre noch vorhandene Empörung über das erlittene Unrecht vor aller Welt Ausdruck zu verleihen. - Im übrigen bin ich noch dankbar dafür, dass er sich im Gegensatz zu Johannes Paul II. und Benedikt XVI. für die Freilassung auch der fünf bzw. der letzten drei der »Los Cinco Heroes« eingesetzt hatte, nämlich damals im persönlichen Gespräch mit US-Präsident Obama.

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