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Aus: Ausgabe vom 04.07.2022, Seite 8 / Inland
Verbrechen der Kirche

»Der Staat muss endlich das Spielfeld betreten«

Opferinitiative hält Aufarbeitung sexualisierter Gewalt durch Kirche für weitgehend verfehlt. Ein Gespräch mit Matthias Katsch
Interview: Bernhard Krebs
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Große Dunkelziffer: Die Institution Kirche befindet sich aufgrund des Umgangs mit sexualisierter Gewalt in einer ernsten Krise

Laut der vor kurzem vorgelegten Studie zu sexualisierter Gewalt, die Priester zwischen 1945 und 2020 im Bistum Münster begangen haben, wurden 610 Opfer identifiziert. Das Dunkelfeld soll bis zu 6.000 Personen umfassen. Wie kommt es zu dieser gewaltigen Differenz?

Die Studie stützt sich vor allem auf Akten der katholischen Kirche. Und naturgemäß wurde dort nur ein Bruchteil der begangenen Verbrechen dokumentiert. Bei dieser Studie haben – im Gegensatz zu bislang erstellten Gutachten in anderen Bistümern – erstmalig aber auch umfängliche Gespräche mit Betroffenen stattgefunden. Etwas, das wir von »Eckiger Tisch« immer gefordert haben. Wir wissen auch, dass Betroffene sich scheuen, sich auf Aufrufe der Kirche zu melden. Insbesondere dann, wenn sie für sich keinen unmittelbaren Nutzen erwarten können, der die mit der Erinnerung einhergehende psychische Belastung aufwiegt. Angesichts des Zeitraums muss man davon ausgehen, dass viele Opfer nicht mehr leben. Deswegen kann man die Opferzahlen nur hochrechnen.

In einem Prozess vor dem Kölner Landgericht ist im Februar ein Priester zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Anfänglich wegen 31 an seinen drei Nichten begangenen Taten angeklagt, meldeten sich, ermutigt durch den Prozess, weitere Opfer. Am Ende wurde der Geistliche wegen 110 Taten an neun Mädchen schuldig gesprochen. Einer Aufarbeitung durch staatliche Behörden scheinen Opfer eher zu vertrauen als einer durch die Täterorganisation Kirche.

Dieser ganze Aufarbeitungsprozess krankt daran, dass die Kirche weitgehend in Eigenregie handelt, und der Staat das zulässt. Der Staat und seine Strafverfolgungsorgane müssen endlich das Spielfeld betreten und diese Verbrechen aufklären. Das fordern wir seit Jahren. Dennoch müssen wir differenzieren, denn auch all die verjährten Verbrechen gehören aufgeklärt. Für solche Fälle braucht es Untersuchungskommissionen. Und die dürfen auch gerne, wie in Münster, mit sozialwissenschaftlicher statt bloß juristischer Kompetenz ausgestattet sein. Die Frage ist nur, wer richtet sie ein? Die Kirche selbst, die dann auch die Regeln vorgibt, oder eine unabhängige Instanz? Letzteres scheint mir zielführender.

Sie sprechen die Besonderheit der Münsteraner Studie an, die von Geschichts- und Sozialwissenschaftlern verfasst wurde. In Köln und München waren Anwaltskanzleien mit den Gutachten befasst.

Die Forscher in Münster waren weitgehend unabhängig. Anwälte – das ist vor allem in Köln, zum Teil aber auch in München deutlich geworden – sind zuallererst ihren Auftraggebern gegenüber verpflichtet. Handeln sie gegen deren Interessen, verstoßen sie gegen die Ethik ihres Berufsstandes. Damit will ich nicht per se sagen, dass Juristen keine Aufarbeitung leisten können. Köln hat aber die Grenzen dieses Ansatzes sehr deutlich gezeigt, wo das erste Gutachten in der Schublade verschwand, weil Kardinal Rainer Maria Woelki das Ergebnis nicht gefiel. Das zweite von ihm in Auftrag gegebene Gutachten, das schlussendlich veröffentlicht wurde, las sich dann ja auch eher wie eine Verteidigungsschrift.

Der Bischof von Münster, Felix Genn, hat nun verschiedene Maßnahmen angekündigt, wie eine stärkere Kontrolle von Auflagen, die Priestertätern gemacht werden.

Ich halte das ganze Herangehen für völlig verfehlt. Überwachung kommt der Kirche nicht zu, sie ist damit auch regelmäßig überfordert, wie wir aus zahlreichen Missbrauchsfällen von Serientätern im Priestergewand wissen. Hier wird die Selbstüberschätzung deutlich, der die Kirche im Umgang mit dieser Krise seit vielen Jahrzehnten unterliegt. Betroffeneninitiativen aus aller Welt fordern seit Jahren eine Politik der Nulltoleranz. Wer als Priester Kinder missbraucht hat, darf nicht länger Priester sein. Wer Missbrauchstaten als Bischof vertuscht hat, darf nicht länger Bischof sein. Das heißt ja nicht, dass diese Täter aus der Kirche ausgeschlossen werden müssen, oder sie – kirchlich gesprochen und jenseits des Strafrechts – keine Aussicht auf Vergebung haben können. Aber sie sollen keine Machtfunktion mehr haben. Und Priester haben Macht. Sie ist für die katholische Kirche konstitutiv.

Matthias Katsch ist Sprecher der Betroffenenorganisation Eckiger Tisch e. V.

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