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Aus: Ausgabe vom 25.07.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Marxistische Debatte

Jenseits des Staats

Mit der Arbeiterklasse aus der Sackgasse: Jakob Schäfer über die Warengesellschaft und die multiple Krise
Von Guenther Sandleben
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Streik kann stören: Containerverladung im Containerterminal Burchardkai in Hamburg (6.6.2022)

In seinem Buch »Die Warengesellschaft und die Herausforderung der multiplen Krise« kommt der Autor Jakob Schäfer zu dem Schluss, dass die Vielzahl gefährlicher Krisen die Menschheit an eine Epochenschwelle gebracht hat, die nur noch die Alternative zulässt, entweder mit dem Kapitalismus in Barbarei zu versinken oder den grundlegenden Systemwechsel hin zum Ökosozialismus zielgerichtet durchzukämpfen. Die so dringend erforderliche Umsteuerung beinhalte die Beseitigung des kapitalistischen Eigentums mit der damit verbundenen Warengesellschaft. An deren Stelle soll das gemeinschaftliche Eigentum treten, auf dessen Grundlage die nun unmittelbar gesellschaftliche Arbeit geplant und organisiert werden kann.

Die bestehenden Verwertungs- und Konkurrenzzwänge wären beseitigt, so dass die Produktion und Verteilung der Güter endlich nach ökologisch und sozial vernünftigen Kriterien erfolgen kann. Finanzmärkte gibt es nicht mehr, die Warenproduktion als »der Dreh- und Angelpunkt« wäre beseitigt, ebenso die damit einhergehende Ausbeutung und Entfremdung. Dieser Epochenübergang sei nur mit einem revolutionären Bruch möglich. Dies beinhaltet eine Kritik an dem Konzept der sozialistischen Marktwirtschaft, das Schäfer als »absurd« und als »Irrweg« kennzeichnet. Ein Umsteuern unter marktwirtschaftlichen Bedingungen sei nicht vorstellbar.

So bedeutsam diese Erkenntnis auch ist – neu ist sie gewiss nicht. Andere Autoren haben Ähnliches formuliert. Wer aber kann die katastrophale Entwicklung stoppen? Die Frage nach dem revolutionären Subjekt und nach der Strategie, die erforderlich ist, wird häufig vergessen. Schäfer bezieht diese Fragen systematisch ein und gelangt zu einer bemerkenswerten Erkenntnis: Der Staat, auch wenn er sich als Sozialstaat oder als Verkörperung der Vernunft auszuweisen versucht, kommt nicht als Träger der notwendigen Veränderung in Betracht, denn er basiert auf der Warengesellschaft, die gerade die Katastrophen hervorbringt.

Die Lösung liegt jenseits des Staats und muss gegen den Staat durchgeboxt werden. Als Träger der Veränderung bringt Schäfer das auch von vielen dem Selbstverständnis nach linken Akteuren vergessene Proletariat ins Spiel, also die breiten Massen der Gesellschaft, die »abhängig beschäftigt sind, kein Direktionsrecht ausüben und auch keine Leitungsfunktion oder Macht in staatlichen Stellen ausüben« – etwa 91 Prozent aller Erwerbstätigen und Erwerbslosen. Diese werden jedoch in mehrfacher Hinsicht vertikal und horizontal fragmentiert: »Sie (Arbeiterklasse) wurde durch den Einsatz ausländischer Entsendearbeiter*innen segmentiert; mit Scheinselbständigkeit und sonstigen Prekarisierungen entstehen viele Abstufungen beim Einkommen und den Arbeitsbedingungen. Nicht zuletzt die Verkleinerungen der Belegschaften haben die Kampfkraft geschwächt«. In Verbindung mit den jeweiligen Kampferfahrungen hätten solche Fragmentierungen zu »unterschiedlichen Bewusstseinsstufen« geführt. Nun gehe es darum, möglichst unter Einbeziehung von Gewerkschaften soziale, ökologische und politische Kämpfe von unten her mit Hilfe selbstgestalteter Netzwerke zu organisieren. Nur diese Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse sei erfolgversprechend. »Abkürzungsversuche« wie die Bildung linker Regierungen oder die Aufgabe der Klassenorientierung hätten sich als Sackgasse erwiesen.

Der letzte Teil des Buches thematisiert die Strategie: Ist von der Produktion oder von der Verteilung bzw. dem Konsumenten auszugehen, und welchen Charakter müssen die Forderungen haben? Die Steuerungsmöglichkeiten der Konsumenten seien ähnlich begrenzt wie die des Staates. Konsumverweigerung bis hin zu Kaufboykottbewegungen hält Schäfer für nicht besonders wirkungsvoll, wenn es um die dringend erforderlichen, grundlegenden Veränderungen geht. Als Alternative schlägt er ein System ökosozialistischer Übergangsforderungen vor, das die kapitalistische Produktionsweise mit der darin enthaltenen Klassenspaltung und den ökologischen Verwerfungen ins Zentrum rückt und die dringend notwendigen Problemlösungen mit der Aneignung der Produktivkräfte und der Untergrabung staatlicher Macht verbindet. Beispiele dazu sind Forderungen nach Arbeiterkontrolle und der Kampf um Arbeitszeitverkürzung durch die Verteilung der Arbeit auf alle Hände und Köpfe, also der Beginn einer gemeinschaftlichen Aneignung der Produktivkräfte durch die sich mehr und mehr selbst organisierenden Produzenten.

Das Buch ist übersichtlich gegliedert, gut lesbar; der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Vielzahl von Fragestellungen verhindert jedoch eine tiefere Analyse, die man sich an einigen Stellen, etwa bei der Analyse der multiplen Krise, gewünscht hätte.

Jakob Schäfer: Die Warengesellschaft und die Herausforderung der multiplen Krise. New Academic Press, Wien 2022, 156 Seiten, 17,50 Euro

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