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Aus: Ausgabe vom 30.07.2022, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Odessa-Salat

Unterzeile
Von Maxi Wunder

Eines der berühmtesten Bauwerke der Welt ist die 142 Meter lange Potemkinsche Treppe in Odessa, sie verbindet den Hafen mit der Altstadt. Die zwischen 1837 und 1841 nach Plänen des Architekten Francesco Boffo im 30-Grad-Winkel errichtete Freitreppe ist mit ihrer Verjüngung nach oben auf perspek­tivische Wirkung angelegt. Unvergessen ist sie als Schauplatz eines Massakers gegen Aufständische in Sergej Eisensteins Film »Panzerkreuzer Potemkin« (1925): Schüsse, Kosakenstiefel, Leichen überall. Ein Kinderwagen mit Baby rattert wirkungsvoll die Stufen hinunter. Die Handlung lehnt sich an ein tatsächliches Ereignis des russischen Revolutionsjahres 1905 an: die Meuterei der Besatzung des russischen Kriegsschiffs Knjas Potjomkin Tawritscheski gegen ihre zaristischen Offiziere. Auslöser waren Maden im Suppenfleisch.

Es gibt ja Leute, denen wäre das gar nicht aufgefallen, die essen sowieso gerne Würmer, insbesondere Meeresgewürm, sogenannte »Shrimps«, zu deutsch »Geißelgarnelen«. Hier eine Beschreibung der Minimonster: »Garnelen haben einen langgestreckten, mehr oder weniger zylindrischen und seitlich leicht zusammengedrückten Körper mit dünner Schale. Sie tragen lange Antennen (›Fühler‹; die 2. Antenne besitzt an der Basis eine große Schuppe: Exopodit) und haben lediglich zierliche Greiforgane (›Scheren‹); die Beine im hinteren Abschnitt des Körpers sind zu Schwimmorganen umgebildet. Der Kopf trägt meist einen nach vorne gerichteten, langgestreckten Fortsatz, das Rostrum.« Was Wikipedia verschweigt: Die Viecher haben auf ihrem »Rostrum« auch zwei kleine schwarze Knopfaugen.

Ich sag’s mal so: Wenn diese Geschöpfe nicht in Gewässern zu Hause wären, sondern zu Lande, würde ich beim bloßen Anblick Reißaus nehmen und sie schon aus Ekel am Leben lassen. Aber bitte schön, hier für Unerschrockene rosa Würmer mit Mayo:

Odessa-Salat:

Eine Salatgurke längs halbieren, mit einem Löffel die Kerne entfernen und in kleine Stückchen schneiden. Drei grüne Kiwis ebenfalls klein würfeln, 400 g Krabben bzw. Scampi bzw. Shrimps abspülen (ohne Kopf und Schale). Alles in eine Schüssel geben. Für die Sauce einen Becher saure Sahne mit zwei EL Mayonnaise, dem Saft einer halben Zitrone sowie frischem Schnittlauch und Dill verrühren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Die Sauce über die Gurken-Kiwi-Shrimps-Mischung geben und alles gut durchmischen. Dazu Baguette reichen und Weißwein.

Wird es von Eisensteins Meisterwerk nach fast 100 Jahren ein Sequel geben, einen Fortsetzungsfilm? Mit Bildern aus Odessa vom 2. Mai 2014 könnte man an die Schlüsselszene anknüpfen: Wieder liegen Menschen ermordet auf Treppen, diesmal auf denen des Gewerkschaftshauses, in dem prorussische Demonstranten Schutz vor Faschisten und Hooligans gesucht hatten. Die aber setzen das Haus mit Molotowcocktails in Brand. 46 Menschen finden den Tod, 214 werden verletzt, davon 27 schwer.

»Viele von uns kamen durch Revolution zur Kunst. Jeder von uns ruft durch die Kunst zur Revolution auf.« (Sergej Eisenstein, 1933)

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