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Aus: Ausgabe vom 26.07.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Weizenabkommen Ukraine

Viel Kleingedrucktes

Weizenabkommen Ukraine: Export soll zeitnah beginnen. Problem vor allem Minenfelder im Schwarzen Meer und unzureichende Transportkapazitäten
Von Reinhard Lauterbach
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Bereit zum Export: Ukrainische Landwirte verladen Weizen- und Gerstenkörner an einem Getreideterminal von Odessa (23.6.2022)

Trotz der öffentlichen Empörung im Westen und in Kiew über den russischen Raketenangriff auf eine Militäranlage im Hafen von Odessa soll der Export ukrainischen Getreides von dort in den nächsten Tagen beginnen. Diese Erwartung äußerte am Wochenende der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Er hatte als Gastgeber der entsprechenden Verhandlungen am Freitag neben UN-Generalsekretär António Guterres entscheidenden Anteil daran, dass das Abkommen über die Exporte zustande kam.

Schon dieser Singular ist allerdings unpräzise. Tatsächlich geht es um zwei parallel abgeschlossene Verträge zwischen der UNO, der Türkei sowie Russland bzw. der Ukraine. Ihr Inhalt ist zwar weitgehend identisch, enthält aber nach wie vor politische Fallstricke. So hat sich die Ukraine geweigert, ihre Minenfelder vor der eigenen Küste zu räumen, weil sie befürchtet, dass Russland dies zu einem Angriff von See auf Odessa ausnutzen könnte. Auch eine militärische Eskorte der Getreidefrachter auf dem Weg von Odessa – und zwei kleineren, aber von der Kapazität nicht sehr ins Gewicht fallenden Häfen – wurde nicht vereinbart. Ebenso verbat sich Kiew die Anwesenheit russischer Kontrolleure im Hafen der Schwarzmeerstadt.

Ganz ohne Minenräumungen wird es aber nicht gehen. Die ukrainische Marine will offenbar einen Korridor unmittelbar »unter Land« doch entminen. Der kürzere Weg über internationale Gewässer dürfte dadurch ausgeschlossen sein, zumal die Abkommen vorsehen, dass erst »bei Bedarf« und auf Antrag einer der Parteien Minenräumboote herangezogen werden sollen. »Bei Bedarf« dürfte in der Praxis bedeuten: wenn das erste Schiff von einer solchen Seemine beschädigt oder versenkt wurde und dies die Versicherungsprämien für diese Transporte drastisch in die Höhe treiben würde. Dass die ukrainischen Minen sich gelegentlich selbständig machen, ist bekannt: Einzelne waren schon in den ersten Kriegstagen an der türkischen Küste gesichtet worden. Eine fehlende militärische Eskorte bedeutet aber auch, dass die Möglichkeit entfällt, solche Treibminen eventuell gezielt zu beschießen. Ob das alles die Sicherheit der Getreideschiffahrt erhöht, bleibt abzuwarten.

Ein weiteres Problem ist das Missverhältnis zwischen Transportbedarf und verfügbarem Laderaum. Nach ukrainischen Angaben liegen in Odessa noch 17 Millionen Tonnen Getreide aus der Ernte 2021, und die Ernte dieses Jahres, die auf etwa 30 Millionen Tonnen geschätzt wird, hat bereits begonnen. Portale wie Marinetraffic.com zeigen zwar vor der Donaumündung eine Ansammlung von Frachtschiffen, die vermutlich auf grünes Licht warten, um die ukrainischen Häfen anzulaufen. Aber selbst wenn es, wie das ZDF neulich zählte, 100 sein sollen, taugt diese Anzahl kurzfristig nur dazu, knapp die Hälfte der Vorräte abzutransportieren. Denn aufgrund der Passagebestimmungen für den Bosporus dürfen diese Meerenge nur Schiffe der »Panama«-Klasse mit einer Ladekapazität von bis zu 80.000 Tonnen befahren. Das wäre dann eine kumulierte Kapazität von acht Millionen Tonnen. Und wegen der begrenzten Kapazität des Bosporus dürfte es zu neuen Staus an dessen Ausgang zum Schwarzen Meer kommen.

