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Aus: Ausgabe vom 19.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Volle Kapelle

Was Metallica kann, können wir schon lang: New Model Army feiert ihr 40jähriges in Berlin mit Streichern aus Leipzig
Von David Maiwald
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Mit Harfe fetzt’s doppelt: Justin Sullivan on stage

Was bei Deep Purple und Metallica scheiße klingt, muss bei uns nicht zwangsläufig in die Hose gehen, dachte sich offenbar die etwas in die Jahre gekommene britische Postpunk/Alternative Rock-Combo New Model Army. Mit zweijähriger Coronaverspätung wurde das 40jährige Bestehen am Wochenende in Berlin mit drei Shows an drei Abenden fulminant gefeiert. Für den ersten Auftritt am Freitag war das Orchester Sinfonia Leipzig geladen. Im nahezu vollbesetzten Konzertsaal des Berliner Tempodroms klemmte dann auch nur ein einziger Songeinstieg, der spezielle Auftritt dürfte den (hauptsächlich) älteren und jüngeren Fans von NMA dennoch in seliger Erinnerung bleiben.

Wer zweifelte, ob sich der ureigene Sound der Altpunks aus Bradford mit Geigen und Blechbläsern gedeihlich untermalen lässt, wurde mit »Devil’s Bargain« zum Einstieg eines Besseren belehrt. Zwei zusätzliche Trommeln taten das Ihre. Spätestens bei »Devil« hatten die Leipziger Gäste auch die letzten Bedenken beseitigt. Gerade im Studio schon orchestral unterlegte Songs wie »Winter« oder »Green and Grey« sorgten dank der Sinfoniker erwartbar für Gänsehaut. Wer hatte sich nicht schon einmal heimlich eine Harfe als Begleitung zu »Ballad« gewünscht?

Während vor allem ältere Semester mit zurückgelegtem Kopf und geschlossenen Augen still genossen, wurden andere auf den Sitzschalen des Tempodroms hibbelig. Als Frontman Sullivan bemerkte, es ließe sich trotz der Sitzreihen doch Platz zum Tanzen finden, stand der Saal. Dennoch war nicht jedem Besucher in der Konzertsaalatmosphäre behaglich – auch wenn sich unter einigen ketten- und ringbehangenen Lederjackenträgern manch ein Besucher im feinen Zwirn mit Einstecktuch fand. Mehrmals wurden Zwischenrufe durch ein ebenso lautes »Pssscht« gerügt – was wiederum für lautes Gelächter sorgte. Der eine oder andere sanft befiedelte Ausklang ging in Jubelrufen oder -pfiffen unter – oder wurde schlicht überklatscht. Lang eingeschliffene Praxis lässt sich eben (glücklicherweise) nicht an einem Abend weggeigen.

Sänger und Frontman Justin Sullivan war die Aufregung deutlich anzumerken. Mehrmals fuhren die Hände nervös zum Gesicht. »We don’t really know what’s gonna happen today«, gab er zu Beginn zu verstehen, man wisse nicht recht, was geschehen werde. »Orange Tree Roads« musste er noch mal von vorn beginnen. »We’ve planned this for over two years, and now we had two days of rehearsal«, so die Erklärung gegen Ende, man habe den Auftritt zwar seit zwei Jahren geplant, aber nur zwei Tage zum Proben gehabt.

Ohne Sullivan keine New Model Army, so ist es seit Jahrzehnten. Nur der Sänger und Gitarrist ist vom ursprünglichen Trio bis heute aktiv. Tut man so, als sei Sisters-of-Mercy-Sänger Andrew Eldritch nichts als ein Fiebertraum, gibt es im Goth-/Postpunk keine markantere Stimme als die seine. Das heutige Army-Quintett besteht zudem aus Schlagzeuger Michael Dean, Dean White (Keyboard und Gitarre), Gitarrist Marshall Gill und Ceri Monger am Bass.

Wer gehofft hatte, auch die altgedienten Punkrockhits »51st State« oder »Vengance« orchestriert zu bekommen, hatte sich getäuscht. Letzteren hatte Sullivan nach eigener Aussage in nur fünf Minuten geschrieben, nachdem er eine Fernsehdokumentation über Klaus Barbie, den »Schlächter von Lyon«, gesehen hatte. »No, we’re not gonna play this today«, ließ Sullivan das Publikum am Freitag wissen, die Rachephantasie gäbe es heute abend nicht. Im Kreuzberger SO36 war der Song am Sonnabend und Sonntag abend dagegen zu hören – dafür ohne Harfenklang.

Hinweis: In einer vorangegangenen Fassung dieses Artikels war fälschlicherweise vom Leipziger Symphonieorchester anstelle der Sinfonia Leipzig die Rede. Wir bitten, die Verwechslung zu entschuldigen

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