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Aus: Ausgabe vom 20.07.2022, Seite 10 / Feuilleton

Kreisler, Misselwitz, Solter

Von Jegor Jublimov
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Wahrhaftiger Giftmischer: Georg Kreisler (circa 1987)

Er gab genügend Leuten Grund, ihn für seine »Lieder gegen fast alles« zu hassen: Taubenliebhaber, Musikkritiker und vor allem die ach so leutseligen Nazis alter und neuer Provenienz. Der Wiener und bekennende Anarchist Georg Kreisler, der in der Nazizeit ausgebürgert worden war und den Österreich nie wieder eingebürgert hat, war ein Widerhaken in Österreichs Zweiter Republik. Als junger Mensch musste er in die USA fliehen, hatte hier das Glück, mit Künstlern wie Hanns Eisler und Charlie Chaplin zusammenzuarbeiten, wurde schwarzhumoriger Liedermacher, der nach der Rückkehr in seine Heimat sehr erfolgreich war, aber auch spaltete. Er ließ sich den Mund nicht verbieten, war Mahner und meist ein galliger Spötter – auch in der BRD. Geschrieben hat er und ernsthaft komponiert – und ziemlich lange durchgehalten, bis er 2011 im 90. Lebensjahr starb. Am Montag war sein 100. Geburtstag.

Eine Frau, die das Leben in verschiedensten Facetten kennenlernte, ist die Regisseurin Helke Misselwitz. In Planitz bei Zwickau am Montag vor 75 Jahren geboren, wurde sie erst Möbeltischlerin und ließ sich dann zur Physiotherapeutin ausbilden. Auf dem späteren Lebensweg, als sie schon in Babelsberg ihren Abschluss als Diplomregisseurin an der Babelsberger HFF erworben hatte, verdingte sie sich als Tellerwäscherin, Kellnerin oder Aufsichtskraft, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie hatte sich entschieden, nicht zum Fernsehfunk in eine Festanstellung zurückzukehren, sondern freiberuflich zu arbeiten. Letztendlich haben ihr die Erfahrungen im »normalen« Alltag geholfen, ihre Dokumentarfilme nicht bloß lebensnah, sondern auch schonungslos ehrlich zu gestalten. Ihr Thema waren gesellschaftliche Umbrüche, das Ende der Nazizeit in ihren Hochschulfilmen, filmische Analysen am Ende der DDR. Ihr abendfüllender Film »Winter adé« mit ungeschönten Frauenporträts war preisgekrönt, aber im DDR-Fernsehen weigerte man sich, den Film zu senden. In den Kinos dann wurde er ein Erfolg, der Misselwitz eine Einladung nach Massachusetts einbrachte, wo sie den wilden Herbst 1989 aus der Ferne erlebte. Nach der Rückkehr konnte sie endlich auch Spielfilme (»Herzsprung«, 1994, »Engelchen«, 1996) drehen und wurde Dozentin in Babelsberg. Filme macht sie bis heute.

Ein Mann des Theaters – wenngleich er oft in Film, Funk und Fernsehen unter Regisseuren wie Rainer Simon und Wolf-Dieter Panse zu sehen war – ist Friedo Solter, der am Sonntag seinen 90. begehen kann. Im Studium hospitierte er bei Brecht, spielte in Meiningen den Mackie Messer und am Deutschen Theater Berlin, das zu seinem Stammhaus wurde, den Wilhelm Tell. Mit der Zeit entwickelte er sich, Stücke von Thomas Bernhard, Peter Hacks und Rolf Hochhuth im Repertoire, zu einem führenden Theaterregisseur. Bereits in den 80er Jahren inszenierte er in Bonn und Darmstadt, später in Göttingen. Für größere Regiearbeiten im neuen Jahrtausend kehrte er dann und wann nach Meiningen zurück.

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