Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Donnerstag, 29. September 2022, Nr. 227
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 21.07.2022, Seite 6 / Ausland
Amoklauf von Uvalde

Chaos bei Einsatzkräften

USA: Untersuchungsausschuss zu Amoklauf an Grundschule von Uvalde veröffentlicht Zwischenbericht. Fokus auf Polizeiversagen und Sicherheitsfragen
Von David Maiwald
2022-05-26T133RTRMADP_3_TEXAS-SHOOTING.JPG
Der Amokläufer hatte Ende Mai 19 Schüler einer vierten Klasse und zwei Lehrerinnen erschossen

Transparenz herstellen und Fragen beantworten: Das waren die Ziele des Zwischenberichts zum Amoklauf in der Robb Elementary School in der Stadt Uvalde am 24. Mai. Am Sonntag ist der Bericht des Untersuchungsausschusses im Repräsentantenhaus des US-Bundesstaates Texas veröffentlicht worden.

Nach dem Attentat auf die Grundschule, bei dem der im Text namentlich ausdrücklich nicht genannte Attentäter 19 Schüler einer vierten Klasse und zwei Lehrerinnen erschossen hatte, wurde das späte Einschreiten von anwesenden Polizeibeamten kritisiert. Diese stoppten den 18jährigen mehr als eine Stunde nach Beginn des Amoklaufs im Schulgebäude. Videos von plan- und orientierungslosen Polizeikräften im Inneren der Schule hatten die Kritik verstärkt.

Polizeiversagen, Sicherheits- und Einsatzkonzepte sowie Gebäudesicherheit bilden den Hauptfokus des 77seitigen Ausschussberichts. Man habe im untersuchten Fall außer beim Attentäter selbst kein böswilliges Verhalten feststellen können, heißt es darin. Statt dessen bescheinigt der Report auf ganzen 27 Seiten nahezu allen am Tag des Massakers verantwortlichen Entscheidungsbefugten »systemische Fehler und ungeheuerliche Fehlentscheidungen«. Demnach hätte die Einsatzleitung beim Polizeichef des Schulbezirks liegen müssen, der diese aber nicht übernommen hatte. Ranghöhere und besser ausgebildete Beamte hätten versäumt, eine solche zu bilden oder anzufordern. Unter den anwesenden 376 Polizeibeamten habe daher »Chaos« geherrscht.

Kräfte hätten sich entgegen gängiger Einsatztaktiken zurückgezogen und auf Verstärkung gewartet. Eine Gruppe von Grenzschutzbeamten habe den Attentäter schließlich eigenmächtig, 73 Minuten nachdem erste Polizeikräfte die Schule erreichten, erschossen. Im Fall des vor rund einem Monat nach einer Verkehrskontrolle erschossenen Schwarzen Jayland Walker hatten Polizeibeamte weniger zögerlich über 90 Schüsse auf den unbewaffneten 25jährigen abgefeuert.

Der »Eindringlingsalarm« ging in der Robb Elementary School häufig los, wenn US-Grenzbeamte in der Gegend flüchtenden Migranten nachstellten, so der Report. Am Tag des Attentats dachten Lehrkräfte, es handele sich erneut um einen solchen Alarm, auf den zuvor noch nie eine Gewalttat in der Schule gefolgt sei. Das Schulgelände sei trotz eines Zauns nicht gut gesichert, Sicherheitsregeln von Lehrkräften missachtet, Türen nicht geschlossen oder bewusst offen gelassen worden, hält der Bericht auf 17 Seiten fest: Wäre das Sicherheitskonzept der Schule befolgt worden, hätte dies das Vorankommen des Angreifers verlangsamen können.

Die zehn Seiten, die sich dem jugendlichen Täter widmen, beschreiben einen Heranwachsenden mit wenig Freundschaften und emotionalen Problemen sowie großen Schwierigkeiten in Schule und Familie. Deutlich wird, dass das (digitale) Umfeld des Attentäters um die Probleme und Vorhaben des Jugendlichen wusste, den einige als »School shooter« bezeichneten. Noch am Tattag selbst hatte er eine Chatfreundin aus Deutschland informiert.

Der Waffenkauf erfolgte, »sobald der Angreifer am 16. Mai 2022 achtzehn Jahre alt wurde« und wird im Bericht mit lediglich 166 Worten beschrieben. Demnach gab der spätere Schütze, dem der legale Kauf von Alkohol noch drei Jahre gesetzlich verwehrt geblieben wäre, in der letzten Woche seines Lebens rund 5.000 US-Dollar für zwei Sturmgewehre und Munition aus. Eine Hintergrundüberprüfung qualifizierte den polizeilich nie aufgefallenen Jugendlichen. Zwar sei die Behörde für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe wie vorgeschrieben über die große Beschaffung in kurzer Zeit informiert worden, dem örtlichen Sheriff hätten laut Gesetz aber nur Käufe von Handfeuerwaffen gemeldet werden müssen. Unterdessen sorgte am Erscheinungstag des Berichts ein Amoklauf in einem Einkaufszentrum in Indiana, bei dem vier Menschen starben und zwei verletzt wurden, erneut für Schlagzeilen.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (20. Juli 2022 um 20:37 Uhr)
    Was sagt es über eine Gesellschaft aus, in der regelmäßig einzelne Individuen anfangen, ihre Mitmenschen zu erschießen? Oft einfach nur um möglichst viele Menschen wahllos zu töten, oft genug aber auch gezielt Angehörige einer spezifischen Gruppe von Menschen, People of Color, Latinos, Juden. Das ist die Gesellschaft der Führungsmacht der sogenannten freien Welt, die so was produziert. Der Liberalismus westlicher Ausprägung geht an sich selbst zugrunde. Denn Grundlage dafür ist ja ein gesellschaftliches Klima, das einerseits geprägt ist von (ökonomischer) Unsicherheit in einer Wettbewerbswirtschaft, die Egoismus als Eigenschaft der Starken feiert und Solidarität als Eigenschaft der Schwachen verabscheut, die ein Heer von Verlierern produziert und diesen gleichzeitig einbläut, sie seien selbst schuld. Andererseits dann der sogenannte Liberalismus, der es im Namen der individuellen Freiheit verbietet, einigermaßen restriktive Regelungen zum privaten Besitz von Schusswaffen einzuführen, was in Verbindung mit ersterem offensichtlich eine mörderische Kombination darstellt.

Ähnliche:

  • Vorbild für bevorstehende Auseinandersetzungen. Beim Streik der ...
    30.05.2022

    Auf der Suche

    Gewerkschaftliche Handlungsperspektiven erweitern. Vielversprechende Ansätze aus den USA
  • 20.05.2019

    Alltag Amoklauf

    Vor 20 Jahren schockierte das Massaker von Littleton die USA. Seither gab es Hunderte weitere Morde an Schulen
  • Gedenken an die Opfer von Orlando am Sonntag vor dem Weißen Haus...
    14.06.2016

    Massenmord in Orlando

    Amokläufer tötet mindestens 49 Menschen in Nachtklub. Das FBI hatte zweimal »ergebnislos« gegen ihn ermittelt

Regio:

Mehr aus: Ausland