75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 19. August 2022, Nr. 192
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 16.07.2022, Seite 2 / Inland
Krise in der Landwirtschaft

»Die Betriebe wachsen weiter oder geben auf«

Viele Milchviehhalter in der BRD und Europa können trotz höherer Preise rasant gestiegene Kosten nicht decken. Ein Gespräch mit Berit Thomsen
Interview: Oliver Rast
imago0121348481h.jpg
Melken für den (Welt-)Markt: Der Druck, immer mehr zu immer billigeren Preisen zu produzieren, ruiniert Mensch und Tier

Kürzlich haben Sie ein Positionspapier zur Milchkuhhaltung hierzulande veröffentlicht. Tierwohl, Klimaschutz und Artenvielfalt wollen Sie dabei berücksichtigen. Das klingt nach einem kompletten Umbau der heutigen Haltung bei Milchviehbetrieben. An welchen Punkten müsste zunächst angesetzt werden?

Wir hätten schon viel gewonnen, wenn die Politik die unsägliche Entwicklung in der Tierhaltung nicht weitertreiben würde. Trotz steigender Verbraucherpreise unterliegen die Milchviehbetriebe immer noch einem Kostensenkungsdruck. Doch die Kosten sind rasant gestiegen und werden selbst durch den aktuell höheren Preis gar nicht ausgeglichen. Das liegt an einer fehlenden Marktpolitik und einer Exportorientierung zu billigen Weltmarktpreisen. Die Betriebe reagieren, indem sie entweder aufgeben oder weiter wachsen. Und dann geht die Negativspirale los: Große Betriebe treiben ihre Kühe kaum noch auf die Weide. Die wiederum ist eine natürliche CO2-Senke, die die Artenvielfalt wiederbelebt und mehr Tierwohl bringt. Da setzt unser Positionspapier an.

Besteht nicht die Gefahr, dass Ihre Vorschläge eine Art Ausstiegsprogramm aus der Milchkuhhaltung für Höfe sind?

Das Ausstiegsprogramm in der gesamten Tierhaltung läuft bereits. Zum einen, weil die Politik der letzten Jahre die Probleme nur ausgesessen hat. Zum anderen, weil das Bundeslandwirtschaftsministerium aktuell noch zuwenig handelt. Bei dem ersten Gesetzentwurf zur Tierhaltungskennzeichnung vermisse ich einen wirksamen politischen Lösungsweg für die gesamte konventionelle Tierhaltung. Es gibt umfassende Konzepte der sogenannten Borchert-Kommission und der »Zukunftskommission Landwirtschaft«, aber die greift die Bundesregierung nicht auf. Ich würde mir wünschen, dass sich die Grünen und die SPD bei der Finanzierungsfrage stärker durchsetzten und die FDP ihre Blockadehaltung aufgibt.

Wie hat sich die Situation der Milchkuhviehhalter in Deutschland überhaupt in den vergangenen Jahren verändert?

In der gesamten Rinderhaltung sind innerhalb von zehn Jahren die Tierzahlen um zehn Prozent zurückgegangen. Das ist klima- und marktpolitisch wünschenswert. Aber es haben im selben Zeitraum ein Viertel aller Höfe aufgehört. Wir haben eine akute Diskussion um Tierzahlreduktion. Dieser Prozess passiert aber übers Höfesterben – eine fatale Strategie.

Und wenn wir das weiterdenken, dann müssen wir in die Niederlande schauen. Es schmerzt mich zu sehen, wie sich die Bauernproteste dort radikalisieren. Aber wir müssen spätestens jetzt erkennen, dass die Ursache auch darin liegt, dass viele vor allem tierhaltende Betriebe ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, immer mehr kostenintensive Auflagen erfüllen sollen und dafür keine Finanzierungskonzepte auf den Weg gebracht werden. Das ist in Deutschland auch ein Problem. Die Politik muss jetzt handeln!

Welche Resonanzen haben Sie auf Ihre Vorschläge erhalten? Wie positioniert sich beispielsweise das Ministerium oder der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter?

