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Aus: Ausgabe vom 01.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Comic

Im Hier und Jetzt verloren

Ein überraschend aktueller Songcomic illustriert das Album »Monarchie und Alltag« der Fehlfarben
Von Hannes Klug
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Frank Witzel: »Hier und Jetzt«

Man kann sicher nächtelang darüber streiten, welches das wichtigste Album des deutschen New Wave war. Ideal und DAF werden da womöglich gehandelt, vielleicht auch die Krupps, Malaria oder die Einstürzenden Neubauten. Die Chancen stehen aber gut, dass »Monarchie und Alltag« der Fehlfarben das Rennen macht. »Die einzige deutsche Platte des Punk, die zählt«, legte sich etwa der Rolling Stone apodiktisch fest. Das Album mit der tristen Häuserfassade auf dem Cover und der »fremdartigen Kopplung« eines Begriffspaars im Titel, »die sich analytisch nicht auflösen lassen wollte«, wie der Schriftsteller und Zeichner Frank Witzel schreibt, fasste wie kein anderes zusammen, was es hieß, im tiefen Sumpf der westdeutschen 80er Jahre aufzuwachsen. Es verdichtete das Lebensgefühl einer ganzen Generation zu elf Songs, von denen jeder textlich wie musikalisch ins Schwarze traf. »Monarchie und Alltag«, dieser gleichermaßen desillusionierte wie energiegeladene Soundtrack zum Erwachsenwerden, wurde in Köln aufgenommen und erschien im Oktober 1980.

Der popkulturell umtriebige Ventil-Verlag hat jetzt einen Comicband zu dieser Platte herausgegeben, in dem elf Zeichnerinnen und Zeichner jeweils einen der Songs in gezeichnete Kurzgeschichten verwandelt haben. Dass das mehr ist als nur eine nerdige Spielerei oder ein Fanexperiment, zeigt sich bereits bei Witzels erstem Comic zu »Hier und jetzt«, dem ersten Stück der Platte. »Die zweite Hälfte des Himmels könnt ihr haben / Das Hier und Jetzt, das behalte ich«, bellt Peter Hein im Song ins Mikrofon, während in knappen Versen die anhaltende Tristesse und die Unentrinnbarkeit geistigen Stillstands abgehandelt werden. Surreale Strichzeichnungen situieren ein gequältes, kafkaartig zu Pflanzen- und Insektenkörpern mutierendes Ich in einer kleinstädtisch-industriellen Umgebung. Während der Körper an Foltermaschinen angeschlossen ist und Trichter seine Sinnesorgane oder gleich das Gehirn füttern, interpretiert Witzel den im Song beschriebenen Identitätszweifel als schmerzhafte Desintegration, angesiedelt irgendwo zwischen Reihenhaus, Wahn und Friedhof.

»Das war vor Jahren«, könnte man jetzt mit einem anderen Songtitel kontern, doch das ebenso Berührende wie Erschütternde an den Texten der Band ist bei der Neulektüre, wie zeitlos und aktuell sie auch heute noch sind. Sicher, da sind die zeittypischen Signifikanten und das Lokalkolorit der damaligen Düsseldorfer Punkszene rund um den Ratinger Hof, denen Andreas Michalke in realistischen Panels zu diesem Stück Gestalt verleiht. Karolina Chyzewska aber inszeniert in »Apokalypse« den Imperativ der Selbstoptimierung bis hin zum individuellen wie gesellschaftlichen Zusammenbruch anhand von Smartphone, 3D-Brille und Jeff Bezos im Weltall: »Ernstfall, es ist schon längst soweit / Ernstfall, Normalzustand seit langer Zeit«, heißt es in den zeitlosen Textzeilen, die an Scharfblick und Dringlichkeit in den vergangenen 40 Jahren eher noch gewonnen haben. Und wem in der Debatte um Waffenlieferungen an die Ukraine immer wieder die Namen deutscher Panzer und Kampfjets um die Ohren fliegen, dem dürfte auch diese Aufzählung aus aktuellem Kontext bekannt vorkommen: »Roland, Wiesel, Marder, Phantom / Albatros, Wiking, Tornado«, lautet die allgegenwärtige, im Comic aus dem Autoradio dringende Typenlyrik der Rüstungsindustrie. »Die Namen der Waffensysteme waren damals aktuell. Könnte auf Bierdeckel geschrieben worden sein. ’78/’79«, kommentiert Fehlfarben-Sänger Peter Hein die Entstehung des Textes.

Der Songcomic zu »Monarchie und Alltag« trifft die besondere Mischung aus Weltschmerz, Liebeskummer und harschen Zeitdiagnosen, die das Heranwachsen in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren kennzeichneten, und fügt ihnen eine neue visuelle Dimension hinzu. Die Schönheit, die damals den grauen Zeiten abgerungen wurde, und das Rätsel, das diese ebenso rohen wie poetischen Texte immer noch sind, findet in den kurzen gezeichneten Geschichten ihre synästhetische Entsprechung, gebündelt in kraftlosen, entstellten oder kaum mehr menschengleichen Körpern und einem gemarterten Bewusstsein. Abschluss und Höhepunkt ist wie auf der Platte der Song »Paul ist tot«: »Was ich haben will, das krieg’ ich nicht / Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht«, brüllt der Song die unvergessene Parole für alle Unglücklichen in die Nacht, während der Flipperautomat und dessen kinetische Energie selbst zum explodierenden Universum werden.

Gunter Buskies/Jonas Engelmann (Hg.): Monarchie und Alltag. Ein Fehlfarben-Songcomic. Ventil-Verlag, Mainz 2022, 128 Seiten, 25 Euro

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