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Aus: Ausgabe vom 04.07.2022, Seite 5 / Inland
Gaspreise

Energieriese Uniper strauchelt

Konzern bittet um Staatshilfen und erwägt Teilverstaatlichung. Gespräche mit Bundeswirtschaftsministerium laufen
Von Bernd Müller
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Ein Konzern, der seine Kraftwerke nicht mehr aus eigener Kraft betreiben will

Die westlichen Sanktionen gegen Russland fordern in Deutschland erste Opfer. Der Energiekonzern Uniper ist ins Straucheln geraten und ruft nach staatlichen Hilfen. Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte am Donnerstag andauernde Gespräche über Stabilisierungsmaßnahmen. Als Hilfen kämen zum Beispiel Garantie- und Sicherheitsleistungen infrage, höhere Kredite bei der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder eine direkte Beteiligung des Staates am Unternehmen.

Mehrheitseigner von Uniper ist mit Fortum ein Konzern, an dem der finnische Staat etwas über 50 Prozent der Anteile hält. Doch Uniper kann voraussichtlich nicht auf die Hilfe der Finnen hoffen, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg am Donnerstag und berief sich dabei auf »eine mit der Situation vertraute Person«. Man wolle sich auf andere Geschäftsfelder von Fortum konzentrieren, hieß es. Wenn dort Bedarf entstehe, werde jedwede Finanzierung geprüft.

Uniper ist einer der größten Stromerzeuger der Welt. Der Konzern betreibt in Deutschland Gas-, Kohle- und Wasserkraftwerke mit einer Leistung von zehn Gigawatt; die Gesamtkapazität aller Kraftwerke des Konzerns liegt bei ungefähr 33 Gigawatt. Über seine Tochter Unipro deckt das Unternehmen rund fünf Prozent des russischen Strombedarfs. Es gehört zu den größten Händlern von Flüssiggas (LNG) der Welt, unterhält in der Bundesrepublik Gasspeicher, baut auf Bitten der Bundesregierung auch LNG-Terminals an der Nordseeküste – und versorgt Stadtwerke und zahlreiche andere Unternehmen mit Erdgas.

Das Unternehmen ist nun in Schieflage geraten, das liegt an den hohen Gaspreisen und den gedrosselten Gaslieferungen aus Russland, wie Vorstandschef Klaus-Dieter Maubach und eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums übereinstimmend erklärten.

Der russische Energiekonzern Gasprom hatte Mitte Juni seine Lieferungen über die Ostseepipeline Nord Stream 1 drastisch zurückgefahren; in Deutschland um mehr als die Hälfte. Die russische Seite hatte die Drosselung unter anderem mit einer fehlenden Gasturbine in der Kompressorstation Portowaja in der Nähe von St. Petersburg begründet. Diese wurde von Siemens Energy in Kanada gewartet und durfte aufgrund der westlichen Sanktionen nicht mehr nach Russland zurückgeschickt werden.

Um seine Kunden noch mit den versprochenen Gasmengen beliefern zu können, muss Uniper diese zu deutlich höheren Preisen am Markt einkaufen. Allerdings kann der Versorger die höheren Kosten nicht einfach an seine Kunden weiterreichen. Unter gegebenen Umständen mache Uniper jeden Monat rund 900 Millionen Euro Verlust, schätzte das Handelsblatt am Donnerstag.

Als Teil der Lösung wird nun diskutiert, einen Mechanismus aus dem Mitte Mai vom Bundestag verabschiedeten Energiesicherungsgesetz zu nutzen, um die Kosten an Kunden und Verbraucher weiterzureichen. Habeck hatte kürzlich die zweite Alarmstufe des Notfallplans ausgerufen – und damit wäre die erste Bedingung für eine Vervielfachung des Preises für die Endverbraucher erfüllt. Als nächsten Schritt müsste die Bundesnetzagentur eine »erhebliche Reduzierung der Gesamtgasimportmengen nach Deutschland« feststellen.

Den Mechanismus hat man bislang nicht in Gang gesetzt, aber nicht aus Rücksicht auf die Gasrechnung privater Haushalte, sondern weil es unter anderem aus der Energiewirtschaft scharfe Kritik hagelte. Würden die Kosten einfach weitergereicht, könnte das große Gasverbraucher in Industrie und Energiebranche schnell wirtschaftlich überfordern.

Uniper selbst scheint einer teilweisen Verstaatlichung nicht abgeneigt. Das Management hat der Bundesregierung eine »Beteiligung in Form von Eigenkapital« offeriert, da die Zeit nun mal drängt. Die Bundesregierung hat sich bislang nicht dazu geäußert; aber das Handelsblatt will aus Kreisen der Regierungskoalition erfahren haben, dass dies nicht die bevorzugte Variante der »Rettung« sei.

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  • Leserbrief von R.Prang aus Berlin ( 3. Juli 2022 um 21:38 Uhr)
    Jeder, der schon einmal einen Blick in die Schriften von Marx riskiert hat, weiß, was dahintersteckt. Verluste gilt es zu sozialisieren, die Gesellschaft soll dafür aufkommen. Die Gewinne hat man immer privatisiert, und wird es wieder tun. Steuerkürzung durch Veranlagung im Ausland gehören zum Repertoire jedes Konzerns, oder hat schon jemand davon gehört, dass Amazon, Google oder Starbucks usw. in Deutschland Steuern zahlen? Selbst der z. T. im Besitz des Landes Niedersachsen befindliche VW-Konzern versteuert seine Gewinne im Ausland. Soll doch der dumme deutsche Steuerzahler jetzt die Verluste ausgleichen. Lufthansa und alle Airportbetreiber haben sich die Gewinnausfälle – während der Pandemie – vom Staat ausgleichen lassen und dann ihre Mitarbeiter entlassen, wie sich das jetzt auswirkt, kann man an jedem Flughafen besichtigen. Kapitalismus ebend, so und nur so kann er funktionieren.

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