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Aus: Ausgabe vom 21.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Festival

Abends steppt der Bär

Kleiner Sturm an der Küste: Eindrücke vom samischen Festival Riddu Riđđu in Nordnorwegen
Von Gabriel Kuhn, Kåfjord
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Nicht unterkriegen lassen: The Halluci Nation aus Kanada

Alles begann mit einem Grillfest. Es eröffnete im Jahr 1991 »Kulturtage«, die von der samischen Jugendgruppe Gáivuona ­Sámenuorat in der Kommune Kåfjord, 100 Kilometer östlich von Tromsø, organisiert wurden. »Gáivuona« bezieht sich auf den samischen Namen für Kåfjord, eine Kommune, die mehrere Dörfer umfasst.

Die Sámi sind die indigene Bevölkerung Nordeuropas. Die Sámi Kåfjords zählen zu den sogenannten Küstensámi, die die Mehrheit der samischen Bevölkerung ausmachen. Sie waren besonders von der Zwangsassimilierung betroffen, die die Geschichte der Ethnie in Norwegen, Schweden und Finnland prägt. Während die Bergsámi mit ihren Rentierherden zu den einzig wahren Sámi stilisiert wurden und ihre Kultur wenigstens zum Teil bewahren konnten, verloren die Küstensámi Jagd- und Fischereigründe, ihre Sprache und und in vielen Fällen ihre Identität. Gruppen wie ­Gáivuona ­Sámenuorat traten in den 1980er Jahren auf den Plan, um ihre Kultur wiederzubeleben.

Wichtiger Treffpunkt

Die Kulturtage versprachen geselliges Beisammensein, Livemusik und politische Debatten. Sie wurden zu einem jährlichen Event und fanden 1995 erstmals unter dem Namen Riddu-Riđđu-Festival statt. »Riddu Riđđu« bedeutet so viel wie »Kleiner Sturm an der Küste«. Die Veranstalter zogen auf ein größeres Gelände und errichteten eine ordentliche Bühne. Riddu Riđđu wurde enorm populär, öffentliche und private Sponsoren sprangen auf. Was zu einer Kommerzialisierungsdebatte unter den ursprünglichen Initiatoren führte, da einige meinten, das Festival würde so seine Unabhängigkeit und seinen rebellischen Charakter verlieren. Doch das Wachstum ging weiter. Zur Jahrtausendwende hatte sich Riddu Riđđu nicht nur zum wichtigsten Festival in Sápmi gemausert (dem ursprünglichen Siedlungsgebiet der Sámi, das sich von der Nordwestküste Norwegens bis zur russischen Kola-Halbinsel erstreckt), sondern war auch zu einem wichtigen Treffpunkt für indigene Künstler und Aktivisten aus aller Herren Länder geworden. Besonders eng war die Zusammenarbeit mit den indigenen Völkern der Arktis.

Das Festivalgelände ist seit 1995 dasselbe. Die Hauptbühne wurde zweimal erneuert, zuletzt 2020. Auf dem Gelände richtete man das »Zentrum für Völker des Nordens« ein, mit Büroräumen, Bibliothek, Museum und Veranstaltungssaal. 2009 wurde Riddu Riđđu von der norwegischen Regierung zu einem »Knotenpunktfestival« erklärt – ein Status, den nur wenige Veranstaltungen bekommen und der mit besonderen Förderungen einhergeht. In den besten Jahren kamen mehr als 10.000 Menschen zu dem Festival, bei dem es nie dunkel wird. 350 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen, scheint hier im Juli die Sonne 24 Stunden am Tag (wenn sie scheint).

Die diesjährige Ausgabe fand vom 13. bis 17. Juli statt. Es war das erste Mal seit drei Jahren, dass es keine Restriktionen gab. 2020 musste Riddu Riđđu aufgrund der Coronapandemie ins Digitale ausweichen, 2021 war die tägliche Besucherzahl auf 500 beschränkt. Das Programm war 2022 wieder gewohnt reichhaltig: Neben Konzerten und Podiumsdiskussionen gab es Filmvorführungen, Theaterstücke, Stand-up-Comedy, eine Kunstausstellung und ein Kinderfestival.

