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Aus: Ausgabe vom 01.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

»Ist Begehren okay?«

Zur Neuübersetzung von Kathy Ackers »Blood and guts in High School«
Von Jürgen Schneider
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»Es gibt keinen Grund, neuen Kultur-Scheiß zu produzieren.« Kathy Acker

»Wenn du schreibst, kontrollierst du dann den Text? Wenn du tatsächlich schreibst, tust du das nicht, du fickst mit ihm«, sagte die US-amerikanische Schriftstellerin Kathy Acker (1948–1998) Ende der 80er Jahre in einem Gespräch mit dem Literaturkritiker, Kulturtheoretiker und Herausgeber (und intimen Freund) Sylvère Lotringer (1938–2021). Vielleicht ist ficken deshalb das häufigste Wort in Ackers Buch »Blood and guts in High School«, erschienen 1984. Das Werk war auf Deutsch zunächst 1985 als »Harte Mädchen weinen nicht. Ein Punkroman« im Heyne-Verlag erschienen. Nun hat der März-Verlag eine Neuübersetzung mit dem Titel »Bis aufs Blut. Zerfleischt in der Highschool« veröffentlicht, in aufwendiger Detailarbeit gesetzt und gestaltet.

Das Buch wird als »Roman« ausgewiesen. Diese Kategorisierung werden die deutschen Hüter der Trübe-Tassen-Literatur, die in den Romanauffassungen des 19. Jahrhunderts verharrt, nicht gelten lassen, setzt sich Acker doch über tradierte Erzähl- und Gattungskonventionen hinweg. »Bis aufs Blut« kennt keine lineare Erzählung, keinen wirklichen Plot, die Handlungsstränge werden verwoben mit eigenen Tagebucheintragungen, mit Gedichten und Zeichnungen sowie mit Passagen aus anderen literarischen Texten. Ackers Arbeiten, so Rosa Eidelpes in ihrem klugen Nachwort, nehmen »Anleihen bei Gertrude Steins experimenteller Literatur, den Bild-Text-Collagetechniken des französischen Surrealismus sowie den Cut-up-Verfahren ­William S. Burroughs’ und lenken so den Fokus weg von der Geschichte hin zu den formalen Strukturen der Sprache und Wahrnehmung«.

Die bislang ausführlichste Zusammenfassung des Inhaltes von »Bis aufs Blut« lieferte 1986 die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Die Prüfer, ausschließlich Herren, verstanden rein gar nichts, befanden aber, dass der Leser teilweise sehr schlecht oder überhaupt nicht erkennen könne, ob es sich um Phantasien oder tatsächliche Geschehnisse der Protagonistin handele. Das Buch, verfasst in der »banalen Sprache der Gosse«, sei unsittlich und sexualethisch desorientierend, verharmlose Pädophilie und Inzest, verherrliche Fellatio, Cunnilingus, Analverkehr und Sadomaso-Praktiken. Das Werk sei weder Kunst noch diene es ihr, originelle wie kreative Passagen fehlten. Ausdrücklich erwähnt wird, dass das Buch sich gegen die kapitalistische Gesellschaft wende. Acker lässt ihre Protagonistin Janey sagen: »In dieser Welt Sex zu haben, heißt Sex mit dem Kapitalismus haben zu müssen.« Und so wurde das Buch in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen (siehe die komplette Entscheidung in: Kathy Acker, »Ultra light ­ last minute ex + pop literatur«, Merve-Verlag, 1990).

In der Darstellung des Lebens und Leidens von Janey, »die in ihrem Umfeld immer die erste gewesen war, die jede sich bietende Grenze austestete«, befragt Acker schonungslos das eigene Begehren. Janey wird von ihrem Vater »gefickt« (worunter die deutschen Jugendschützer nur Inzest verstanden), sie treibt es mit einem alten Schriftsteller, gerät in die Hände eines persischen Sklavenhändlers und begegnet schließlich in Marokko dem französischen Autor Jean Genet, der stets für das Studium der Gesetze plädierte, denn: »Wer die Gesetze nicht kennt, bringt sich um das Vergnügen, gegen sie zu verstoßen.« Janey erzählt Genet von ihrer Begegnung mit dem Erdnussfarmer und einstigen US-Präsidenten Carter. Sie bescheinigt ihm eine »geistige Störung« und »Alkoholismus«, die ihn in einen »Schwachkopf« verwandelt haben. In einer eingestreuten Nachricht heißt es: »Wir wollen euer Geld nicht wir wollen

