Dein Abo für den heißen Herbst!
Gegründet 1947 Dienstag, 4. Oktober 2022, Nr. 230
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Dein Abo für den heißen Herbst! Dein Abo für den heißen Herbst!
Dein Abo für den heißen Herbst!
Aus: Ausgabe vom 08.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Geschichte

Der Teflonnazi

Albert Speer gehörte zum engsten Kreis um Hitler und erfreute sich in der BRD großer Popularität. Eine Ausstellung in Berlin
Von Arnold Schölzel
11.jpg
Populäre Literatur einer populären Figur

Hermann Gremliza würdigte Albert Speer noch zu dessen Lebzeiten im Jahr des Erscheinens der »Spandauer Tagebücher« 1975 in Konkret: »Speers Bilanz sieht infolgedessen etwa so aus: Aktiva: Vierzig Millionen Tote, unzählige Millionen Verstümmelte. Passiva: Zwanzig Jahre Spandau. Saldo: Zwei Bestseller.«

Zu lesen ist das Zitat in der vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg 2017 konzipierten Wanderausstellung »Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit«, die gegenwärtig in der Stiftung »Topographie des Terrors« auf dem ehemaligen Gestapo-Gelände in Berlin zu sehen ist. Die Bestseller, die Gremliza Anlass zur Bilanzierung waren, trugen die Titel »Erinnerungen« (1969) und »Spandauer Tagebücher« (1975) und wurden von Speer unter tatkräftiger Mithilfe des Westberliner Verlegers Wolf Jobst Siedler (dem Speer als Gentleman dafür eine Originalskizze Hitlers schenkte) und des stramm konservativen Journalisten Joachim Fest, von 1973 bis 1993 Mitherausgeber der FAZ, veröffentlicht. In der Bundesrepublik wurden von beiden Büchern bis 1976 jeweils 300.000 Exemplare verkauft, die Gesamtauflage der in über 20 Sprachen übersetzten »Erinnerungen« liegt bei drei Millionen. Speer bereute, so Jean Améry, »aufs Lukrativste«. Die Geschäftsidee lautete ungefähr: »Ich war Fachmann und Künstler, für die Verbrechen war Hitler zuständig.« So bescheiden war einer, der als »Leibarchitekt« und seit 1942 als Rüstungsminister neben Göring, Himmler und Goebbels stets direkten Zugang zu Hitler gehabt hatte.

Die kleine Ausstellung erklärt den Erfolg der Ergüsse des Siedler/Fest/Speer-Trios damit, dass sich, so die Politikwissenschaftlerin Isabell Trommer, »die zentralen Rechtfertigungs- und Entlastungsstrategien, die es in dieser Zeit in der Bundesrepublik gegeben hat, in der Figur von Speer gebündelt haben.« Allerdings hatten Siedler, Fest und Speer wohl mehr als Rechtfertigung im Sinn. Zumal: Wer musste sich denn in der Bundesrepublik bei Nazimorden entlasten? Adenauers Staatssekretär und Kommentator der »Rassegesetze« Hans Josef Maria Globke jedenfalls nicht. Der bemühte sich, das wird hier in wenigen Sätzen erwähnt, daher mehrfach um vorzeitige Entlassung Speers aus dem Alliiertengefängnis Spandau. Auch nicht Speers alter Kumpel Karl Maria Hettlage, ab 1959 Finanzstaatssekretär in Bonn. SS-Hauptsturmführer Hettlage hatte 1938 für Speer die Kartei »Mittel- und Großwohnungen« mit jüdischen Mietern in Berlin angelegt. Sie diente als Vorlage für »Entjudung« und Deportationslisten. Hettlage erhielt höchste Bundesorden.

Speer war zudem weit über die BRD hinaus populär, vor allem in Großbritannien und den USA. Als Bestsellerautor kassierte er satte Tantiemen. Der Playboy interviewte ihn im Juni 1971 (»a candid conversation with Eric Norden«). 1982 verklärte ihn »Hollywood« in dem vierstündigen TV-Film »Inside The Third Reich« (so auch der englische Titel seiner »Erinnerungen«; verkörpert wird er darin übrigens von Rutger Hauer). Speer selbst hatte die Premiere des Films nicht mehr erlebt. Er war am 1.September 1981 im Londoner Bett einer Nebenfrau gestorben.

