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Aus: Ausgabe vom 16.07.2022, Seite 13 / Geschichte
Kaukasus

Zwischen Baum und Borke

Vor dreißig Jahren erklärte sich Abchasien für unabhängig von Georgien. Russland nutzte seine Chance
Von Reinhard Lauterbach
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Ehemaliges Regierungsgebäude nach dem Krieg, Sochumi, Hauptstadt Abchasiens (20.11.1993)

Wo liegt eigentlich Abchasien? Nur Spezialisten dürften das in Westeuropa gewusst haben, als das Land vor 30 Jahren plötzlich in die Nachrichten vordrang. Anlass war ein Krieg um die politische Zugehörigkeit der Region, die von der Fläche her ungefähr so groß ist wie der nordhessische Regierungsbezirk Kassel. Treffender wäre vielleicht ein Vergleich Abchasiens mit den beiden französischen Côte-d’Azur-Departements Var und Alpes-Maritimes. Was diese für Frankreich sind, war Abchasien für die Sowjetunion: das »Land, wo die Zitronen blühn«. Und dort sollten plötzlich Panzer über die palmenbestandene Uferpromenade des Kurortes Gagra rollen? Für die damaligen Zeitgenossen war das nur mit Mühe vorstellbar, geschweige denn zu erklären.

In historischer Perspektive hatte der Konflikt – den natürlich nationalistische Autoren auf beiden Seiten bis ins Mittelalter oder noch länger zurückprojizieren – seine Ursache in den komplizierten Nationalitätenverhältnissen des Kaukasus. Dort lebten zahlreiche kleine Völker in einerseits alltäglicher Ko­existenz, die aber von latenten Konflikten und politischen Eitelkeiten unterströmt war. Konkret hatte Abchasien von der Errichtung der Sowjetmacht 1922 bis 1931 den Status einer vollgültigen Sowjetrepublik besessen, war also gegenüber Russland und insbesondere dem benachbarten Georgien formal gleichberechtigt gewesen. Dann aber stufte Stalin den Status der Republik 1931 zu dem einer Autonomie innerhalb der georgischen Sowjetrepublik herab. Der offizielle Grund dafür war, dass der abchasischen Führung mangelnder Eifer bei der Durchsetzung der Agrarkollektivierung vorgeworfen wurde; vor allem in der im Grunde erst mit der ­Sowjetmacht entstandenen abchasischen Intelligenz aber hielt sich hartnäckig der Verdacht, der ethnische Georgier Stalin und mehr noch sein Zuarbeiter Lawrenti Berija, der der im Grenzgebiet zwischen Abchasien und Georgien lebenden ­Ethnie der Mingrelier entstammte, hätten mit dieser Entscheidung ihre eigenen nationalistischen Süppchen kochen wollen. Für Unmut sorgte auch, dass mit den Jahren der Anteil ethnischer Georgier an der Bevölkerung der abchasischen Autonomen Sowjetrepublik auf zuletzt 45 Prozent anstieg, während der der Abchasen auf 18 Prozent zurückging.

Orientierung an Moskau

Das wäre alles noch nicht so schlimm gewesen, solche Animositäten gab es im Sowjetreich an vielen Stellen. Aber es wurde virulent, als ab dem Ende der 1980er Jahre immer deutlicher wurde, dass die Sowjetrepublik Georgien auf ihre Abspaltung von der Sowjetunion hinarbeitete und als Vorbereitung dazu begann, immer mehr multinationale Einrichtungen ihrer direkten Kontrolle zu unterstellen. In Abchasien spielte die Rolle des Zankapfels die Pädagogische Hochschule in der Regionalhauptstadt Suchumi. Sie hatte seit ihrer Gründung Ausbildung auf Abchasisch, Georgisch und Russisch angeboten; jetzt beschloss die Georgische Sowjetrepublik, die größte Fakultät an die ihr allein unterstehende Universität Tbilissi anzugliedern und auf Georgisch als Vorlesungssprache umzustellen. Damit war auch die Finanzierung der einzigen höheren Bildungsstätte in Abchasien gefährdet. In Abchasien nährte das die Forderung, den vollgültigen Republikstatus aus den 1920er Jahren wieder herzustellen, also Abchasien ohne Georgien als eigene Unionsrepublik in der UdSSR zu belassen. Entfernt ähnliche Prozesse waren im Mittelalter in Deutschland zu beobachten gewesen, als viele Städte versuchten, den Status einer freien Reichsstadt zu erreichen, sich direkt dem (fernen) Kaiser zu unterstellen und so den lästigen Einfluss des (nahen) Bischofs oder Kurfürsten loszuwerden. Reichsunmittelbarkeit hieß das damals.

