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Aus: Ausgabe vom 29.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Die Spinne webt weiter

Absurde Körper: Der Martin-Gropius-Bau zeigt textile Wunder der französischen Künstlerin Louise Bourgeois
Von Gisela Sonnenburg
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Ein überaus nützliches, geduldiges Tier: Die Spinne

Ästhetik ist hier nicht das Wichtigste. Bei »Louise Bourgeois: The Woven Child«, dem »gewebten Kind«, das zugleich auch die Grande Dame quasifeministischer Kunst ist, geht es ans Eingemachte. Sie sei eine Frau, keine Feministin, sagte sie selbst einmal, aber ihr Werk spricht eine andere Sprache: Es klagt die patriachale Unterdrückung rigoros an. Im Berliner Martin-Gropius-Bau prangen derzeit Dutzende wundersam kompliziert-einfache Stücke aus Stoff der 2010 im Alter von 98 Jahren verstorbenen Französin. Die erste Etage des 1881 errichteten Museums ist somit vom Spätwerk der Bourgeois erfüllt: Sie begann ihre Arbeit an textilen Druckgefühlen erst mit über 80 Jahren.

Kunst und Luxus

Rote Beine ohne Restmensch baumeln dreidimensional von der Decke, schwarze Klumpkörper erscheinen als verbackene Reste von Schönheit. Auf altem Leinentuch, im Format eines übergroßen Doppelbetts, ist ein Zyklus (hetero-)sexueller Wünsche zu sehen. Und im runden Käfig unter einer riesenhaften Spinne aus Bronze wartet ein gepolsterter Thron auf eine gefangenzunehmende Prinzessin.

Von einer misshandelten Stoffpuppe über ein qualvoll verzerrtes, rosa maskiertes Gesicht aus Lammfell bis zu Pfeilern aus identischen Kissen reicht der Bogen aus bewusst absurden Phantasien. Da ist letztlich für jede und jeden was dabei, nur auf Perfektion sollte man es nicht abgesehen haben. Die war für Bourgeois verabscheuungswürdig.

Als Tochter großbürgerlicher Eltern in Paris – der Vater handelte mit Antiquitäten, die Mutter leitete eine Manufaktur, in der kostbare Gobelins restauriert wurden – hatte Louise von Kindesbeinen an Kontakt zu Kunst und Luxus. Allerdings erlebte sie die traditionellen Geschlechterrollen durch die miese Ehe ihrer Eltern wie ein Schwarzweißbild: Der Vater, jähzornig und egomanisch, brachte seine Geliebten mit nach Hause, während die Mutter sich grämte und in ihrem Leid die kunstvoll gewebten Wandteppiche ihrer Kunden reparierte. Die immerfort webende Spinne wurde zum Symbol von Mütterlichkeit, das die erwachsene Louise aus ihrer Kindheit extrahierte.

Aber auch als gequält-eifersüchtige Gattin hat Bourgeois die von ihr verehrte Mutter in einer skulpturalen Installation porträtiert. Den Geschlechtsakt von Mann und Frau sah sie allerdings nicht nur negativ. Regelrecht verschmolzen in ihrer Intimität sind Bourgeois’ Puppen liegend beim Sex, wobei mal ein Bein, mal ein Arm aus einer hölzernen Prothese besteht.

Die erotisch agierenden, triebgeplagten, unter ihrer eigenen Sexualität wie unter der des Partners leidenden Figuren haben nur selten den Anschein von Charakter. Oder gar den Charme der Erkennbarkeit. Gevögelt wird anonym, fand Bourgeois heraus, kritisiert den oft nur aufs Fleischliche gerichteten Sexus der Männer. Deren Gewalttätigkeit war für sie kein Geheimnis, sondern Folge ungezügelter Penetration.

Nicht ganz harmlos

Das Zerstörte, Demolierte, Beschädigte, das Unperfekte hat Louise Bourgeois fasziniert, und sie flocht diese Vorliebe ein in ihr Weltbild aus moralisch wertvollen Spinnentugenden: »Wenn man in ein Spinnennetz schlägt, wird die Spinne nicht wütend. Sie webt es weiter und repariert es.« Langmut, Präzision, Hartnäckigkeit – Bourgeois bewunderte vieles an ihrer Mutter, fand manches im zarten Krabbeltierchen wieder.

Als »bedacht, klug, geduldig, tröstend, vernünftig, anmutig, feinsinnig, unverzichtbar, akkurat und nützlich« erlebte sie ihre Mutter – und ebenso das Spinnentier. Und wenn irgendwas in der Ausstellung an einem Faden baumelt oder herabhängt, dann ist stets ein Spinnenfaden gemeint. Die Exponate sind aber nicht immer so harmlos, wie man jetzt möglicherweise denken könnte. Bis zur Verkrüppelung vernähte Stoffkörper, auch mal mit Tierschwanz ausgestattet, an Knochen befestigte Damenunterwäsche können richtig erschrecken. Todesangst spricht aus ihnen. »Ich habe den starken Drang, eine Figur zu machen«, bekannte die Künstlerin. Denn: »Diese Figur, die es mich zu machen drängt, wird meine Angst lösen oder lindern.« Mit etwas Glück auch die Ängste des Publikums.

»Louise Bourgeois: The Woven Child«, bis 23. Oktober 2022 im Martin-Gropius-Bau in Berlin

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