Die Details vom Tod in London erzählt in der Ausstellung der Filmemacher Heinrich Breloer, zusammen mit Horst Königstein Autor des dreiteiligen TV-Films »Speer und er« (2005), in einem Video. Er lernte Speer kurz vor dessen Hinscheiden kennen und hatte den Eindruck, dass die damals beginnende Aufdeckung der Fälschungen des obengenannten Trios an ihm abrutschte »wie an einer Teflonpfanne«. Breloer sprach viel mit Speers Kindern, darunter auch mit der »moralischen Instanz der Grünen«, Hilde Schramm, wunderte sich aber, dass niemand von ihnen jemals »nebenan ins Archiv« gegangen war.

Kurze informative Videos, in denen Historiker berichten, wie die Geschichtsklitterung auseinanderfiel, sind das Herzstück der Ausstellung. Beispiel: Von Auschwitz habe er »nicht direkt gehört«, antwortete Speer auf eine Frage Fests in einem TV-Interview. Der österreichische Historiker Bertrand Perz legte ein Dokument vor, in dem Speer am 15. September 1942 für den Ausbau des Konzentrationslagers Auschwitz 13,7 Millionen Reichsmark freigab. Speer ließ später untersuchen, ob in den Vernichtungslagern nicht zu viel Aufwand beim Bauen getrieben wurde, z. B. bei den Gaskammern. Der Chefkoordinator der Zwangsarbeit im Nazireich steuerte auch, welches Bild von ihm die Medien der heutigen Wertegemeinschaft verbreiteten. Darauf kam es an. Leider untersucht die Ausstellung nicht gründlich genug, wie ihm das gelang.

Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit. Ausstellung. Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin. Bis 25. September, täglich von 10 bis 20 Uhr, Eintritt frei. ­Katalog: 9,80 Euro

Dein Abo für den heißen Herbst!

in Zeiten der sozialen Verwerfungen braucht es ein Korrektiv, das die Propaganda der Herrschenden in Wirtschaft und Politik aufzeigt. Deshalb: jetzt das jW-Abo abschließen!

  • Leserbrief von R.Prang aus Berlin ( 8. Juli 2022 um 01:00 Uhr)
    Wenn die Alliierten Albert Speer nicht in Nürnberg verurteilt hätten, wäre seine Karriere in der BRD sicher weitergegangen. Gehlen, Globke, Fillbinger und viele andere hatten trotz NS-Vergangenheit eine »goldene Zukunft«. Hanns-Martin Schleyer kennen wir heute nur noch als Opfer der Rote-Armee-Fraktion, dass er die rechte Hand von Heydrich und hoher SS-Scherge war, ist längst vergessen. Die KPD wurde verboten, Berufsverbote für Linke waren in der BRD an der Tagesordnung, man konnte nicht einmal Postzusteller (Briefträger) werden, wenn man den Kapitalismus kritisierte. Nur die Nazis, SA- und SS-Männer waren doch schnell integriert im System der BRD. Stramme Antikommunisten passten genau ins System, auch die USA schreckte nicht vor ihnen zurück, sie eigneten sich gut für die CIA. Wer verteidigt den Kapitalismus besser als die »strammen Antikommunisten« ? Gut, wenn das heute endlich öffentlich wird, aber auf dem »rechten Auge« sind Justiz, Polizei und Militärs immer noch blind.

Ähnliche:

  • Nil Yalter: »Exile Is a Hard Job« (1983/2022)
    13.06.2022

    Aufruf zum Handeln

    Die zwölfte Berlin-Biennale zeigt einen Blick auf die postkoloniale Welt, der sich nicht in Mitleid erschöpft
  • Der Anschlag richtete nur wenig Schaden an – Naziprominenz nebst...
    18.05.2022

    Fehlschlag statt Fanal

    Zum 80. Jahrestag des Brandanschlags der Gruppen um Herbert Baum auf die Nazihetzausstellung »Das Sowjetparadies« in Berlin
  • »Durch dunstigen Schleier scheint dein Auge zu glühn« – Vanessa ...
    03.05.2022

    Rosarote Gespinste

    Die Ausstellung »Opera Opera« im Palais Populaire in Berlin-Mitte

Regio:

Mehr aus: Feuilleton