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Aus: Ausgabe vom 09.07.2022, Seite 2 / Inland
Rechte Gewalt

»Dieser Anschlag muss geplant worden sein«

Nach Angriff auf Räumlichkeiten von Die Linke in Oberhausen dauern Ermittlungen an. Wenig Hoffnung auf Polizei. Ein Gespräch mit Yusuf Karacelik
Interview: Marc Bebenroth
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Solidaritätskundgebung auf dem Friedensplatz in Oberhausen am Dienstag abend

Nach einem mutmaßlichen Sprengstoffanschlag auf Räumlichkeiten von Die Linke in Oberhausen in der Nacht zum Dienstag hat Ihre Partei eine Vielzahl von Solidaritätsbekundungen erhalten. Was wissen Sie bislang über die Hintergründe der
Tat?

Wir gehen von einem rechten Hintergrund aus. Dieser Anschlag muss geplant worden sein. Mit gewöhnlichem Vandalismus ist dieser Schaden nicht zu erklären. In manchen Presseberichten steht etwas von einem selbsthergestellten Sprengsatz. So etwas verwenden militante Neonazis und haben damit in der Vergangenheit Büros unserer Partei oder auch andere linke Räume angegriffen. Das ist nicht das erste Mal, dass so was passiert.

Durch die Wucht der Explosion wurden auch angrenzende Schaufenster zerstört. Die Linke teilte noch am Dienstag mit, solidarisch mit den Nachbarn des »Linken Zentrums« zu sein und beim Begleichen der Kosten zu helfen. Wie groß ist der angerichtete Schaden?

Es wäre zu früh, eine Zahl zu nennen. In unserem »Linken Zentrum« sind sämtliche Scheiben und die komplette Tür hinüber. Teile der Inneneinrichtung sind ebenfalls zerstört. Zudem wurden ein Friseursalon und ein Reisebüro getroffen. Ersteren möchten wir unterstützen, weil er keine Glasversicherung hat. Daher haben wir einen Spendenaufruf gestartet. Wir setzen uns für eine solidarische Nachbarschaft ein, in der alle zusammenhalten.

In einer Mitteilung erklären Sie, in der Vergangenheit wiederholt Neonaziaufkleber an Ihren Räumlichkeiten gefunden zu haben. Auch Drohbriefe habe es vereinzelt gegeben. Wie sicher können Sie sich sein, dass dies im Zusammenhang mit dem Anschlag steht? Wurde mit solch einer Tat gedroht?

Es hat keine konkreten Bedrohungen gegeben, die auf einen so großen Angriff hindeuten. Wir haben immer wieder Neonazisticker an den Scheiben, auch Hakenkreuze oder Fäkalien werden dort hingeschmiert. Nach rechten Coronaleugnerdemos, die in unmittelbarer Nähe zu unseren Räumen stattfinden durften, stand dort »Impfen tötet« oder »Antifa internieren« geschrieben. Wir hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass wir Proteste dieser Art ablehnen. Das haben wir auch öffentlich erklärt und dagegen demonstriert.

Wie behandelt die Polizei die Tat, und was erwarten Sie von den Ermittlungen?

Wir wissen nichts Konkretes und beantragen über unseren Rechtsanwalt jetzt erst einmal Akteneinsicht. Das LKA hat uns gar nichts gesagt, aber das ist wohl das übliche Vorgehen. Über andere Kreisverbände haben wir mitbekommen, dass Beamte sich auch bei ihnen gemeldet und nachgefragt haben, ob alles in Ordnung ist. Es gab auch Zusagen der Polizei, abends öfter mal an den Büros vorbeifahren zu wollen. Das finden wir sehr gut und hoffen, dass das auch passiert – und zwar über einen längeren Zeitraum.

Dazu muss man wissen, dass in der Vergangenheit sämtliche Verfahren – wir haben alle Sachbeschädigungen und rechten Schmierereien angezeigt – nach einer gewissen Zeit eingestellt worden sind. Wir fordern, dass die Polizei nun alle Register zieht, um die Täter zu ermitteln. Anlass zu besonderer Hoffnung haben wir mit unseren bisherigen Erfahrungen nicht.

Wie stark ist die rechte Szene in Oberhausen und in der Region verankert?

Es existiert eine Neonaziszene in Oberhausen, die bei uns aber nicht oft in der Öffentlichkeit auftritt. Vor einer Weile wollte eine Neonazikleinpartei hier einen Ableger gründen, das haben sie aber nicht hinbekommen. In vielen Ruhrgebietsstädten gibt es rechte Kameradschaften wie die »Steeler Jungs« in Essen. Auch die Neonaziszene in Dortmund ist bekannt. Im Ruhrgebiet ist kein Ort besonders weit vom anderen entfernt. Und dann gibt es da noch die AfD. Deren Vertreter sind Stichwortgeber für derartige Angriffe, weil potentielle Täter sich durch die permanente Hetze gegen alle möglichen Bevölkerungsgruppen ermutigt fühlen. Das alles zusammengenommen war für uns bisher eine abstrakte Gefährdungslage, die nun sehr konkret geworden ist.

Wir lassen uns aber nicht einschüchtern und nicht einen Tag von der Arbeit abhalten. An diesem Samstag werden wir um 12 Uhr auf dem Friedensplatz in Oberhausen stehen und mit vielen anderen gegen rechten Terror demonstrieren.

Yusuf Karacelik ist Fraktionsvorsitzender von »Die Linke Liste« in Oberhausen

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