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Aus: Ausgabe vom 11.07.2022, Seite 8 / Inland
Stadtentwicklung

»Kühnes ›Geschenk‹ ist ein vergifteter Apfel«

Hamburg: Investor will denkmalgeschützes Gebäude der Staatsoper abreißen lassen. Ein Gespräch mit Claas Gefroi
Interview: Kristian Stemmler
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Noch steht sie: Die denkmalgeschützte Staatsoper in Hamburg (8.12.2013)

Hamburgs denkmalgeschützte Staatsoper soll laut Medienberichten abgerissen werden. Was ist dran an der Nachricht?

Bisher ist es nicht mehr als eine Idee, die Klaus-Michael Kühne, einflussreicher Hamburger Unternehmer mit Wohnsitz in der Schweiz, Hotelier und früherer HSV-Sponsor, im Nachrichtenmagazin Spiegel lanciert hat. Kühne ist in Hamburg bisher unter jedem Senat wohlgelitten. Dem Spiegel sagte er, er wünsche sich, dass die Staatsoper verlegt wird – in einen Neubau in der Hafencity, den er dort auf einem städtischen Grundstück bauen würde. Und die Stadt könnte dann im Zuge eines Mietkaufs, also eines Leasingmodells, die neue Oper anmieten und dann ab einem bestimmten Zeitpunkt kaufen.

Das klingt nach einer Art Steuersparmodell. Zahlt der Steuerzahler am Ende dafür die Zeche?

Steuern zahlt Herr Kühne ja in der Schweiz. Aber natürlich geht es ihm darum, viel Geld zu verdienen. Er hat sich für den geplanten Deal mit René Benko zusammengetan, dem Investor aus Österreich, der in Deutschland vor allem als Immobilieninvestor bekannt ist – etwa durch die Übernahme der Kaufhauskette Karstadt-Kaufhof, die ihm eine große Zahl wertvoller Flächen in deutschen Innenstädten eingebracht hat.

Sowohl Kühne als auch Benko erwarten, wenn ich Sie richtig verstanden habe, für ihr Einsteigen eine Gegenleistung. Das dürfte nicht ganz billig werden.

Herrn Kühnes Idee ist, dass er von der Stadt das nicht mehr benötigte Grundstück der alten Staatsoper bekommt. Beide Unternehmer wollen die alte Staatsoper abreißen und dort ein Immobilienprojekt entwickeln – in bester Lage, mitten in der Innenstadt. Die Behauptung von Herrn Kühne, die alte Staatsoper entspreche nicht mehr den heutigen Anforderungen und sei ein akustisches Desaster, ist durch keine Fakten gedeckt und soll nur vom eigentlichen Motiv ablenken: einen einträglichen Immobiliendeal abzuschließen. Für mich ist dieses »Geschenk« einer neuen Staatsoper von Herrn Kühne deshalb ein vergifteter Apfel.

Wie soll der Plan umgesetzt werden, wenn die Staatsoper unter Denkmalschutz steht?

Eine gute Frage. Im Hamburger Denkmalschutzgesetz gibt es seit einigen Jahren einen Passus, wonach die Stadt bei einem übergeordneten »gesamtstädtischen Interesse« Gebäude trotz bestehenden Denkmalschutzes abreißen kann. Was diese gesamtstädtischen Interessen sind, ist nicht genau definiert und damit Auslegungssache.

Wie lautet Ihre Empfehlung?

Die Aufregung nach dem Vorstoß war groß. Aber bisher ist es erst mal nur eine Idee von Herrn Kühne. Der Hamburger Senat hat sich bislang recht reserviert gezeigt und gesagt: Die Oper kann gerne in einen Neubau in die Hafencity ziehen, aber nur, wenn Herr Kühne der Stadt das neue Gebäude schenkt – also ohne Mietkaufmodell. Zudem hat die Stadt deutlich gemacht, dass das Gebäude der Staatsoper nicht abgerissen, aber umgenutzt werden könne. Aus meiner Sicht ist eine Umnutzung bei so einem hochspezialisierten Gebäude ohne große Eingriffe in die Substanz nicht möglich, was der Denkmalschutz verhindern müsste.

René Benko ist auch der Investor des geplanten Elbtowers. Was hat es damit auf sich?

Herr Benko plant mehrere Immobilienprojekte in Hamburg. Der Elbtower ist sein neuestes Projekt am östlichen Ende der Hafencity, direkt neben den Brücken über die Norderelbe. Dort soll ein riesiger Büroturm entstehen, nach Fertigstellung wäre es das höchste Hochhaus der Stadt. Das wird weitestgehend Büroflächen aufweisen, keine einzige Wohnung. Weil der Boden dort an der Elbe schwammig und wenig tragfähig ist, musste ein enormer Aufwand für die Gründung getrieben werden. Da stellt sich die Frage, warum die Stadt das aus meiner Sicht fragwürdige Projekt durchgewunken hat. Olaf Scholz hatte das als damaliger Hamburger Bürgermeister unbedingt gewollt. Warum, bleibt bis heute ein Rätsel.

Claas Gefroi ist studierter Architekt, Journalist und Mitglied der Hamburger Kunstkommission sowie des Vorstands des Denkmalvereins Hamburg

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