Zwar haben als Ersatz für den zeitweise stillgelegten Schiffsverkehr von und nach Odessa die Bahnen verschiedener EU-Staaten eine Transportkette für ukrainisches Getreide über Land in polnische, deutsche und niederländische Häfen organisiert. Doch auch hier gibt es technische (unterschiedliche Spurweiten) und Kapazitätsprobleme: Ein Zug kann nach Angaben von DB Cargo etwa 1.000 Tonnen transportieren, und allein in den rumänischen Hafen Constanza fahre die rumänische DB-Tochter monatlich 70 Getreidezüge. Das heißt, in einem Monat fährt die Bahn soviel, wie in ein einziges Schiff der »Panama«-Klasse passt. In Polen kommen noch andere Probleme hinzu. Es fehlt an für den Getreidetransport geeigneten offenen Schüttgutwagen, und um die vorhandenen entwickelt sich im Lande eine zunehmende Konkurrenz mit Kohletransporten, die wegen der antirussischen Sanktionen ebenfalls umgeleitet werden müssen. Die vorher üblichen Kohletransporte aus Russland kamen über eine spezielle Breitspurbahn, die bis nach Oberschlesien verläuft und jetzt ungenutzt ist.

Die von Russland als Ersatz für eine Kontrolle der Schiffe auf hoher See durchgesetzte Inspektion der Ladungen in der Türkei dürfte den Abtransport genauso verzögern wie ein Vorkaufsrecht, das sich nach türkischen Presseberichten vom Sonntag Ankara hat einräumen lassen. Wie die Zeitung Sabah schrieb, hofft Erdogan, auf diese Weise die Türkei, die ebenfalls ein größerer Importeur ukrainischen Getreides ist, zu Vorzugspreisen zu versorgen und gegebenenfalls noch am Reexport in andere Staaten der Region zu verdienen. Das ginge auf Kosten des möglichen Verkaufserlöses der Ukraine. Sie aber braucht Geld dringend, nicht nur für den Staatshaushalt, sondern auch, damit die Agrarunternehmen ihre Löhne und Pachten zahlen und die nächste Aussaat vorfinanzieren können.

Die offiziellen ukrainischen Reaktionen auf den Beschuss des Hafens von Odessa deuten im übrigen an, dass Kiew vermutlich auch nur ein relatives Interesse daran hat, den Export jetzt mit voller Kraft anlaufen zu lassen. Präsident Wolodimir Selenskij nahm den Vorfall zum Anlass, vom Westen weitere Waffenlieferungen zu fordern, und ukrainische sowie polnische Medien spekulieren lebhaft über die Möglichkeit, den in Richtung Odessa laufenden Schiffen irgendwo im Schwarzen Meer und von Russland unbemerkt vielleicht doch noch Waffen aufzuladen. In dieser Perspektive dürfte der russische Angriff vom Sonnabend ein Warnschuss im wörtlichen Sinne gewesen sein: es mit solchem Schmuggel erst gar nicht zu versuchen.

Hintergrund: »Kornkammer« mit Grenzen

»Wir holen raus, was wir können.« So kommentierte die Chefin von DB Cargo, Sigrid Nikutta, kürzlich im ZDF die »Getreidebrücke«, die europäische Bahnen unter Federführung der deutschen eingerichtet haben – ohne auch nur einen halben Gedanken an historische Doppelbödigkeiten wie die Ausplünderung der Ukraine durch das deutsche Militär 1918 und 1941–44 zu verschwenden. Kein Wunder: Die »Kornkammer Europas«, als welche die Ukraine durch die Planungen deutscher Strategen in den beiden Weltkriegen spukte, ist das Land längst nicht mehr. Mit 33 Millionen Tonnen produzierten Getreides wächst auf den legendären Schwarzerdeböden der Ukraine nur ein knappes Viertel dessen, was die Intensivlandwirtschaft der EU produziert: 139 Millionen Tonnen Getreide aller Art.

Trotzdem ist die Ukraine ein bedeutender Teilnehmer am globalen Markt für Getreide und Ölsaaten. Nach Angaben der EU-Kommission entfallen auf sie zehn Prozent des weltweiten Markts für Weizen, 13 Prozent für Gerste, 15 Prozent bei Mais und – da hat sie tatsächlich eine marktbestimmende Stellung inne – 50 Prozent bei Sonnenblumenkernen.

