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Aus: Ausgabe vom 09.07.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Bandera-Versteher

Von Arnold Schölzel
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Unter der Überschrift »Leise Töne werden im Krieg überhört« veröffentlicht der FAZ-Korrespondent für Polen, die Ukraine und die baltischen Staaten, Gerhard Gnauck, am Mittwoch einen Text zur angekündigten Abberufung Andrij Melnyks. Unterüberschrift: »Dem ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk wird ein Gespräch mit dem Seltsamfrager Tilo Jung zum Verhängnis. Wie kam es dazu?« Das lässt ahnen: Gnauck schreibt nicht über Inhalte, sondern über Stilfragen.

Die Methode gehört zur politischen und medialen DNA der Bundesrepublik. Als z. B. 1965 das »Braunbuch« aus der DDR informierte, welcher Henker in Richterrobe für den Führer wie viele Male das Recht beugte, um auch wegen Bagatellen ein Todesurteil zu erwirken, und immer noch irgendwo zwischen Flensburg und Berchtesgaden in Ämtern saß, erledigte sich das fast von selbst durch den Hinweis: Der Band kam aus der »Zone«. Also hatte kein Richter des »Volksgerichtshofes« in der BRD eine Anklage zu fürchten. Zur Kompensation ließ die bundesdeutsche Justiz nach dem DDR-Anschluss nicht den kleinsten Vertreter des ostdeutschen »Unrechtsregimes« laufen und brummte noch jeder Küchenfrau des Ministeriums für Staatssicherheit zumindest eine Strafrente auf.

In einem Land, das erfolgreich »Faschismus« aus Schulbüchern verdrängt hat, in dem es daher bestenfalls »Nationalsozialisten« gibt, wendet Gnauck die Methode jetzt auf den Faschistenfreund Melnyk an. Dem hatte »Seltsamfrager« Tilo Jung u. a. ein antisemitisches Flugblatt des damaligen ukrainischen »Führers«, den heute an die 40 Denkmäler in der Ukraine ehren, vorgelesen. Der Text entsprach dem, was Bandera 1941 zusammen mit der deutschen Abwehr und dem späteren Bundesminister Theodor Oberländer für den Überfall auf die Sowjetunion entworfen hatte. Melnyk zu Jung: »Ich werde dir heute nicht sagen, dass ich mich davon distanziere.«

Wenn solch ein verdienstvoller Sachwalter des einst antisowjetischen, jetzt nahtlos weitergeführten antirussischen Feldzuges aus Berlin verschwinden muss, dann kann das nur an unheilvollen Machenschaften des Feindes liegen. Denn, lehrt Gnauck: »Russland führt gegen sein Land einen Krieg, der in Begründung und Ausführung genozidale Züge trägt.« Wer so mit der Fanfare des Selenskij-Sounds loslegt, übertönt alles: Ukrainische Kriegsverbrechen gibt es nicht, schon gar keine Faschisten, die seit 2014 unentwegt und jetzt mit modernen westlichen Haubitzen in die Wohnviertel des Donbass feuern, wo in ihrem Jargon »Schaben« hausen. Es gibt nur russische Völkermörder.

Gnauck, der noch nie über Opfer der Kiewer »antiterroristischen Operation« oder etwa diese selbst berichtet hat, macht den abziehenden Botschafter zum Opfer von Emotionen, der Mann hat sich selbst gefühlsmäßig überwältigt: »Melnyk schreit den Schmerz darüber (den russischen Angriff auf die Ukraine, A. S.) in Deutschland heraus, auf ›undiplomatische Weise‹, wie vielfach kritisiert wurde.« Kritik gibt es nämlich nur in Stilfragen. Vorsichtshalber lässt Gnauck daher Erwähnung bekenntnishafter Einzelheiten aus dem Jung-Gespräch weg und ersetzt das durch die obligatorische Denunziation à la »Braunbuch«-Abwehr: »Über das neue Gespräch von Tilo Jung, der für ›Jung und Naiv‹ einst Saed Bana interviewte, einen Führer der islamistischen Hamas-Bewegung, den er als ›unseren Freund von Hamas‹ vorstellte, dürfte sich das offizielle Russland freuen und die Ukraine schockiert sein.« Was einst der Hinweis auf die »Zone« erledigte, dafür steht jetzt der Tip auf »Hamas-Freund« und »Russland-Freude«. Wer Melnyk versteht, versteht auch Bandera. Und wer Antisemit ist, ob in Kassel oder in der Berliner ukrainischen Botschaft, bestimmen FAZ und Gnauck.

Wer Melnyk versteht, versteht auch Bandera. Und wer Antisemit ist, ob in Kassel oder in der Berliner ukrainischen Botschaft, bestimmen FAZ und Gnauck

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