Die AbL arbeitet seit jeher bündnisorientiert. Wir können nicht nur unser eigenes Süppchen kochen, sondern wir brauchen Lösungsansätze, die Brücken von Fridays for Future bis hin zur stark konservativen Bauernschaft bilden. Mit dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter und weiteren landwirtschaftlichen Verbänden haben wir gemeinsame Forderungen zum Umbau der Milchviehhaltung mit einer klugen Marktpolitik verknüpft und beim Ministerium eingereicht. Wir fordern es auf, jetzt mutig und wirksam umzusteuern. Kosmetische Korrekturen reichen nicht mehr.

Das Gros der deutschen Molkereien wird mit Gas betrieben. Welche Auswirkungen befürchten Sie für Höfe, falls die Gasengpässe bleiben und Molkereien künftig Probleme haben sollten, als energieintensive Betriebe ökonomisch zu bestehen?

Die Milch würde auf den Höfen einfach vergammeln. Sie ist nur kurz haltbar. Die aktuellen und überwältigenden Herausforderungen zeigen, dass mutig Veränderungen für Klimaschutz, für das Energiesparen, für Hungerbekämpfung, für soziale Gerechtigkeit und vieles mehr dringend sind. Wir alle – Bauernschaft, Politik, Gesellschaft, Handel, Verarbeitung – müssen gemeinsam und konstruktiv diese Veränderungen anpacken.

Berit Thomsen ist­ ­Referentin für ­internationale Agrarpolitik bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirt­schaft e. V. (AbL)

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Roland W. aus 08280 Aue (16. Juli 2022 um 19:12 Uhr)
    Mensch – Markt – Milch – Milchpreise. Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse sind seit Jahren ein Politikum. Am Ende jeder medialen Skandalisierung stand stets die Erhöhung des Milchpreises, der angeblich den Erzeugern, den Bauern, dann zugute käme. Diskussionen dieser Art kennen wir sattsam und wissen, nie sind den Erzeugern und unmittelbaren Produzenten mehr als paar symbolische Cent zugekommen. Denen, die von gelobter Marktwirtschaft nur die wenigen plakativen Sätze nachbeten können, dem ökonomischen Denken und Wissen von vor mehr als 200 Jahren ehrfurchtsvoll lauschen, denen kann das Märchen um die Marktpreise ewig weisgemacht werden. Nicht minder das Kostenmärchen, das noch immer Verständnis beim Endverbraucher weckt. Nun explodieren die Preise, und wieder ist die Rede von ebenso steigenden Kosten. Der Landwirt bleibt weiter auf der Strecke, kann seine Kosten nicht decken. Was ist faul am Markt, der sich angeblich bestens von selbst und allein im Interesse aller regelt, wie penetrant behauptet wird? Inflation wie steigende Preise sind die Folge erhöhter Profite in Voraussicht steigender Kosten. Profit ist einziges Ziel. Konzerne, Monopole haben die Kraft, Preise unabhängig von den Kosten steigen zu lassen. Sehen wir das nicht gerade mehr als deutlich? Die Preise steigen nicht, weil die Kosten gestiegen sind, sondern die Kosten steigen, weil man erwartet, dass die Preise steigen werden, und weil die Anbieter hohe Profite kalkulieren, die in den kalkulierten, noch nicht eingetretenen Kosten versteckt werden.

Ähnliche:

  • Melkgeschirr: Hartes Geschäft, Dauereinsatz für Mensch und Tier ...
    04.05.2022

    Kostenrallye bei Milch

    Erzeuger- und Verbraucherpreise steigen weiter rasant – Milchviehhaltern fehlt »Marktmacht«
  • Wollen Mauern einreißen, prangern Blockadehaltung der Gegenseite...
    12.06.2021

    Vor dem Kollaps

    Milchviehbauern protestieren vor Molkereien für höhere Erzeugerpreise. Unternehmer behaupten, falscher Adressat zu sein. Linke kritisiert erpresserische Marktmacht