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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Pfusch am Bau

Adler lässt Federn

Immobilienkonzern machen Betrugsvorwürfe von britischem Leerverkäufer zu schaffen. Behörden stellen Geschäftsmodell auf den Prüfstand
Von Simon Zeise
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Verspekuliert: Der Steglitzer Kreisel in Berlin verkommt zur Bauruine

Hohe Ziele hat sich die Adler Group gesetzt. Der Betonklotz »Steglitzer Kreisel« in Berlin soll als Luxushochhaus mit dem schmissigen Namen »Überlin« in neuem Glanz erstrahlen. Doch es herrscht Stillstand auf der Baustelle. Und nicht nur in der Hauptstadt. Offenbach, Düsseldorf und Hamburg: Wo noble Apartments stehen sollten, findet man Ruinen vor.

Haben sich die Konzernchefs verhoben? Die Adler Group kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Die Firmengeschichte geht bis ins Jahr 1880 zurück. Adler war jahrzehntelang als Hersteller von Fahrrädern, Autos und Schreibmaschinen bekannt. Die Nachrichtenagentur Reuters hob in einem Bericht Details für Liebhaber hervor: In Stanley Kubricks Horrorklassiker »The Shining« tippte Jack Nicholson auf einer Adler wie besessen »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen«.

Geblieben ist vom Industriestolz nur noch der Mantel. Die Adler Group ist heute eine Immobilienfirma, die vorrangig Luxuswohnungen baut. Und die Firma hat seit letztem Jahr ein Problem: Fraser Perring. Der britische Leerverkäufer veröffentlichte am 6. Oktober 2021 einen ausführlichen Bericht mit dem Titel »Bond Villains« (»Bond-Bösewichte«), in dem er der Firma vorwarf, sie sei »eine Brutstätte von Betrug, Täuschung und finanzieller Falschdarstellung, die darauf abzielt, ihre wahre Finanzlage zu verschleiern, die düster ist«. Die Adler Group existiere als Kanal für ihre Schattendirektoren und Mitarbeiter, um sich systematisch zum Nachteil von Anlegern zu bereichern. Das Geschäftsmodell basiere darauf, »besser kapitalisierte Unternehmen zu erwerben oder Fusionen mit ihnen zu erzwingen, um sie dann mit Schulden zu belasten«. Ein »kleptokratisches Netzwerk« an der Firmenspitze reiche Bargeld und Vermögenswerte an Freunde und Mitarbeiter weiter.

Alles erstunken und erlogen, gab Firmenchef Cevdet Caner unmittelbar nach den Enthüllungen zu verstehen. Doch die Adler Group geriet ins Wanken. Unmittelbar nach der Veröffentlichung brach der Aktienkurs um 30 Prozent ein. Denn Perring ist nicht irgendwer. Fast im Alleingang hatte er den Milliarden-Bluff bei Wirecard aufgedeckt. Der britische Leerverkäufer erzielt Gewinne durch Wetten auf fallende Aktienkurse. Und er klebt wie Pech an Caners Stiefeln. Die Adler Group sieht sich immer wieder neuen Anwürfen ausgesetzt.

Wie aber rauskommen aus der Misere? Adler versuchte die Flucht nach vorn und verhökerte das Tafelsilber. Gesundschrumpfen lautete die Devise: 14.000 Wohneinheiten in Ostdeutschland nahm LEG Ende Oktober dankend entgegen, weitere 14.400 kaufte der Hedgefonds KKR. Der Platzhirsch auf dem deutschen Immobilienmarkt, Vonovia, griff dem angeschlagenen Konzern unter die Arme und stockte seine Anteile im November auf 20,5 Prozent auf.

Der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG wurde die Sache zu heiß, sie verweigerte die Ausstellung eines Testats für den Adler-Geschäftsbericht 2021. Ohne das Zertifikat ist dem Konzern der Zugang zum Kapitalmarkt verwehrt. Doch auf Kredite ist das schuldengetriebene Finanzierungsmodell dringend angewiesen. Als Reaktion trat der Verwaltungsrat des Unternehmens fast geschlossen zurück. Die Bundestaatsanwaltschaft ermittelt wegen des Betrugsverdachts und die Bundesfinanzaufsicht (Bafin) leitete eine Sonderprüfung ein. Immerhin seien die darin genannten Missstände nicht strafrechtlich relevant, teilte das Management am 17. Mai mit.

Doch zu früh gefreut. Noch am selben Tag erklärte KPMG, man werde als Bilanzprüfer auch im kommenden Jahr für Adler nicht zur Verfügung stehen. Die Entscheidung komme »äußerst überraschend, ist enttäuschend und irritierend«, bedauerte der Konzern die Entscheidung.

