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Aus: Ausgabe vom 06.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Er schwitzt und weint

Apokalyptisches Sprechkonzert: »Jedermann reloaded« – Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes im Wiener Burgtheater
Von Eileen Heerdegen
Philipp Hochmair (c) Stephan Brückler.jpg
Die Welt ist dumm, gemein und schlecht: Jedermann (Philipp Hochmair)

Bumm. Bratz. Schrill. Krach. Nebel. Ein Mann im Kampfanzug betritt die Szene im Wiener Burgtheater am Mittwoch vergangener Woche. Gerade eben noch war die Bühne leer, das Dunkel nur schwach erhellt von unzähligen Grablichtern, in deren rot schimmerndem Schein Totenschädel und Kreuze schemenhaft zu erkennen sind. Fast unbemerkt und im Dunkeln haben drei Musiker ihre Plätze eingenommen, sphärische Klänge werden wahrnehmbar. Eine Schalmei wird geblasen, ein ungewohnter Klang. Ein Hauch von Michael Jacksons »Thriller«. Doch die anschwellende Musik ist kein Pop und der Mann im Kampfanzug nicht aus einem Grab gestiegen. Im Gegenteil, sein Ende steht ihm noch bevor, denn er ist »Jedermann«, und jedermann muss sterben.

Er ahnt nichts von seinem Schicksal, ist bestens gelaunt. Bevor er die Bühne betrat, besprang, behüpfte, für sich einnahm, war der Prolog, eine Unterhaltung zwischen Gott und dem Tod aus dem Off, mehr ein Gemurmel, kaum wahrnehmbar. Der Mann aber ist sehr präsent, wird deutlich. Selbstgefällig in Playboypose, mit Goldkette und Sonnenbrille beschreibt er seinen Reichtum: »Mein Haus hat ein gut Ansehn, das ist wahr, steht stattlich da, vornehm und reich, kommt in der Stadt kein andres gleich. Hab drin köstlichen Hausrat die Meng, viele Truhen, viele Spind, dazu ein großes Hausgesind, einen schönen Schatz von gutem Geld und vor den Toren manch Stück Feld, auch Landsitz, Meierhöf voll Vieh, von denen ich Zins und Renten zieh, dass ich mir wahrlich machen mag so heut wie morgen fröhliche Tag.«

So antiquiert die Sprache sein mag, der Auftritt von Philipp Hochmair als Jedermann ist nicht nur wegen des Camouflage-Outfits in tragischer Weise aktuell. Arroganz und Kampfeswille der Besitzenden gegenüber Armen, Schwachen, Hilfesuchenden ist auch jenseits direkter kriegerischer Auseinandersetzungen tödliche Realität.

Der narzisstische Erfolgstyp auf der Bühne berauscht sich an seinen Sätzen, wiederholt sie immer und immer wieder. Einen Lustgarten will er kaufen für seine Liebste, seine Buhlschaft, und kann sich gar nicht satt sehen an den goldflitternden Geldsäcken. Heiraten will er sie aber nicht, obwohl die Mutter mahnt. Er ist doch »keine 40 Jahr«, und was zählt schon die Mutter. Nichts. So wenig wie der kranke Nachbar, der demütig um Hilfe fleht und schließlich nach ein paar Peanuts schnappen darf.

Der berühmte »Jedermann« von Hugo von Hofmansthal, 1911 unter der Regie von Max Reinhardt in Berlin uraufgeführt, seit 1920 in Salzburg zu Hause, erzählt, basierend auf spätmittelalterlichen Mysterienspielen, in bewusst artifiziell historisierender Verssprache vom Leben und Sterben eines (reichen) Mannes. Unerwartet mit dem Tod konfrontiert, erbittet er Lebenszeit, um Teufel und Hölle zu entgehen, und muss feststellen, dass er am Ende allein ist. Nicht sein Besitz wird ihn retten, nur die guten Taten, von denen er wenige vorweisen kann. Wird es reichen? Die Frage ist allgemeingültig. Denn jedermann muss sterben, ohne Ausnahme. Himmel oder Hölle muss nicht religiös verstanden werden, Gut und Böse – was bleibt?

Philipp Hochmair, 1973 in Wien geboren, hat selbst schon auf dem Salzburger Domvorplatz die Stationen von Hochmut bis Läuterung durchlebt. 2018 musste und vor allem konnte er kurzfristig für den erkrankten Tobias Moretti einspringen, schließlich kennt er den Text wie kaum ein anderer. Denn Hochmair spricht und spielt in seinem »Reloaded«-Projekt nicht nur den tragischen Titelhelden, sondern alle Rollen. Im rasanten Wechsel, auf den Knien der kranke Nachbar, mit der schnell wie ein Tuch über den Kopf hochgezogenen Uniformjacke die alte Mutter, und wenn die Jacke lasziv über die nackten Schultern rutscht, ist sogar die Illusion von der Buhlschaft perfekt.

Hochmair kämpft sich wie ein Schwerstarbeiter durch das Stück. Mal tanzend, mal rennend, oft getrieben von der Musik seiner großartigen Band Die Elektrohand Gottes. Jörg Schittkowski an Schalmei, Synthesizer und Co., der u. a. mit einem Theremin höchst eindrucksvolle, unheimliche Töne erzeugt, Schlagzeuger Bastien Eifler und Gitarrist Tobias Herzz Hallbauer sorgen für ein echtes musikalisches Erlebnis, das sich irgendwo zwischen David Gilmour und modernster E-Musik dann doch jeder Einordnung entzieht.

Dieser Jedermann schwitzt und weint, trinkt Bier aus der Flasche, interagiert mit seinem Publikum. Er ist Rockstar, wechselt die Kampfjacke gegen ein Paillettensakko, hüllt sich in goldene Flitterwolken, will nicht wahrhaben, was nicht sein darf und zieht wie im Schnelldurchlauf durch Dantes Welten. Am Ende schickt er sich drein, und die eindrucksvolle Schalmei zum Abschluss erinnert vielleicht nicht von ungefähr an ein Schofarhorn. Gott wird ihm gnädig sein.

Oder war das alles nur ein wilder Traum, und am Ende behält doch wieder der Teufel recht? »Die Welt ist dumm, gemein und schlecht, und geht Gewalt allzeit vor Recht, ist einer redlich treu und klug, ihn meistern Arglist und Betrug.«

Nächste Aufführungen: 9.7., Klassik am Dom, Linz; 29.7., Wolkenturm, ­Grafenegg

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