  1. Von Zeit zu Zeit gefickt werden

  2. Etwas Liebe in unserem Leben

  3. Kostenlose Krankenhäuser

  4. Die durchgängige Option auf eine ungiftige Mahlzeit pro Tag«.

In einem ebenfalls eingestreuten Theaterstück, »einem schrecklichen Plagiat von ›Die Wände‹« (»Les paravents«, Theaterstück von Jean Genet, jW) mit Figuren wie Herr Knockwurst, Herr Fuckface oder Herr Blowjob, bittet Janey die auftretenden Rebellen: »Bitte sagt mir, ob die Welt furchtbar ist und ob mein Leben furchtbar ist, und ob es nichts bringt, das ändern zu wollen, oder ob es auch noch irgendwas anderes gibt. Ist Begehren okay?« Zuvor schon hatte Acker den Text in Frage gestellt: »Das Geschriebene ist ein schreckliches Plagiat, weil jegliche Kultur beschissen ist und es keinen Grund gibt, neuen Kultur-Scheiß zu produzieren.«

Der Nachlassverwalter von Kathy Acker, Matias Viegener, hat die E-Mail-Korrespondenz zwischen Acker und McKenzie Wark herausgegeben: »Du hast es mir sehr angetan – E-Mails 1995/96«. Er schreibt in der Einleitung: »Kathy Acker hätte zu Lebzeiten der Publikation niemals zugestimmt.« Da Nachlassverwalter sozusagen immer im Recht sind, wurde die Korrespondenz veröffentlicht. Zuvor hatte Viegener die von US-amerikanischen und kanadischen Künstlern und Schriftstellern initiierte Verleihung des »Kathy Acker Award for the Achievement in the Avant Garde« untersagt, weil mit dem Preis nicht nur schreibende Personen, sondern auch bildende Künstler und andere Kreative ausgezeichnet wurden (vgl. Clayton Patterson, »The Camera«. – New York City: Clayton Books LLC, 2022, S. 53 ff.). Viegener macht so vergessen, wie sehr Kathy Acker von der bildenden Kunst beeinflusst worden war.

Acker und Wark trafen sich im Juli 1995 in Sydney, die Korrespondenz hielt etwas länger als zwei Wochen an, und ihre Beziehung überdauerte die letzte der Mails nur um wenige Wochen. Die beiden tauschen sich aus über Bataille und Blanchot und die mögliche Grundlage für Gemeinschaft, über Derrida, Elvis, Pasolini, Warhol, die Simpsons sowie über die nicht anzustrebenden »Karriereficks«. In der Korrespondenz zwischen den beiden geht es immer wieder um Queerness und um das Begehren. So schreibt Acker: »Ich liebe es, wenn ich begehrt werde. Mein Körper begehrt wird. Zu unrecht. ›Komm her, Sklavin‹. Kenne kaum was Geileres. Ganz und gar nicht gleichzusetzen mit ›Du bist ein Opfer‹.« Wark schreibt: »Ich will ein Territorium mit dir finden.« Beide, so Wark im Nachwort, hätten wohl auf unterschiedliche Weise mit dem Geschlecht gerungen, das ihnen zugewiesen war. Heterofrauen und -männer waren ihr Ding ebensowenig wie »Kräuterfeminismus« und homosexuelle Gewissheiten. Kathy Acker: »Das Coolste sind Leute ohne Genderzuordnung, superbutchige Mädchen und Jungs, die komplett querbeet unterwegs sind und schlechte Nachrichten wittern.« In ihrer letzten Mail an McKenzie Wark zitiert Kathy Acker aus Italo Calvinos Buch »Unsichtbare Städte«: »Die Erinnerung ist redundant: Sie wiederholt die Zeichen, damit die Stadt zu existieren beginnt.« Und ergänzt mit dem Satz: »Jedes Mal, wenn du träumst, ich ficke dich, dann ist es das, was geschieht.«

Kathy Acker: Bis aufs Blut. Zerfleischt in der Highschool. Aus dem amerikanischen Englisch von Johanna Davids, herausgegeben und mit einem Nachwort von Rosa Eidelpes. März-Verlag, Berlin 2022, 212 Seiten, 34 Euro

Kathy Acker, McKenzie Wark,: Du hast es mir sehr angetan. E-Mails 1995/96. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Matias Viegener. Nachwort von McKenzie Wark. August-Verlag, Berlin 2022, 172 Seiten, 18 Euro

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