Die in dem abchasisch-georgischen Streit vorgetragenen Argumente sind aus der Ferne kaum zu überprüfen, zumal an deren Stelle oft Retourkutschen treten: »Unterdrückung? Betreibt ihr doch selber.« Das Problem der abchasischen Seite war, dass sie mit ihrem Versuch, sich aus der zu sowjetischen Zeiten einmal eingeführten territorialen Gliederung zu lösen, zu spät kam: Denn das Zentrum, an das sie sich gerne im Gegensatz zu den Separationsbemühungen ihrer vorgesetzten Republik angeschlossen hätte, war zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Schatten seiner selbst und bestand ab 1991 überhaupt nicht mehr. Sehr ähnlich verlief in dieser Hinsicht zur selben Zeit übrigens das Bestreben regionaler Politiker auf der Krim im Sande, sich dem zunehmenden ukrainischen Nationalismus durch den direkten Anschluss an die UdSSR zu entziehen: Es hatte keinen Adressaten mehr. Bis 2014.

Für den opportunistischen Charakter der abchasischen Anlehnung an Russland, die in diesen Jahren Gestalt annahm, spricht auch der Umstand, dass sie eigentlich historisch inkonsequent war. Denn es war das zaristische Russland gewesen, das nach der Angliederung der zuvor durch ein loses Bündnis des abchasischen Feudalherrschers mit Russland verbundenen Region 1864 Hunderttausende muslimische Abchasen ins Osmanische Reich vertrieben hatte – also sozialdemographisch genau die Grundlage für jene relative abchasische Unterbevölkerung geschaffen hatte, die die georgische Führung dann in sowjetischen Zeiten zur Umkehrung der ethnischen Zusammensetzung der Einwohnerschaft Abchasiens nutzte. Die Abchasen hätten also einigen Anlass für Skepsis gegenüber Russland gehabt, aber sie hatten keine Wahl.

Zweite Chance

Die am 23. Juli 1992 erklärte Unabhängigkeit Abchasiens von Georgien war der Auftakt zu einem kurzen, aber blutigen Krieg, in dessen Verlauf zunächst Georgien Abchasien wieder vollständig unter Kontrolle bringen und den Status quo ante wieder herstellen konnte. Aber dann gab ein aus anderen Gründen erfolgter Militärputsch in Georgien gegen den nationalistischen Präsidenten Swiad Gamsachurdia den Abchasen eine zweite Chance, die sie gemeinsam mit Russland nutzten. In einer Gegenoffensive, die sie von russischem Territorium aus starteten, drängten sie Georgien aus der Region zurück und vertrieben die meisten der im Lande lebenden Georgier. Kriegsverbrechen blieben dabei nicht aus – auf beiden Seiten. Als Kuriosität sei erwähnt, dass der später als antirussischer islamistischer Terrorist hervorgetretene Tschetschene Schamil Bassajew zu dieser Zeit auf abchasischer Seite gekämpft haben soll. Russland garantierte zunächst ab 1994 einen Waffenstillstand, der mehr oder minder hielt, bis 2008 der georgische Präsident Michail Saakaschwili sich US-amerikanischer Solidaritätsbekunden zu sicher war und glaubte, die Ergebnisse der Sezessionskriege der frühen 1990er Jahre rückgängig machen zu können. Diesmal intervenierte Russland aktiv auf seiten sowohl der Südosseten als auch der Abchasen und erkannte beide Kleinstaaten offiziell an. Abgesehen von Venezuela, Nicaragua, Syrien und den ihrerseits nicht anerkannten ostukrainischen »Volksrepubliken« hat es darin bislang keine Nachahmer gefunden. Auch Belarus hält sich bedeckt.

Das führt dazu, dass Abchasien finanziell von Subventionen aus dem russischen Staatshaushalt abhängig ist. Als Währung zirkuliert ohnehin der Rubel. An örtlicher Wirtschaftsleistung ist bis auf Tourismus sowie Obst- und Weinbau nicht viel vorhanden. 2018 kam die Republik international in die Schlagzeilen, weil Finanzjongleure in den Bergen Bitcoins »schürften« und der enorme Energiebedarf ihrer Rechner einen Stromausfall verursachte, der das halbe Land lahmlegte. Seitdem ist die Produktion von Kryptowährungen offiziell verboten, wird aber offenbar weiter betrieben.

Vor dem Ukraine-Krieg hat Abchasien mit bescheidenen Mitteln und hauptsächlich durch den Enthusiasmus von Diasporaabchasen versucht, seine staatliche Existenz international wenigstens de facto zur Kenntnis zu geben – so auch mit einem Vertretungsbüro in Berlin. Das Problem ist, dass der kollektive Westen Abchasien nach wie vor als Teil Georgiens betrachtet. Das schließt Investitionen praktisch aus und führt zu Schwierigkeiten sogar, wenn man Abchasien auch nur als Tourist besuchen möchte. Es ist nicht absehbar, dass sich hieran etwas ändert. Abchasien wird sich weiter zwischen Baum und Borke einrichten müssen.

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