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Aus: Ausgabe vom 04.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Die Ziege im Raum

Gefangen im Übergang: Susanne Kennedys Inszenierung der Oper »Einstein on the Beach« bei den Berliner Festspielen
Von Michael Wolf
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Gute Frage: »What do you mean?«

Man betritt ein Wimmelbild. Auf der Bühne eine Landschaft, die ebenso an eine Zukunft wie an deren Untergang gemahnt, Ruinen und Tempel neben Felsbrocken und Plateaus, eine Steintreppe führt zu einem kreisförmigen Portal, psychedelische Muster an Wänden und Böden. Auf Bildschirmen und Leinwänden morphen technisch erzeugte Bilder von Wäldern und Wiesen, ein Baum verschwimmt in einen anderen Baum und so fort. Inmitten der Szenerie hat Donnerstag abend ein Teil des Publikums Platz genommen, einzelne Zuschauer suchen noch nach einem Ort für sich, irren herum in dieser fremden Welt.

Einige Performer erobern derweil den Zuschauerraum, in hautengen Kostümen, mit Leselampen an der Stirn, die ihr Gesicht warm erleuchten. Man erkennt den Tänzer Frank Willens, der ungemein präsent ist bei all dem Seltsamen, das er tut: streng starren, sich leicht paranoid umschauen, Zahlen deklamieren, eine (lebendige) Ziege durch den Raum führen. Ein Countdown ertönt. Der Chor singt wunderschön zu repetitiven Klangfolgen, zählt mal bis acht, dann bis sechs, jedoch nie bis null herunter, und er kommt auch nicht bei der zehn an. Sie stecken fest, oder: Wir stecken fest, denn das Publikum ist ja Teil der Szenerie, es wuselt im Limbus herum.

Nach Aufführungen in Basel und bei den Salzburger Festspielen ist Susanne Kennedys Inszenierung der Oper »Einstein on the Beach« nun bei den Berliner Festspielen angekommen. Kennedy ist bekannt dafür, den Loop, die Wiederholung und den Zyklus als Dramaturgien für Inszenierungen fruchtbar zu machen, die auf spekulative wie spirituelle Weise das Bewusstsein selbst thematisieren. In ihren Arbeiten scheitern Zwitterwesen – halb Mensch, halb Avatar – an ihren Wünschen und Leidenschaften. Diese Zwischengestalten sind gefangen im Übergang, im Werden ihrer selbst, das oft nur durch eine Aufgabe aller Wünsche schließlich vollzogen werden kann. Von hier ist es nicht weit zu Philip Glass und Robert Wilson, die 1976 ihr gemeinsames Meisterwerk aufführten, eine Oper, die dem titelgebenden Physiker gewidmet ist und in einigen Teilen auf sein Leben und Werk Bezug nimmt, die jedoch nicht über eine herkömmliche Handlung verfügt, sondern ihren Fluchtpunkt in der Erforschung jener Strukturen findet, die allem Leben und Erleben, mithin allem Sein eine Heimat weist, wie Zeit, Raum, Licht, Bewegung. Einstein, Glass, Wilson, Kennedy und ihr Koregisseur Markus Selg, da haben sich sechs Gleichgesinnte gefunden. Nur wo eigentlich?

Die Zuschauer wirken wie Besucher einer fremden Welt. Womöglich ist es jedoch auch die gute alte Erde nach einem Atomkrieg, hat sich die technisch hochgerüstete Menschheit wieder in die Steinzeit gebombt. Die Bildschirme wären dann der technische Überrest einer Zivilisation, die falsche Schlüsse aus ihrer Kenntnis über die Naturgesetze zog. In der Einöde üben die Überlebenden reduzierte Choreographien ein, die mal an Yoga und dann wieder an Anweisungen von Flugbegleitern erinnern. Später tanzen sie sich in einen Rausch hinein, versuchen den Ausbruch aus dem Dasein, huldigen einem Tierschädel. Rätselhaft ist das und soll es sein. Das Geschehen zeigt sich, gibt sich aber nicht zu erkennen, möchte sich keiner eindeutigen Lesbarkeit aussetzen. Durchaus doppeldeutig darf man es verstehen, wenn Frank Willens eine seiner Spielpartnerinnen immer wieder fragt: »What do you mean?«

Unbeantwortet bleibt die Frage, und man darf heilfroh darüber sein, ist sie an diesem Abend doch unangebracht. Erfolgte eine Antwort, bestünde die Gefahr einer Vereindeutigung all dessen, was sich hier eher absichtslos vollzieht, als dass es auf ein Ziel hinausläuft. Gerade die Erfahrung der Musik, oder vielmehr: das Erleben des Klangs sollte man sich nicht durch allzu großen intellektuellen Ehrgeiz verderben. Dirigent André de Ridder und sein Ensemble Phoenix Basel, die Basler Madrigalisten und drei Solistinnen wachen aufmerksam über ihre Noten, hüten sie davor, etwas anderes als Töne und Klänge zu bedeuten, tragen sie sicher über die Gefahr hinweg, aus ihnen etwas herauszuhören, das nicht ihrer Ontologie entspricht. Und beweisen so, wie betörend schön das schlichte Wahrnehmen sein kann.

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