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Aus: Ausgabe vom 08.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Der Jochen, ein Lover

Gefährlich glitschig: Jochen Distelmeyers neues Album »Gefühlte Wahrheiten«
Von Christina Mohr
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Opfer weiblicher Schönheiten: Jochen Distelmeyer

Der Titel »Gefühlte Wahrheiten« klingt verheißungsvoll: Hat man sich in den letzten zweieinhalb Jahren doch ständig mit Halb- bzw. gefühlten Wahrheiten auseinandersetzen und versuchen müssen, eine Schneise der (ebenfalls gefühlten) Vernunft zu schlagen. Blumfelds Jochen Distelmeyer interessiert sich auf seinem neuen Album jedoch nur am Rande für das Weltgeschehen, und wenn er es kommentiert, kommt er missverständlich rüber: »Nicht nur Nazis suchen Heil in der Zerstörung / Es kommt mir vor, als wär’n sie Teil einer Verschwörung« croont er beispielsweise in »Zurück zu mir«. Ein wenig irritiert schiebt man argwöhnische Gedanken beiseite, denn sechs Jahre nach seinem Coveralbum »Songs From The Bottom« befindet sich Distelmeyer ganz offensichtlich in einem intro­spektiven Stadium, oder anders: Der Jochen der »Gefühlten Wahrheiten« ist ein Lover, not a fighter.

Wunderbar eigentlich, freut man sich doch immer, wenn Männer Gefühle zeigen und darüber reden bzw. dichten. Und von Distelmeyers zart-brüchiger Stimme zu geschmeidigem Soul-, Balladen- und Yachtrockflow, der die erste Hälfte des Albums dominiert, lässt man sich doch gern etwas ins Ohr flüstern. Oder?

Weil das Album bisher überwiegend von männlichen Kollegen besprochen wurde, verrate ich euch jetzt, wie es sich für »eine Königin / mit ihren Freundinnen« (Zitat J. D.) anfühlt. Gleich im ersten Song »Komm (So nah wie du kannst)« wartet Distelmeyer mit lyrischen Perlen auf, die eher Fluchtreflexe als Sexytime-Stimmung wecken, z. B. diese hier: »Leuchtest hell in allen Farben / Wie ein seltenes Tier«. Nicht nur an dieser Stelle wünscht man sich, der 54jährige würde sich an den von Tocotronic bereits anno 1995 geäußerten Rat »Über Sex kann man nur auf Englisch singen« erinnern, oder an seinen eigenen, noch älteren: »Lass uns nicht von Sex reden.« Oder in einer Phantasiesprache singen, die niemand versteht. Aber hey, er singt tatsächlich englisch, und zwar in den als Dreierblock plazierten Stücken »Gone Girl«, »The Reason« und »Roads of Regret«, in denen JD vom Marvin Gaye’schen Lovers-Soul zu dylaneskem Songwriter-Stuff mit ­Country- und Folkelementen switcht.

Was sich durch alle stilistischen Experimente – umgesetzt von seiner wirklich sehr guten Band – zieht, ist die pene­trante Stilisierung als Opfer weiblicher Schönheiten (den streng heteronormativen Ansatz mag man ihm nicht auch noch vorwerfen). »Voodoos«, in deren »Bann« der sehnsüchtige Jochen geraten ist. In gefühlt jedem zweiten Song bemüht er das gleiche Setting (Typ sitzt allein zu Hause und verzehrt sich vor Einsamkeit, alles ist sinnlos ohne sie), wechselt er ins Aktive, wird es unangenehm: »Ich bekenne mich schuldig / Weil ich ehrlich bin / Wenn ich dich seh’ / Hab ich nur eines im Sinn / Komm, hab keine Angst« – solch glitschiges Raunen hatte gewiss jede schon mal am Hals, und zwar entschieden zu dicht.

Das Album hat einen echten, großen Hit (»Fieber«), der in seiner lässigen Discoattitude das Herz jeder Königin auf die Tanzfläche schickt. Aber wenn er in »Hey Dear« mutmaßt, »war dir so kalt / Dass dir mein Feuer gefiel?« – dann möchte man ihn mit seinen eigenen Worten aus ein paar Songs weiter abwimmeln: Nein, ich bin »noch nicht einsam genug«.

Jochen Distelmeyer: »Gefühlte Wahrheiten« (Sony)

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