Und langsam wird es eng. Statt zum Befreiungsschlag anzusetzen, schichtete Adler innerhalb des Konzerns Portfolios um. Am 24. Juni erwarb eines der vielen Tochterunternehmen, Adler Real Estate, 1.400 Wohneinheiten in Berlin vom Mutterkonzern. »Die Transaktion steht vor dem Hintergrund der Optimierung der Prozesse und Strukturen innerhalb der Adler Group«, erklärte das Unternehmen. Auf jW-Nachfrage, ob die Veräußerungen mit den Betrugsvorwürfen in Zusammenhang stünden, antwortete Adler verschnupft: »Wir haben den dort gemachten Äußerungen nichts hinzuzufügen.«

Den Eignern wird es langsam zu bunt. Am Montag forderte eine Gruppe von Gläubigern der Adler Group das Management der Adler Real Estate zum Rücktritt auf. Der hausinterne Weiterverkauf der Berliner Wohnungen schwäche im Fall einer Insolvenz ihre Position und sie hätten Zweifel daran, ob die Transaktion zu marktüblichen Bedingungen erfolgt sei.

Die Sorge der Aktionäre kommt nicht von ungefähr. Der Adler-Verwaltungsrat nannte am 30. Juni mögliche strategische Optionen für das Unternehmen: »Das Spektrum reicht von einer Abwicklung des Unternehmens, also einer Zerschlagung, bis hin zur Positionierung in einer sauberen strategischen Nische.«

Den Stillstand am Bau in Berlin Steglitz habe derzeit Putin zu verantworten. »Die zentrale Ursache liegt in der branchenweiten Material- und Personalknappheit, die wiederum auf gestörte Lieferketten durch den Krieg in der Ukraine (…) zurückgehen«, teilte Adler am Mittwoch dem Springerblatt B. Z. mit. Fortschritt gebe es sehr wohl, denn aktuell fänden viele Arbeiten im Inneren des Hauses statt, die von außen nicht wahrgenommen werden könnten.

Hintergrund: Cevdet Caner

Die Geschichte der Adler Group ist eng verwoben mit Cevdet Caner. Als eines von sieben Kindern türkischer Einwanderer wuchs er in Linz auf, studierte Betriebswirtschaft und war politisch aktiv als Obmann der Sozialistischen Jugend. Anfang der 2000er stieg er als Chef der CLC AG, die unter anderem die erste private Telefonauskunft Österreichs betrieb, ins Geschäftsleben ein. Er verkaufte 2002 seine Anteile und verließ das Unternehmen rechtzeitig – zwei Jahre später ging CLC pleite.

Danach wandte sich Caner deutschen Immobilien zu – vor allem Plattenbauten in Ostberlin und anderen Teilen der ehemaligen DDR. Die von ihm gegründete »Level One«-Gruppe kaufte in der Privatisierungsphase mehrere Tausend Wohneinheiten. Etwa die Hälfte der für den Kauf aufgenommenen Kredite wurden in Wertpapiere verpackt. Als die Subprime-Blase platzte, kollabierte »Level One« unter 1,2 Milliarden Euro Schulden. Es war die größte Immobilienpleite in Deutschland seit Jürgen Schneiders Konkurs 1994.

Doch für Caner waren das Peanuts. Bereits 2012 war er wieder im Geschäft und kaufte über seine Privatstiftung den US-Fonds »Mezzanine IX Investors«, mit dem er einen Anteil an Adler erwarb. Die Stiftung verkaufte den Anteil später weiter an Caners Frau, ihren Bruder und einen Geschäftspartner aus den Tagen von »Level One«.

Eine enge Bande, die lieber im Hintergrund agierte. Ende 2019 erwarb Adler ein israelisches Unternehmen, das eine große Beteiligung an einem anderen deutschen Immobilienunternehmen hielt: Ado Properties, ein finanzstärkeres Unternehmen als Adler. Fünf Tage später kaufte Ado Properties dann seinerseits seinen neuen Miteigentümer Adler sowie eine Beteiligung an einer dritten Immobiliengesellschaft, Consus Real Estate, die von einem weiteren Fonds kontrolliert wurde, der informell von Caner beraten worden war. Das kombinierte Unternehmen firmiert seitdem als Adler Group. (sz)

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  • Leserbrief von R.Prang aus Berlin ( 7. Juli 2022 um 01:21 Uhr)
    Ein sehr interessanter Artikel, der aber auch nur das ganz normale Geschäftsgebaren in einer kapitalistischen Welt beschreibt. Man kauft und verkauft Immobilien immer wieder, auch innerhalb des eigenen Unternehmens, jeder Verkauf steigert den Wert des Objektes (Buchwert), erhöht damit den Bilanzwert eines Objektes. Das geht solange gut, wie man, mit der künstlich aufgeblasenen Bilanz, immer wieder neue Investoren findet. Wenn irgendwann das »neue Geld« ausbleibt, und keiner bereit ist, die runtergekommenen Investruinen zu überhöhten Preisen zu kaufen, stürzt das gesamte »Imperium«, fällt in sich zusammen, das einst vorhandene Kapital hat man bereits privatisiert. So und nur so funktioniert Kapitalismus. Man schiebt Geld, solange hin und her, bis keiner mehr weiß, woher es kam und wohin es ging. … Eigentlich könnte jeder wissen, wo es geblieben ist, die Gesetze des Kapitalismus sind seit Marx bekannt.

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