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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Lieferdienste

Gorillas macht dicht

Berliner Lieferdienst schließt alle Standorte in Italien, 540 Entlassungen
Von Alex Favalli, Bozen
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Letzter Dienst: Kuriere fahren keine Waren mehr aus

Es kann schnell gehen: in weniger als zehn Minuten erwerbslos. Der Lebensmittellieferdienst Gorillas schließt in Italien alle seine Standorte. Am Montag hatte das Unternehmen die Entlassung von 540 befristet und unbefristet Beschäftigten bekanntgegeben. Die Gewerkschaft FIT-CISL bemüht sich nun um Jobalternativen und fordert die Firmenleitung zu Verhandlungen auf.

Das Startup wurde kurz nach Beginn der Coronakrise 2020 in Berlin gegründet. Die Garantie: Lebensmittel in weniger als zehn Minuten an die Haustür zu liefern. Für 1,80 Euro. Für Investoren klang das Geschäftsmodell auch angesichts der Lockdowns vielversprechend, bald lag die »Marktbewertung« bei mehr als einer Milliarde US-Dollar. Inzwischen beschäftigt Gorillas rund 14.000 Fahrradkuriere, Manager und Programmierer (Stand: April 2022), der Umsatz lag zuletzt bei 260 Millionen Euro. Eine Erfolgsgeschichte, die auf dem Verschleißen der Kuriere mit ihren würfelförmigen Transporttaschen auf dem Rücken gründet.

Die Liste der Kritik: lange Probezeiten (sechs Monate), niedrige Löhne (die zudem häufig ungleich ausgezahlt wurden), geringe Unterstützungsleistungen und mangelhafte Arbeitsausrüstung. In Italien hatten die Rider im vergangenen Herbst gestreikt. CEO Kagan Sümer wiegelte ab und behinderte die Gründung eines Betriebsrates.

Seit Monaten nimmt die Kundennachfrage bei Lieferdiensten ab. Italien ist nun das erste Land, in dem Gorillas-Standorte dichtgemacht und Rider gefeuert werden. Anzeichen oder Vorwarnungen gab es nicht. Im Gegenteil: Laut FIT-CISL stimmte der Konzern aus eigenem Antrieb am 29. April auf einmal einem »nationalen Kollektivvertrag für Arbeit« zu. Die Kehrtwende sorgte bei den Gewerkschaften einmal mehr für Entrüstung, von »inakzeptablem Verhalten« der Unternehmensführung war die Rede. Aber das Dialogangebot seitens der FIT-CISL steht.

In Italien eröffnete Gorillas vor rund einem Jahr Filialen in Mailand, Rom, Bergamo, Florenz und Turin. Die Gewerkschaften begrüßten dies zunächst und kooperierten partiell mit dem Unternehmen, um jungen Menschen neue Arbeitsmöglichkeiten zu sichern. Und wie rechtfertigt Gorillas jetzt die Schließungspläne in Italien? Simpel. Das Unternehmen wolle sich auf »lukrative Märkte« wie Deutschland, England und nicht zuletzt die USA konzentrieren. Die Marketingdevise »Go Fast and break Things« bekommt da eine neue Bedeutung, denn dass eine rasante Expansion nicht ewig gehen kann, war vorauszusehen.

Und was sagen Gewerkschafter? Francesco Ferrante, Leiter der CISL in Rom, kritisierte am Mittwoch gegenüber jW, dass die Firma Gorillas zu keinem Zeitpunkt glaubhaft daran interessiert war, Arbeitsplätze zu schaffen oder zu sichern. Entsprechend enttäuscht ist Ferrante mit Blick auf monatelange Verhandlungen mit dem Unternehmen: »Wir sind ihnen so weit wie möglich entgegengekommen.« Unverständlich sei, einen Kollektivvertrag zu unterzeichnen, um zwei Monate später die Aufgabe aller Standorte bekanntzugeben.

Dem Unternehmen geht es für Ferrante am Ende nur um Finanzspekulation. Nach Bekanntgabe des Rückzugs aus Italien wurde die Öffnung einer US-Filiale in New York verkündet. Nur, was bleibt für die italienischen Rider? Offenbar nichts. Ein Angebot in letzter Minute seitens der FIT-CISL an das Unternehmen Gorillas – ein »Solidaritätsvertrag« zur Verhinderung der kompletten Schließung – war erfolglos.

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