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Aus: Ausgabe vom 04.07.2022, Seite 16 / Sport
Randsportarten

A wie Anagramme

Nicht ohne mein Scrabble-Wörterbuch: Das beliebte Brettspiel als Turniersport
Von Gabriel Kuhn
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Gehören in jede Grundschule: Scrabble-Spielsteine

Wenn ich als Kind ins nahegelegene Rosenheim zu Sportveranstaltungen fuhr, dann zum Eishockey. Es geht aber auch anders. Mitte Juli findet der »Rosenheim-Cup« statt – im Scrabble. Es ist eines der Wochenendturniere des 1948 patentierten Buchstabenspiels, die in Deutschland regelmäßig organisiert werden. Alle zwei Jahre dürfen die Turniersieger bei der »Liga der Champions« antreten.

Höhepunkt eines jeden Scrabble-Jahres ist jedoch die seit 2010 ausgeschriebene deutsche Meisterschaft. In diesem Jahr traf man sich Anfang Juni in Nürnberg. Es gewann eine alte Bekannte: Ulla Trappe aus Augsburg hatte nicht nur den allerersten Titel 2010 geholt, sondern auch noch jene 2012 und 2015. Mit insgesamt vier Titeln ist sie nun Rekordhalterin. Die Entscheidungsspiele gab es im Livestream zu sehen.

Dass die Deutsche Meisterschaft im Scrabble nicht allzuviele auf dem Schirm haben, wissen die Teilnehmenden selbst. »Ich habe die unbekannteste deutsche Meisterschaft gewonnen: im Scrabble!« ließ Vorjahressieger Alexander Dings auf Youtube verlauten, wo er die entscheidende Partie hochlud. Laut wort-suchen.de, der »Seite für Wortspiele und Wortspielereien«, gehört Dings zu den »jungen Wilden« des Scrabble, einer Gruppe »von enthusiastischen jungen Scrabble-Spielern, die bei Turnieren auffallen, indem sie in den Pausen noch schnell ein paar Speed-Scrabble-Partien spielen«.

In diesem Jahr wurde Dings Dritter. Wie der Zweite verdiente er sich damit ein Preisgeld von 300 Euro. Ulla Trappe nahm 500 Euro mit nach Hause. Wenn bei den Wochenendturnieren Preisgelder ausgezahlt werden, dann nur, wenn nach Abzug aller Kosten noch etwas vom Budget übrig bleibt. Die Summen bewegen sich Sebastian Herzog zufolge »im ganz unteren dreistelligen Bereich«.

An Herzog kommt niemand vorbei, der sich für Scrabble in Deutschland interessiert. Er ist Präsident des von ihm 2005 mitbegründeten Vereins Scrabble Deutschland, unter dessen Schirmherrschaft Scrabble turniermäßig betrieben wird. Außerdem ist der Rätselautor seit mehr als 20 Jahren für das Scrabble-Rätsel im Zeit-Magazin verantwortlich.

Ursprünglich, so erzählt Herzog im Gespräch mit jW, wurde Scrabble Deutschland gegründet, um Schülermeisterschaften durchführen zu können. Das tat man drei Jahre lang – wie Herzog meint, durchaus mit Erfolg. Doch weitere Ausgaben scheiterten an der Finanzierung. Von der pädagogischen Bedeutung des Spiels bleibt Herzog überzeugt: »Meiner Ansicht nach gehört dieses Spiel in jede Grundschule, weil es Kindern spielerisch hilft, das Vokabular zu verbessern, Einblick in die Grammatik zu bekommen und die Grundrechenarten zu vertiefen.«

Was einen guten Scrabble-Spieler auszeichnet, will ich von Herzog wissen. Der Experte verweist auf ein umfangreiches Vokabular, gute Grammatikkenntnisse und ein Auge für Anlegestellen; das »A und O« sei jedoch die Fähigkeit, Anagramme zu bilden, also aus einem Wort mithilfe derselben Buchstaben ein anderes zu formen.

