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Aus: Ausgabe vom 30.07.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nationale Kriege und Imperialismus

1916 setzte sich Lenin mit der These Rosa Luxemburgs in ihrer »Junius«-Broschüre auseinander, im Imperialismus könne es keine nationalen Kriege geben (Teil III und Schluss)
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Gelebte Theorie: Nationaler Befreiungskrieg der chinesischen Roten Armee

Nationale Kriege der Kolonien und Halbkolonien sind in der Epoche des Imperialismus nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich. In den Kolonien und Halbkolonien (China, Türkei, Persien) leben annähernd 1.000 Millionen Menschen, d. h. über die Hälfte der gesamten Bevölkerung der Erde. Nationale Befreiungsbewegungen sind hier entweder schon sehr stark, oder sie wachsen und reifen heran. Jeder Krieg ist eine Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln. Die Fortsetzung der Politik der nationalen Befreiung in den Kolonien werden zwangsläufig nationale Kriege der Kolonien gegen den Imperialismus sein. Solche Kriege können zu einem imperialistischen Krieg der jetzigen imperialistischen »Groß«mächte führen, können aber auch nicht dazu führen – das hängt von vielen Umständen ab.

Ein Beispiel: England und Frankreich haben im Siebenjährigen Krieg (1756–1763, jW) um Kolonien gekämpft, d. h. einen imperialistischen Krieg geführt (der ebenso auf der Basis der Sklaverei und der Basis des primitiven Kapitalismus wie auf der gegenwärtigen Basis des hochentwickelten Kapitalismus möglich ist). (…) Französische Truppen schlagen zusammen mit den amerikanischen die Engländer. Wir haben es hier mit einem nationalen Befreiungskrieg zu tun, in dem die imperialistische Rivalität ein hinzugekommenes Element ohne ernste Bedeutung ist – im Gegensatz zu dem, was wir im Kriege 1914–1916 sehen (das nationale Element im Österreichisch-Serbischen Krieg hat keine ernste Bedeutung im Vergleich mit der alles bestimmenden imperialistischen Rivalität). Daraus ist ersichtlich, wie sinnlos es wäre, den Begriff Imperialismus schablonenhaft anzuwenden und aus ihm die »Unmöglichkeit« nationaler Kriege zu folgern. (…)

Drittens darf man selbst in Europa nationale Kriege in der Epoche des Imperialismus nicht für unmöglich halten. Die »Ära des Imperialismus« hat den jetzigen Krieg zu einem imperialistischen gemacht, sie wird unweigerlich (solange nicht der Sozialismus kommt) neue imperialistische Kriege erzeugen, sie hat die Politik der jetzigen Großmächte zu einer durch und durch imperialistischen gemacht, aber diese »Ära« schließt keineswegs nationale Kriege aus, z. B. von seiten der kleinen (nehmen wir an, annektierten oder national unterdrückten) Staaten gegen die imperialistischen Mächte, wie sie auch im Osten Europas nationale Bewegungen in großem Maßstab nicht ausschließt. (…) Die Einmischung der imperialistischen Mächte ist in der Praxis nicht unter allen Umständen durchführbar, das einerseits. Wenn man anderseits aber so »ins Blaue hinein« urteilt, der Krieg eines kleinen Staates gegen einen Giganten sei aussichtslos, so ist darauf zu sagen, dass ein aussichtsloser Krieg auch ein Krieg ist; überdies können gewisse Erscheinungen im Innern der »Giganten«, z. B. der Ausbruch einer Revolution, einen »aussichtslosen« Krieg sehr »aussichtsreich« machen.

Wir sind nicht nur deshalb so ausführlich auf die Unrichtigkeit der Behauptung, dass es »keine nationalen Kriege mehr geben kann«, eingegangen, weil sie offensichtlich theoretisch falsch ist. Es wäre natürlich sehr traurig, wenn die »Linken« in einer Zeit, in der die Gründung der III. Internationale nur auf dem Boden des nicht vulgarisierten Marxismus möglich ist, der Theorie des Marxismus gegenüber einen Mangel an Sorgfalt bekunden würden. Aber auch in praktisch-politischer Hinsicht ist dieser Fehler sehr schädlich, denn daraus wird die unsinnige Propaganda für die »Entwaffnung« abgeleitet, da es angeblich keine anderen Kriege mehr geben könne als reaktionäre; daraus wird die noch unsinnigere und direkt reaktionäre Gleichgültigkeit den nationalen Bewegungen gegenüber abgeleitet. Eine solche Gleichgültigkeit wird zum Chauvinismus, wenn Angehörige der europäischen »großen« Nationen, d. h. der Nationen, die eine Masse kleiner und kolonialer Völker unterdrücken, mit hochgelahrter Miene erklären: »Nationale Kriege kann es nicht mehr geben!« Nationale Kriege gegen imperialistische Mächte sind nicht nur möglich und wahrscheinlich, sie sind unvermeidlich, sie sind fortschrittlich und revolutionär, obgleich natürlich zu ihrem Erfolg entweder die Vereinigung der Anstrengungen einer ungeheuren Zahl von Bewohnern unterdrückter Länder (Hunderte Millionen in dem von uns angeführten Beispiel Indiens und Chinas) erforderlich ist oder eine besonders günstige Konstellation der internationalen Lage (z. B. die Lähmung einer Einmischung imperialistischer Mächte infolge ihrer Schwächung, ihres Krieges, ihres Antagonismus und dergleichen mehr) oder der gleichzeitige Aufstand des Proletariats einer der Großmächte gegen die Bourgeoisie (dieser in unserer Aufzählung letzte Fall ist der erste vom Standpunkt des Wünschenswerten und für den Sieg des Proletariats Vorteilhaften).

Wladimir Iljitsch Lenin: Über die Junius-Broschüre. Sbornik Sozialdemokrata Nr. 1, Oktober 1916. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke Band 22. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 313–315

Teil I und II dieser Serie erschienen in den jW-Wochenendbeilagen vom 16./17. und vom 23./24. Juli

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