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Aus: Ausgabe vom 29.07.2022, Seite 8 / Ausland
Gewalt gegen Frauen

»Mein ganzes Leben lang hat hier die Rechte regiert«

Kolumbien: Benachteiligte Gruppen hoffen auf neue Regierung von Präsident Petro. Ein Gespräch mit Orlidys Vergara
Interview: Sara Meyer
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Hoffnungsträgerin: Die designierte Vizepräsidentin Francia Márquez auf einem Wandgemälde in Suarez (29.5.2022)

Unter dem jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt in der kolumbianischen Karibik haben insbesondere Frauen gelitten. Die Organisation »Mis Esfuerzos« unterstützt sie bei der Durchsetzung ihrer Rechte und mit psychologischer Beratung. Wie kam es zu diesem Projekt?

Die Basisorganisation wurde von hundert Frauen gegründet, die selbst von Gewalt und Zwangsumsiedlung betroffen sind. Sie vernetzt weibliche Opfer des bewaffneten Konflikts verschiedener Ethnien aus der gesamten Karibikregion. Unsere Arbeit zielt darauf ab, ihre Lebenssituation durch Vergangenheitsbewältigung, Gewaltprävention und im Hinblick auf ökonomische Benachteiligung zu verbessern. Diese Frauen wurden von den bewaffneten Akteuren vertrieben und waren gezwungen, sich ohne Ressourcen oder staatliche Unterstützung in der Nähe von Cartagena niederzulassen.

Wo liegen die Versäumnisse des Staates?

Ab dem Jahr 2010 erkannte der Staat zwar die physischen Rechte der Opfer an, wie das auf angemessenes Wohnen und Nahrung, aber die psychologischen Folgen des Konflikts wurden weiterhin ignoriert. Dabei verursachen sie oft die größten Schäden, etwa Depressionen und Diabetes.

Am 7. August soll der erste linke Präsident Kolumbiens, Gustavo Petro, sein Amt antreten. Was sind Ihre Hoffnungen und Erwartungen an die neue Regierung?

Es gibt große Hoffnung für ein Land, das seit über einem halben Jahrhundert von inneren Konflikten zermürbt wird. Mein ganzes Leben lang hat in Kolumbien die Rechte regiert. Die Umsetzung des Friedensabkommens spielte, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle. Wichtig ist zudem, dass die neue Regierung eine andere Perspektive auf die Wirtschaft hat. Sie hat einen Wandel beim Zugang der Menschen zu Land, Bildung, Gesundheit angekündigt, ebenso wie bei der gesellschaftlichen und politischen Teilhabe der Frauen und ethnischen Minderheiten.

Haben Sie auch Kritik an der neuen Regierung?

All die Probleme dieses Landes können nicht in vier Jahren Regierungszeit gelöst werden. Die Schäden, die die rechte Regierung und die Gewalt in den letzten Jahrzehnten verursacht haben, können nicht schnell beseitigt werden. Aber mit Petros Regierungsansatz kann eine Grundlage dafür geschaffen werden.

Was muss aus Ihrer Sicht jetzt getan werden, damit sich die weiterhin alarmierende Situation für den weiblichen Teil der Bevölkerung verbessert?

Wir wollen die Probleme der Karibikregion gemeinsam mit der neuen Regierung angehen. Die Basis dafür legen wir, indem wir mit Petro und den anderen im stetigen Austausch sein werden. Zusätzlich ist es wichtig, dass die Kommunalregierung Teil einer nationalen Agenda wird. Besondere Priorität hat der Anstieg der Frauenmorde in unserer Region. Wir haben Angst, auf die Straße zu gehen, insbesondere in der Nacht. Deswegen sollte die neue Regierung das Justizsystem, die Strafverfolgung und die Polizei reformieren. Es gibt zwar viele Anzeigen wegen Gewalt gegen Frauen, aber sie werden anschließend nicht weiterverfolgt.

Glauben Sie, dass sich mit der Afrokolumbianerin Francia Marquez als Vizepräsidentin die Lebensperspektive insbesondere für ethnische Minderheiten ändern kann?

Ich muss etwas gestehen: Auch mir wurde eine politische Position angeboten, und ich habe sehr lange darüber nachgedacht und mich dagegen entschieden. Warum? Weil ich denke, dass das politische System so korrupt ist, dass es dich mit der Zeit verschluckt, und du am Ende keine Möglichkeit hast, viel zu ändern. Dennoch denke ich, dass mit Francia als weibliche, schwarze Vizepräsidentin eine starke Repräsentantin für Minderheiten in eines der wichtigsten Ämter gewählt wurde. In Francia reflektiert sich der Kampf der kolumbianischen Frauen, die der Konflikt hat verstummen lassen. Durch ihre Art zu kommunizieren wird sie dafür sorgen, dass sich die afrostämmigen und indigenen Bevölkerungsgruppen mit der Regierung identifizieren.

Orlidys Vergara ist afrokolumbianische Psychologin und setzt sich seit 14 Jahren für die Verteidigung der Rechte von Frauen ein

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