All diese Voraussetzungen scheint der Neuseeländer Nigel Richards mitzubringen, dem auch ein phänomenales photographisches Gedächtnis nachgesagt wird. Richards ist quasi der Garri Kasparow des Scrabble, nur weniger gesprächig. Fünfmal hat der mittlerweile 55jährige das weltweit bedeutendste Scrabble-Turnier gewonnen, die Weltmeisterschaft der englischsprachigen Scrabble-Spieler. Niemand sonst ging aus dem seit 1991 ausgetragenen Turnier auch nur zweimal als Sieger hervor. Doch damit nicht genug. Im Jahr 2015 krönte sich Richards auch zum französischsprachigen ­Scrabble-Weltmeister, ohne Französisch zu sprechen. Er lernte schlicht das französische Scrabble-Wörterbuch auswendig. Dass er dieses auch drei Jahre später noch nicht vergessen hatte, bewies er, als er den Titel ein zweites Mal gewann. Eine Leistung, die auch Herzog beeindruckt, der von einer »Inselbegabung« spricht.

Richards gilt als zurückgezogen und medienscheu. Seit dem Jahr 2000 lebt er in Malaysia, wo er anscheinend mit Computern arbeitet. An genaue Informationen kommt man nicht. Für einen Sieg bei einer englischsprachigen Scrabble-Weltmeisterschaft wird man immerhin mit einem Preisgeld von bis zu 20.000 Euro entlohnt. Dokumentiert ist Richards’ Leidenschaft für das Radfahren. Als er 1998 erstmals an den neuseeländischen Meisterschaften teilnahm, fuhr er in 14 Stunden 360 Kilometer von seinem Heimatort Christchurch nach Dunedin, spielte seine Spiele und machte sich auf den Rückweg.

Scrabble-Turniere werden oft nach dem »Schweizer Modell« gespielt, an das sich in Zukunft auch Fußballfans gewöhnen müssen, da ab 2024 auch die Champions League dem wenig überschaubaren Modell folgt. In Kurzform: Man spielt gegen viele Konkurrenten, aber nicht gegen alle, es folgen Ausscheidungsspiele und irgendwann ein Finale.

»Ist Scrabble ein Sport«, frage ich Sebastian Herzog. »Nach unserer Auffassung schon, zumindest ein Denksport«, meint er. Auf eine Aufnahme in Sportverbände dürfe man sich jedoch keine Hoffnung machen. Da habe es Scrabble nicht nur als Brettspiel schwer, sondern auch, weil durch das Ziehen der Buchstaben ein Glücksmoment in das Spiel eingebaut ist. Tatsächlich verteidigen Sportfunktionäre hier gerne die sportlichen Ideale. Ökonomisch bedingte Ungerechtigkeiten werden freilich als selbstverständlich und nicht wettbewerbsverzerrend angesehen.

Sport oder nicht, jeder Wettkampf, auch im Scrabble, braucht seine Regeln. Bei der Gültigkeit der Wörter stützt man sich auf respektierte Partner, so gibt es aus dem Hause Duden ein eigenes Scrabble-Wörterbuch, an dem auch Sebastian Herzog mitgearbeitet hat. Es gibt Wörterlisten, die man im Bedarfsfall konsultieren kann, und sollte auch das nicht helfen, können bei Turnieren Schiedsrichter zu Rate gezogen werden. Allzu oft müssen diese jedoch nicht eingreifen.

Ob ihm noch etwas besonders wichtig sei, frage ich Herzog zum Abschluss unseres Gesprächs. Ja, meint er, es sei wichtig zu betonen, dass es sich bei Scrabble-Turnieren um alles andere als Seniorenveranstaltungen handle. Dem sei mitnichten so. Herzog hat recht, das lässt sich empirisch belegen. Ganze neun Jahre alt war der Pakistani Misbah ur Rehman, als er bei der WM 2018 antrat. Alexander Dings war noch keine 30, als er 2021 deutscher Meister wurde. Viele der größten Herausforderer Nigel Richards sind in einem ähnlichen Alter. Scrabble ist also für alle da. Man muss noch nicht einmal Hochdeutsch mögen. Seit einigen Jahren sind Bayerische, Berlinerische und Kölsche Varianten des Spiels auf dem Markt. Turniere in den Dialekten gibt es noch keine. Der Rosenheim Cup könnte hier Pionierarbeit leisten.

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