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Aus: Ausgabe vom 19.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Digitalisierung

Nur nicht einnicken

»Der digitale Wettlauf«: Stefan Kühner zieht Zwischenbilanz
Von Ronald Kohl
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Leg noch ein G drauf: Vietnam treibt die Digitalisierung voran (Straßenszene aus Hanoi, 2017)

»Der Computer verändert gar nicht die Welt«, hat Firmengründer Heinz Nixdorf einmal in einem Interview gesagt, »sondern er ist nur ein Diener, der die Bewältigung der Arbeit leichter macht.«

Dieser Irrtum sollte sich für sein damals in Paderborn ansässiges Unternehmen als verhängnisvoll erweisen. Nixdorf Computer war bis in die Mitte der 80er Jahre Marktführer bei der Herstellung von Rechentechnik für den Mittelstand. Heute wird der Niedergang des Unternehmens gerne als Beispiel dafür angeführt, wie Deutschland irgendwann damit anfing, die Digitalisierung zu verpennen.

Oder stellt sich die deutsche Industrie bloß schlummernd, um Steuergelder für die Forschung abzuzocken?

In seinem Buch »Der digitale Wettlauf« beschreibt der Autor und Informatiker Stefan Kühner gebündelt und anschaulich, wer bei diesem globalen Dauerspurt derzeit wie im Rennen liegt, welche Ursachen es dafür gibt und wie das Gerangel um die vorderen Plätze zukünftig aussehen könnte.

Neben Europa, China und den USA werden im zentralen Teil des Werkes einzelne Länder mit markanten Tendenzen unter die Lupe genommen. Afrika wird als gesamter Kontinent betrachtet. Charakteristisch für die dortigen Startups ist die Ausrichtung auf die überlebensnotwendigen Bereiche Landwirtschaft und Medizin. Wobei es in Afrika häufig darum geht, möglichst kostenfrei wichtige Informationen für alle Betroffenen zugänglich zu machen.

Zu den untersuchten Ländern gehört auch Russland, das sich allmählich sputen muss, um zum Hauptfeld aufzuschließen. Als einer der Gründe für das Zurückliegen wird die bisherige Praxis der Regierung genannt, die Förderung einzelnen Einrichtungen zu überlassen, etwa einer Bank. »Eine weitere Ursache«, schreibt Kühner, »könnte in der Tatsache begründet sein, dass das üppig vorhandene russische Kapital seine Profite eher in der Ausbeutung der mineralischen Ressourcen sucht.«

Als mitunter chaotisch wird die Förderung künstlicher Intelligenz (KI) in Indonesien beschrieben. Wenn Kühner sich hier zu den Aktivitäten des Staates und vor allem zu der mitunter beträchtlichen Diskrepanz zwischen Schein und Wirklichkeit äußert, hat das beinahe tragikomische Züge: »So ist Indonesien laut einer Umfrage des US-amerikanischen Beratungsunternehmers Forrester Consulting von 2018 führend bei der Implementierung von KI im asiatisch-pazifischen Raum. Nach plausibleren Angaben von lokalen Vertretern der Digitalwirtschaft ist KI noch gar nicht im Einsatz.«

Völlig anders liegen die Dinge in Vietnam. Dort treibt die Regierung die Entwicklung kräftig und wirksam voran. Dies betrifft sowohl die landesweite Einführung dringend benötigter Infrastrukturen, wie schnelles Internet und Mobilfunk auf Basis von 5G, als auch die Etablierung von Hochtechnologien in der Landwirtschaft, gemeint sind Biotechnologie, Automatisierung, Mechanisierung und Düngung. Das Hochschulwesen wird in Vietnam ebenfalls beständig modernisiert. Zudem wurde eine eigene Fahrzeugproduktion angekurbelt: »Die neuen Automobilfabriken entsprechen in ihrer Ausstattung und Funktionsweise dem technologischen Niveau, das man als Smart Factory bezeichnet.« Weiter schreibt Kühner: »Die dort eingesetzte Technik kommt in hohem Umfang von deutschen Weltmarktführern.«

Also von wegen verpennt; nur weil sich der alte Nixdorf nicht vorstellen konnte, dass Hinz und Kunz irgendwann mal einen Computer brauchen würden, um sich ein Paar Socken zu kaufen, heißt das noch lange nicht, dass der deutsche Mittelstand bei der Entwicklung rechnergestützter Produktion nicht mehr die Nase vorn hat.

Können wir deshalb beruhigt sein? Wohl kaum.

In seiner Schlussbetrachtung stellt Stefan Kühner fest, dass die meisten der 193 Staaten der UNO weit davon entfernt wären, beim Wettrennen um den großen Preis der KI mitzuhalten – nicht einmal im Mittelfeld: »Sie sind die Abgehängten. Solch ein Zustand kann auf die Dauer nicht friedlich ausgehen.«

Das Ganze ist eben nur künstlich intelligent.

Stefan Kühner: Der digitale Wettlauf. USA, EU, China und die übrige Welt. Papyrossa-Verlag, Köln 2022, 167 Seiten, 14,90 Euro

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