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Aus: Ausgabe vom 18.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Postpunk

Texte ausspucken

Unbestimmter Grusel: Das ziemlich coole neue Album der irischen Musikerin Sinead O’Brien
Von Christina Mohr
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Tanzt, ihr Narren! Sinead O’Brien lässt die Peitsche knallen

In einem Artikel für das Magazin Tidal deklinierte Popkritiker Simon Reynolds im Frühjahr das Comeback des Postpunk-Sprechgesangs – nicht Rap – im britischen Pop durch: Ausgehend von Newcomern wie Dry Cleaning, Wet Leg, Black Country, New Road oder auch den schon leicht angegrauten Sleaford Mods schlägt Reynolds den Bogen weit zurück zu Vorläufern wie Mark E. Smith von The Fall, Ian Dury und Patty Donahue von den Waitresses, benennt also nicht nur britische Ahnen. Reynolds hält sich mit eindeutigen Erklärungen zurück, erkennt aber neben der naheliegenden Gegenbewegung zu textarmer Chartmusik in der angespannten globalen Situation den gesteigerten Bedarf nach reflektierten Lyrics bei gleichzeitigem Bock auf Tanzen.

In Reynolds’ Artikel fehlt allerdings die irische Singer/Songwriterin und Sprechsängerin Sinead O’Brien, die sich mit ihrem aktuellen Album »Time Bend and Break the Power« in direkte Nachbarschaft der oben genannten jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Bands begibt – und sich doch von diesen abgrenzt. Mit den Musikern Julian Hanson und Oscar Robertson entwickelt die studierte und stets spektakulär gedresste Modedesignerin einen dystopischen, nervösen Sound, in dem der suggestive Spoken-Word-Wave Anne Clarks ebenso nachhallt wie Patti Smiths Punkpoesie.

Selten gehen Style und Inhalt so selbstverständlich Hand in Hand: O’Brien zitiert aus den Lyrics von Patti Smiths »People Have The Power« und verweist gleich im ersten Track »Pain Is the Fashion of the Spirit« auf Dylan Thomas. Schon in O’Briens früheren Veröffentlichungen finden sich Links zu Joan Didion, Samuel Beckett und Albert Camus, die Schärfe ihrer Beobachtungen zum Alltags- und Weltgeschehen erschließt sich jedoch auch ohne literarische Vorbildung.

O’Brien ist die variabelste der coolen nichtsingenden Sängerinnen, spuckt die Texte mit Verachtung aus, kann aber auch wie in »End of Days« sanft und schmeichelnd klingen, kostet in »Multitudes« den schieren Klang der Worte aus. Die titelgebende Zeit bzw. time ist ihr roter Faden, O’Brien nimmt sich die Zeit, zieht und formt sie, um die bestehende Ordnung in Frage zu stellen: »Girlhood« zum Beispiel ist ein sechseinhalbminütiger, ironischer, dabei unmissverständlich feministischer Monolog, in dem sie Bachmann Turner Overdrives fröhliches »You Ain’t Seen Nothing Yet« in unangenehm paternalistische Besserwisserei umdeutet. Kalt und schneidend wiederholt sie Sätze wie »I have a soft fascination with these things« bis sich unbestimmter Grusel einstellt.

Wie Peitschenknallen wirkt ihr Befehl »Dance!« in der klirrend-flirrenden Postpunk-Hommage »Like Culture«, eingeschüchtert und fasziniert folgt man ihr natürlich. Ein Song heißt »There Are Good Times Coming« – man sollte auf Fußangeln und Falltüren gefasst sein.

Sinead O’Brien: Time Bend and Break the Power (Chess Club Records / Rough Trade)

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