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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kulturindustrie

Manhattan Transfer

Von rechtsaußen eingeschenkt: Live im New Yorker Studio bei Fox News und dem Komiker Greg Gutfeld
Von Maximilian Schäffer
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Kleine Einweisung vor dem Drehbeginn: Man soll bitte nicht buhen oder aufstehen, sonst geht’s ab nach draußen

Mitten in Manhattan, New York City, in der sechsten Avenue, auch »Avenue of the Americas« genannt, befinden sich die Studios von Fox News. Nicht alle Formate des meistkonsumierten aller US-amerikanischen Nachrichtensender lässt Medienmogul Rupert Murdoch hier produzieren. Tucker Carlson (53), der wohl wichtigste Politkommentator des Landes, sendet meist aus Washington D. C. – eine konstante Location oder gar Live-Publikum grenzten angesichts des hochexplosiven Materials des rechten Scharfmachers wohl an Selbstmord.

Greg Gutfeld (57) hingegen, von Beruf Zyniker und ebenfalls Moderator einer nach ihm benannten Show, stand bisher eher in der zweiten bis dritten Reihe von Fox News. Der Stallgeruch des intellektuellen, libertären Küstenamerikaners sorgte dafür, dass er, ehemaliger Chefredakteur von Men’s Health, die verarmte Unter- und Mittelschicht nicht erreichte. Während der in privilegiertester Oberschicht aufgewachsene Tucker Carlson sein Image als Versteher der »kleinen Leute« perfektionierte, scheiterte der nur 1,65 Meter große Greg Gutfeld am zu offensichtlichen Minderwertigkeitskomplex des zugekoksten New Yorkers. Gutfeld stand für die machistischen Gewinner der Dotcom- und Immobilienblase, bis 2016 verachtete er Donald Trump zutiefst und öffentlich. Carlson aber mimt den vom amerikanischen Traum enttäuschten Hippie, seine Lieblingsband ist The Grateful Dead. Er trägt Anzüge, die billiger aussehen müssen, als es seine gesellschaftliche Stellung von Geburt an zulassen dürfte.

Wie kommt es also, dass »The Greg Gutfeld Show«, seit 2021 nur noch kurz »Gutfeld!«, im letzten Jahr endgültig von einem Nischenprodukt für übernächtigte Wall-Street-Banker zur populärsten Late-Night-Show der USA avancierte? Tatsächlich verdrängen die Einschaltquoten der Sendung mittlerweile regelmäßig Jimmy Kimmel, Jimmy Fallon und sogar Platzhirsch Steven Colbert vom Mitternachtspodest. Und das ohne nennenswerte Stargäste. »Gutfeld!« holt sich seine Gäste fast ausschließlich aus dem hauseigenen Umfeld, aus der republikanischen Partei, lädt politische Sachbuchautoren, Comedians und Sportler ein. Internationale Schwergewichte der Unterhaltungsindustrie sind hier nicht zu erwarten.

Auch als Zuschauer im Live-Publikum bei »Gutfeld!« wird man von der allgemeinen Schlichtheit der Begebenheiten überrascht. Alle Eintrittskarten sind kostenlos. Nach einem obligatorischen Sicherheitscheck durch die Türsteher gibt es gratis Kaffee, Softdrinks und Snacks. Dann warten gut 150 Zuschauer in einem bestuhlten, kahlen Bürogang auf den Beginn der Übertragung. Währenddessen dürfen sie Fernsehen gucken – Fox News, was sonst?! Nebenan sitzen Junge und Alte, der Kleidung nach ziemlich Arme und mittelmäßig Reiche. Gutbürgerliche Familien und Frauen im Leopardenspandex mit Nikotinkaugummi. Eine kleine Einweisung vor dem Drehbeginn: Man soll bitte nicht buhen oder aufstehen, sonst geht’s ab nach draußen. Zwei Kameras, ein bisschen Bühnenbild und Bildschirme für die Einspieler. Gutfeld und Gäste marschieren ein, winken kurz, dann eine Stunde absolute Professionalität. In den Werbepausen fummeln die Medienroutiniers gelangweilt am Handy.

Schnell merkt man, was »Gutfeld!« von Jimmy Fallons »Tonight Show« unterscheidet. Außerhalb der eigentlichen Werbeblöcke gibt es wenig Promotion. Keine neuen Filme und Alben, keine Bands und Promisternchen. Ein wahrer Glücksgriff sind zudem die beiden permanenten Co-Hosts, die Greg Gutfelds schwieriges Images auszugleichen vermögen. Da wäre einerseits der professionelle Wrestler George Murdoch alias Tyrus. Ein 49jähriger Hüne, der aus schwierigen Verhältnissen stammt und mit schwarzem Vater und weißer Mutter aufwuchs. Tyrus, der politisch als traditionell konservativ gelten darf, gibt sich mit direkten, klaren Ansagen als kerniger Anwalt der »kleinen Leute«. Neben ihm sitzt die 33jährige Kat Timpf, eine schmächtige junge Frau von natürlichem Charme mit liebenswert maskuliner Lache, die von den Tontechnikern gerne besonders laut gedreht wird. Timpf bekommt zu Beginn der Show traditionell einen sexistischen Witz von Gutfeld ab, den sie angeblich häufig genug selbst schreibt.

Der Altherrenwitz darf exemplarisch für das Tabuverständnis der Show, aber umgekehrt auch für das des linksliberalen Lagers in den USA stehen. Alles was der jungen, gebildeten Intelligenzija als schwer progressiv gilt, wird bei »Gutfeld!« verhöhnt: LGBTQI, Waffengesetze, Abtreibungsrechte, Immigration, Sozialsysteme. Während sich Fallon, Colbert und Co. jedoch immer noch oberflächlich an Donald Trump und bösen Hinterwäldlern abarbeiten, befindet sich das Land unter Präsident Joseph Biden in permanenter Krise. Inflation, Kriminalität, Alltagsrassismus und Kriegsrhetorik haben sich unter der von Senilität geplagten Mumie im Weißen Haus sogar noch deutlich verschärft. Es sind Frustration und Ausweglosigkeit, die die Leute zu denen treiben, die die Missstände zumindest noch ansprechen. »Gutfeld!« bietet nichts als falsche Lösungen, zumindest aber darf sich hier noch kräftig beschwert werden. Manchmal ist das sogar lustig. Wer aber ernsthaft über die Realitäten in den USA nachdenkt – über Massenschießereien, Drogenepidemie und allgemeine Verelendung – geht vor allem tieftraurig aus dem Studio.

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