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Aus: Ausgabe vom 01.07.2022, Seite 15 / Feminismus
Aktivistinnen im sahrauischen Kampf

Frauenpower in der Wüste

Eine Lektion in Sachen Demokratie: Der IX. Kongress der UNMS der Befreiungsbewegung der Westsahara, Frente Polisario
Von Jörg Tiedjen, Auserd
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Nicht nur Opfer von Gewalt, auch politische Akteure: Flüchtlinge aus der Westsahara

In der Sahara kann es im Sommer bekanntlich heiß werden. Die Bedingungen aber, unter denen vom 18. bis 20. Juni im Flüchtlingslager ­Auserd bei der algerischen Stadt Tindouf der IX. Kongress der Nationalunion der Sahrauischen Frauen (UNMS) der Frente Polisario stattfand, wurden durch eine Hitzewelle noch zusätzlich erschwert. Doch nicht nur 600 sahrauische Frauen trotzten den Umständen – darunter 400 Stimmberechtigte, unter Einschluss von vier Menschenrechtskämpferinnen aus den von Marokko besetzten Gebieten der Westsahara. Hinzu kamen Gäste aus Algerien, Südafrika, Simbabwe, Sudan, Kolumbien und Frankreich.

Das Datum des Kongresses war nicht zufällig gewählt. Der 17. Juni ist in der Demokratischen Arabischen Republik Sahara der »Nationale Gedenktag für die Verschwundenen«. An jenem Tag im Jahr 1970 wurde in der Stadt El Aiún eine friedliche Demonstration der Freiheitsbewegung von spanischen Kolonialtruppen niedergemacht. Da der 17. Juni in diesem Jahr auf einen Freitag und somit den muslimischen Feiertag fiel, wurde der Beginn des Kongresses einen Tag später angesetzt. Gewidmet war er traditionell einem Opfer politischer Gewalt: Muglaha Yahdih Embarek, die 1985 vom marokkanischen Militär entführt worden war und deren Schicksal seitdem ungeklärt ist.

Eingeleitet wurde das alle drei bis vier Jahre stattfindende Treffen der 1974 gegründeten UNMS mit einem Theaterstück: Eine von zwei sich unterhaltenden Frauen wird jäh von einem Soldaten unterbrochen, der die Nachricht bringt, dass ihr Sohn gefallen sei. Das Stück bringt die gegenwärtige Situation der sahrauischen Frauen auf den Punkt: »Der seit November 2020 wieder aufgeflammte Krieg gegen die marokkanischen Besatzer hat unsere Arbeit und unsere Herangehensweise an Frauenfragen stark verändert«, erklärte Minetu Larabas Sueidat, die in den vergangenen Jahren das Amt der Generalsekretärin innehatte, gegenüber junge Welt. »Früher ging es um andere Themen, nun darum, dass wir unsere Männer, Brüder und Söhne verlieren. Das ist eine große Herausforderung. Wir haben aber die Hoffnung, dass der Krieg dazu beitragen wird, unsere schwierige Lage zu beenden, und das ist der Ansatz, mit dem wir an alle weiteren Fragen herangehen.«

Die vergangenen drei Jahre der Arbeit der UNMS gestalteten sich auch wegen der Coronakrise schwierig: »Wir konnten einen Großteil unseres Aktionsplans wegen der Kontakt- und Versammlungsverbote nicht umsetzen«, so Sueidat. Das solle in den kommenden Jahren anders werden, wofür eine Arbeitsgruppe einen Aktionsplan entwarf. In diesem geht es um ganz praktische Dinge wie die Zusammenarbeit zwischen Familien, Verwaltungsebenen sowie der Diaspora oder um die Verbesserung der Aus- und Weiterbildung. Beispielsweise sollen alle Frauenhäuser endlich mit Computern ausgestattet werden und Fremdsprachkurse anbieten.

In einer weiteren Arbeitsgruppe wurden Briefe, Ratschläge sowie die Abschlusserklärung des Kongresses formuliert. Das erste Schreiben war an Polisario-Generalsekretär Brahim Ghali gerichtet, der dem Treffen zu Beginn und zum Abschluss einen Besuch abstattete. Ein zweiter Brief sollte der Ermutigung der Kämpfer an der Front dienen. Ein dritter richtete sich an die Frauen in den von Marokko besetzten Gebieten der Westsahara.

Zum Abschluss des Kongresses ging es an die Wahl des neuen Vorstandes. Unter den Kandidatinnen waren Frauen verschiedener Generationen, Ingenieurinnen, Lehrerinnen, Veteraninnen der sahrauischen Politik, eine Historikerin und eine Verantwortliche für das Minenräumprogramm. Auf den meisten der Frauen lastet neben der Berufstätigkeit, von der sie im Falle einer Wahl befreit werden, noch die Arbeit im Haushalt. Die Wahlen verliefen so transparent wie möglich. So wurde etwa vor der Stimmabgabe allen Anwesenden gezeigt, dass die Urnen leer waren, und auch sonst größte Sorgfalt auf das Prozedere gelegt. Die Auszählung dauerte bis in die späten Abendstunden und wurde von weiblichen Freiwilligen der Nationalpolizei vorgenommen. Als neue Generalsekretärin der UNMS setzte sich schließlich die erfahrene Politikerin Schabda Saini durch. »Die Demokratie ist bei uns weit entwickelt«, kommentierte die Kongressteilnehmerin Abida Hadia Ali gegenüber jW den Verlauf des dreitägigen Treffens.

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