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Aus: Ausgabe vom 05.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Christentum

Jesus modern

In Oberammergau sind mal wieder Passionsspiele
Von Hagen Bonn
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Szene der Oberammergauer Passionsspiele 2000

Es lebe das Mittelalter! Besonders das späte, wo man als Katholik wahlweise mit den Lutheranern um die Wette Hexen verbrannte oder »Naturvölker« (im Gegensatz zu zivilisierten) zwangschristianierte. Und da man bei all den frommen Gaben eine kulturelle Sendung nicht missen wollte, kamen Passionsspiele in Mode. So auch in Bayern, da, wo die Berge so hoch sind, dass sie gern die Sicht verstellen. Das wussten einst die Friesen auszunutzen, die verkauften den Bayern, einer Sage nach, beträchtliche Ländereien. Allerdings bei Ebbe. Und dann brach 1633 im Alpendorf Oberammergau auch noch die Pest aus. Die Bürger schworen vor dem Altar des Herren, alle zehn Jahre eine Passion aufzuführen: das Spiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu Christi. Dafür möge er, der große Gott, ihr Leben verschonen. Der Herr hielt sich halbwegs an die Abmachung und so …

Es wird also wieder passioniert in Oberammergau. Von den 5.200 Einwohnern machen immerhin 2.100 mit. Oder beinahe. Ludwig Thoma ist schon tot. Und es spielen, wie kann es heutzutage anders sein, auch Kinder von Geflüchteten mit. Halt mal. Kann, nein, darf das überhaupt sein? Mitspielen darf ja eigentlich nur, so der Regelkanon, wer im Dorf geboren wurde oder bereits 20 Jahre dort lebt. Blut und Boden eben, kennen wir ja. Welche Flüchtlingskinder sind das denn so? Bliebe ja nur der NATO-Krieg gegen Serbien. Es kommt freilich noch dicker. Denn sogar Nichtchristen dürfen mitspielen.

Hauptdarsteller Frederik Mayet, der den Jesus gibt und gleichzeitig Pressesprecher der beliebten Veranstaltungsreihe ist, lässt ungewöhnliche Worte fallen. Er wünsche sich einen streitbaren, einen wütenden Jesus. Außerdem: Der Gottessohn müsse »viel mehr gehört werden«, wegen des Krieges in der Ukraine, wegen »Putin und was er da macht und vorhat«. Spielleiter Christian Stückl ergänzt, »noch nie haben Waffen Frieden gebracht«. Der Mann muss als Kind auf der Flucht gewesen sein – vor der Schule und dem vermaledeiten Geschichtsunterricht. Oder er hatte solch katholische Kreuzschmerzen, dass er entscheidende Kapitel der Geschichte der Roten Armee, Che Guevaras, der NVA oder der glorreichen »Nationale Front für die Befreiung Südvietnam« … ich unterbreche hier mal die Aufzählung, sie könnte beinahe endlos fortgesetzt werden.

Wie auch immer, fahren Sie nach Oberammergau. Wenn Sie es nicht lassen können. Bis zum 2. Oktober wird noch am Kreuz gehangen, geblutet, gebetet. Amen.

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