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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

San Sebastian Revisited

Woody Allens 49. Spielfilm »Rifkin’s Festival«
Von Holger Römers
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Ein Essen mit Rifkin: Wallace Shawn (r.) an der Tafel des Zitatfestivals

Das Beste, was sich über Woody Allens jüngsten Film sagen lässt, ist, dass er wirklich nichts mit jener aufgeblasenen Arthouse-Ware gemein hat, für die der Regisseur Philippe (Louis Garrel) in »Rifkin’s Festival« allseits gelobt wird. Zwar bekommen wir nie einen Ausschnitt aus einem von Philippes Werken zu sehen. Aber wir hören zum Beispiel die Verlautbarung dieses Wichtigtuers, demnächst einen Film über den Nahostkonflikt zu drehen, der zu dessen Lösung eine substantielle Anregung geben werde. Solch windiger, mit lächerlichem Pathos vorgetragener Idealismus macht unweigerlich Lust auf ein Kontrastprogramm, das im Kino bloß einen nichtigen Zeitvertreib verspricht. Und das ist, was Allen, der auch das Drehbuch zu seinem 49. Spielfilm verfasst hat, dem Publikum hier vordergründig bietet.

Im Zentrum der fadenscheinigen Handlung von »Rifkin’s Festival« steht jedenfalls ein denkbar unbedeutender Mann, der kaum anderes tut, als die freie Zeit totzuschlagen, die ihm vor sonniger Urlaubskulisse reichlich zur Verfügung steht. Mort Rifkin (Wallace Shawn) ist ein Möchtegernschriftsteller, dessen hochtrabende literarische Ambitionen sich, wie man aus der Trivialität seiner regelmäßigen Off-Kommentare schließen darf, wohl nie erfüllen werden. Nun ist er aus New York zum Filmfestival von San Sebastian gereist, wo seine Ehefrau Sue (Gina Gershon) als Philippes Presseagentin agiert. Die beiden verdächtigt Mort einer Affäre, bevor er selbst einen Flirt mit der Ärztin Joanna (Elena Anaya) beginnt, nachdem er sie wegen Beklemmungen in seiner Brust aufgesucht hat.

Während Allen seiner mit »Vicky Cristina Barcelona« begonnenen Reihe von Filmen, die jeweils wechselnde europäische Großstädte touristisch in Szene setzen, einen weiteren hinzufügt, knüpft er also zugleich an Figuren und Konstellationen aus dem klassischeren Teil des eigenen Œuvres an. Vor allem ist nicht zu übersehen, dass der Protagonist Vorbildern nachempfunden ist, die der Filmemacher einst selbst verkörpert hat. Statt der neurotischen Nervosität, die Allen in den 1970er und 1980er Jahren für vergleichbare Rollen mitbrachte, haftet dem Spiel des als Charakterdarsteller bekannten Shawn (»Baumeister Solness«, »The Moderns« »Mein Essen mit André«) allerdings eine Schwerfälligkeit an, die leider um so bewusster macht, wie schwunglos diese filmische Petitesse erzählt ist.

Wie wir erfahren, hat Mort jahrelang Filmgeschichte unterrichtet, was wohl erklären soll, warum seine aktuellen Sorgen und seine Erinnerungen aus der Kindheit im Traum jeweils die Form paraphrasierter Szenen aus Filmklassikern annehmen. Diese schwarzweißen Einschübe bleiben freilich so plakativ wie das Namedropping (»Bergman!«, »Fellini!«, »Truffaut!«), mit dem der Mann sich im Small Talk als Cinephiler ausgibt, obwohl er beim Festival nichts anderes als eine Wiederaufführung von Godards »Außer Atem« sehen mag. Wie auch der Rest des sich von Selbstzitat zu Postkartenmotiv schleppenden Films erschöpfen diese Referenzen sich einfach darin, einen möglichst prompten Wiedererkennungswert zu erzielen.

»Rifkin’s Festival«, Regie: Woody Allen, Spanien/USA/Italien 2020, 88 Min., Kinostart: Donnerstag

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