Von allen Seiten

Jedes Jahr wird einem indigenen Volk der Arktis ein eigener Ausstellungsbereich auf dem Gelände zugesprochen. Als 2009 die Nisga’a aus Kanada zum Festival kamen, errichtete man ein Langhaus, das heute als Kino dient. In diesem Jahr waren die Inuit aus Grönland zu Gast. Neben dem Langhaus luden sie zu Gesang, Tanz, Spiel und Essen ein.

Vertreter der indigenen Völker des russischen Nordens sind bei Riddu Riđđu gern gesehene Gäste. Heuer war jedoch kaum jemand anwesend. Die von der norwegischen Regierung unterstützten Sanktionen gegen Russland machten für die meisten die Reise unmöglich, da der Festivalleitung jede Zusammenarbeit mit russischen Organisationen untersagt war – egal welchen.

Die Stimmung bei Riddu Riđđu wirkt wie eine Kombination aus Familientreffen, Jahrmarkt und Rockfestival. Obwohl die Temperaturen auf unter zehn Grad sinken können, wird gezeltet, oft in samischen Lavvus, die den in Deutschland bekannteren Tipis ähnlich sehen. Die Morgen sind verschlafen, bei den Diskussionsveranstaltungen am Nachmittag wacht ein Teil der Besucher auf, und bei den Konzerten am Abend steppt der Bär. Viele Sámi auf dem Festival kennen einander, sie treffen sich jedes Jahr hier. Sie kommen von »allen Seiten« Sápmis, wie es in Sápmi heißt, also aus Norwegen, Schweden und Finnland. Traditionelle Kleider sind allgegenwärtig, daneben sieht man den klassischen Outdoor-Look des hohen Nordens und Jugendliche mit gefärbten Haaren und Tätowierungen. Mittendrin niederländische Volontäre, dänische Hobbymythologen und deutsche Wandergesellen.

Die nichtsamische Bevölkerung der Region hat das Festival mittlerweile angenommen. Als in den 1990er Jahren die ersten Ortsschilder auf Samisch auftauchten, wurde so oft auf sie geschossen, bis die Namen nicht mehr lesbar waren. Heute verriegelt nur noch die nahe gelegene Kirche während des Festivals ihren Parkplatz. Von »heidnischen Ritualen« spricht niemand mehr. Eitel Wonne herrscht trotzdem nicht überall. Eine der Diskussionsveranstaltungen beim diesjährigen Festival widmete sich der »Sámihetze«, wie in Norwegen die alltäglichen Beleidigungen genannt werden, mit denen Angehörige der Minderheit zu leben haben. Ailo Kemi Gjerpe, Schlagzeuger der populären samischen Popband Rolffa, berichtete, wie sein fünfjähriger Sohn am diesjährigen norwegischen Nationalfeiertag mehrfach beleidigt wurde, weil er an einer Parade in Bodø mit samischer Kleidung und samischer Flagge teilnahm.

Zu den Headlinern des Festivals in diesem Jahr gehörte die Band Isák rund um die sowohl als Musikerin als auch als samische Aktivistin geschätzte 24jährige Ella Marie Hætta Isaksen sowie das HipHop-Duo The Halluci Nation (früher: A Tribe Called Red) von der Konföderation der Haudenosaunee (Irokesen).

Inarisamischer Rap

Dass HipHop auch in Sápmi populär ist, belegte der letzte Abend des Festivals, an dem unter anderen der Rapper Amoc auftrat. Er rappt auf Inarisamisch, einem Dialekt, der nur noch von knapp 300 Menschen gesprochen wird. Der Begeisterung des Publikums tat das keinen Abbruch. Das Aufrechterhalten der samischen Dialekte steht hoch im Kurs. Erstmals wurde auf dem Festival ein eigener Preis für Personen verliehen, die sich um die Bewahrung samischen Kulturguts besonders verdient machen. Amoc mag ein zukünftiger Anwärter sein. Als er vor 15 Jahren zu rappen begann, meinte er, dass in seiner Generation nur noch zehn Menschen des Inarisamischen mächtig wären. Heute sind es einige mehr. Die Kraft der Musik.

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