Als Hauptleidtragende der Sperrung der ukrainischen Schwarzmeerhäfen gelten der Libanon, Ägypten und Tunesien sowie Sri Lanka. Für EU-Europa ist die Ukraine eher als Ursprungsland von Spezialkulturen von Bedeutung: So berichtete die Süddeutsche Zeitung vor einigen Tagen auf der Titelseite, dass in Frankreich der beliebte körnige Senf »Moutarde à l’ancienne« knapp werde.

Trotzdem dürften sich die Auswirkungen der Exportblockade über ukrainische Häfen für die EU in Grenzen halten. Der Mitteldeutsche Rundfunk sendete vor einigen Tagen eine Reportage, wonach die bisher auf Rohstoff aus Osteuropa angewiesene Senfmanufaktur im thüringischen Altenburg inzwischen ihre Senfkörner von einem Landwirt aus der Region anbauen lasse und sich sogar freue, weil sie das Produkt dann als »100 Prozent Altenburg« vermarkten könne. (rl)

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  • Leserbrief von Eike Seidel aus 21244 Buchholz (27. Juli 2022 um 20:18 Uhr)
    Leider sind die Zahlen zur Getreideproduktion der Ukraine schlicht falsch oder uralt. Laut Wikipedia und anderen Quellen sind sie seit 2014 sprunghaft gestiegen – bis 2020 auf etwa 65 Millionen Tonnen. Lt. Raiffeisen produziert die Ukraine 2022 in der Prognose von 2021 etwa 33 Millionen Tonnen Weizen, von denen 20 Millionen Tonnen exportiert werden, Russland nach derselben Quelle 75 Millionen Tonnen Weizen und exportiert 32 Millionen Tonnen (www.raiffeisen.de/ukraine-russland-konflikt). Die diesjährige verwertbare Ernte in Russland liegt weit über diesen Schätzungen, die in der Ukraine lässt sich kaum vorhersagen, nicht zuletzt wegen mangelnder Lagermöglichkeiten. Das jetzt in den Silos noch liegende Getreide ist mehrheitlich die Ernte von 2021, die im ersten Halbjahr 2022 hätte exportiert werden sollen (Das Getreidejahr ist gegenüber dem Kalenderjahr verschoben). Die enorme Steigerung der Getreideproduktion in der Ukraine seit 2014 ist zum Teil ein Ergebnis der weltweit sprunghaft ansteigenden Industrialisierung der landwirtschaftlichen Produktion, speziell in der Ukraine, aber auch ein Ergebnis der kapitalistischen Durchdringung der dortigen Landwirtschaft durch internationale Konzerne, die dort z. B. radikal die Fleischproduktion zugunsten der Getreideproduktion abgeschafft haben. Die noch nicht bestehende Möglichkeit, sich Ackerland in der Ukraine anzueignen, wird von den Konzernen umgangen durch Verträge mit inländischen Landwirten, die sich zu großen Betrieben zusammenschließen, die als Strohmänner für die Konzerne auftreten. Schade, dass die jW hier falschliegt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (26. Juli 2022 um 15:00 Uhr)
    »… spekulieren lebhaft über die Möglichkeit, den in Richtung Odessa laufenden Schiffen irgendwo im Schwarzen Meer und von Russland unbemerkt vielleicht doch noch Waffen aufzuladen.« Die Getreideexporte, die für medienwirksame antirussische Propaganda missbraucht werden, sind den Ultranationalisten in Kiew ziemlich egal. Da das Geld aus Richtung Westen auch so sprudelt, geht es in erster Linie darum, Möglichkeiten zu finden, unbemerkt Waffen ins Land zu schaffen. Russland wird per Satellit genauestens darauf zu achten haben, ob die Schiffe ohne militärische Zuladung einlaufen. Die Hungernden im globalen Süden sind nur insofern interessant, wie sie zur Hetze und Verleumdung Russlands herhalten können. Die Menschen im globalen Süden dürften für die einflussreichen Faschisten in UA den gleichen Stellenwert besitzen, wie die »Kartoffelkäferlarven« in der Ostukraine.

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