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Aus: Ausgabe vom 01.07.2022, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Russland räumt Eiland

Garnison zieht sich von »Schlangeninsel« südlich von Odessa zurück. EU angeblich um Deeskalation im Streit um Kaliningrad-Transit bemüht
Von Reinhard Lauterbach
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Eine »Geste des guten Willens« oder Folge von heftigem Beschuss: Russische Truppen haben die Schlangeninsel verlassen

Russland hat in der Nacht zum Donnerstag die »Schlangeninsel« im Schwarzen Meer geräumt. Nach Darstellung des russischen Verteidigungsministeriums war dies eine »Geste des guten Willens«, um zu zeigen, dass Russland den Export von Getreide aus der Ukraine nicht behindern wolle. Die Regierung in Kiew dagegen veröffentlichte Bilder, die heftige Brände auf der abgesehen von einer Garnison nicht besiedelten Insel zeigten, und ließ durchblicken, dass diese mit den modernen US-Raketenwerfern »Himars« sowie Antischiffsraketen des britischen Typs »Harpoon« beschossen worden sei.

Die Schlangeninsel ist etwas kleiner als die deutsche Nordseeinsel Helgoland und liegt rund 80 Kilometer südlich von Odessa. Russland hatte sie am ersten Tag des Ukraine-Kriegs erobert und seitdem mit starken Luftabwehr- und Raketenstellungen befestigt. Diese waren in der Zwischenzeit mehrfach Ziel ukrainischer Angriffe. Die Stellungen waren zusätzlich ausgebaut worden, nachdem die Ukraine im April den russischen Raketenkreuzer »Moskwa« versenkt und damit der russischen Kontrolle des Schwarzen Meers einen ersten Schlag versetzt hatte. Westliche Militärexperten sprachen der Beherrschung der Insel strategische Bedeutung nicht nur für die Bedrohung von Odessa zu, sondern auch für eine mögliche Blockade des rumänischen Hafens Constanta, der zu einem Ersatzterminal für die blockierten Hafenanlagen in Odessa geworden ist. Offen ist, ob es der Ukraine jetzt gelingen wird, die Insel ihrerseits zu besetzen.

Im Kontrast zu der offenkundigen Niederlage im Schwarzen Meer meldeten die russischen Streitkräfte aus dem Osten der Ukraine weitere Geländegewinne. So soll die Raffinerie unweit der umkämpften Stadt Lissitschansk am Donnerstag von Streitkräften der »Volksrepublik« Lugansk erobert worden sein. Damit ist auch die Verbindungsstraße von Lissitschansk ins ukrainisch kontrollierte Bachmut weiter südwestlich an einem weiteren Punkt unterbrochen. Russische Medien melden einen unkontrollierten Rückzug ukrainischer Truppen unter Zurücklassung der schweren Waffen. Kiew spricht von anhaltendem Widerstand eigener Kräfte in der Stadt; sie bestreitet aber nicht, dass russische Einheiten in Lissitschansk vorrücken.

Unterdessen scheint die EU bemüht zu sein, den Streit um den Warentransit von Russland in die Exklave Kaliningrad zu entschärfen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete unter Berufung auf zwei mit den Überlegungen vertraute Personen, Brüssel prüfe zwei Varianten: entweder den Warentransit offiziell von den Wirtschaftssanktionen auszunehmen oder für Kaliningrad eine Ausnahme aus »humanitären Gründen« vorzusehen. Litauen hat sich allerdings kritisch zu allen Überlegungen geäußert, das antirussische Sanktionssystem auch nur punktuell zu schwächen.

Vilnius bestehe darauf, dass die Sanktionen in vollem Umfang realisiert würden, erklärte Präsident Gaetanas Nauseda. Notfalls werde es im EU-Rat von seinem Vetorecht Gebrauch machen. Der frühere Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat sagte am Donnerstag im Fernsehsender N-TV, wenn Brüssel den Streit um den Transit weiter eskaliere, sei dies »extrem dumm und verantwortungslos«. Denn Russland habe in der Region das militärische Übergewicht und die »Eskalationsdominanz«, während die NATO ihre geplante Truppenverstärkung im Baltikum erst aufbauen müsse. Litauen ist dabei nach einem Beschluss des NATO-Gipfels als Einsatzgebiet der Bundeswehr vorgesehen.

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  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland ( 1. Juli 2022 um 14:13 Uhr)
    »Jetzt müsste Selenskij zeigen, dass die Ukraine Getreideexporte überhaupt noch organisieren kann, weil der Hafen und die Umgebung von Odessa von der Ukraine selbst vermint worden sind.« – Stimmt. Vor allem müsste die Ukraine nun die Karten auf den Tisch legen, ob das Getreide (welches angeblich durch russische Schuld der hungernden Welt vorenthalten wurde) überhaupt noch in der Ukraine ist. In Russland wurden längst Zweifel darüber geäußert. Womit hat die Ukraine die Kredite beglichen und Teile der Waffenlieferungen bezahlt? Es werden monatlich Milliarden benötigt (Forderungen an den Westen), um die Gehälter im öffentlichen Dienst bezahlen zu können und andere Aufgaben des Staates abzudecken. Es hätten auch bisher schon genügend andere Möglichkeiten bestanden, dieses Getreide – so vorhanden – auszuliefern: Über Rumänien, Weißrussland, Ungarn, auch über die von Russland besetzten Häfen des Schwarzen Meeres, was Russland mehrmals angeboten hatte. Warum geschah das nicht?
  • Leserbrief von Martin Fischer aus Sinsheim ( 1. Juli 2022 um 13:47 Uhr)
    Die Bundeswehr schätzt die Bedeutung der Schlangeninsel komplett anders ein. Zitat: »Ihre strategische Bedeutung wird […] vom Marinekommando der Bundeswehr als gering eingeschätzt, die Kontrolle über die Insel habe weitgehend symbolischen Wert.« (Zeit Online, 30.06.) Der Felshaufen in Schussweite moderner Artillerie, der auch durch Raketen und Drohnen von beiden Seiten dauerhaft attackiert werden kann und keinerlei Deckung bietet, kann in der heutigen Zeit nicht verteidigt werden. Vermutlich wird die Ukraine ihn deshalb auch nicht besetzen.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 1. Juli 2022 um 11:20 Uhr)
    Bereits zu Beginn des Ukraine-Kriegs besetzte die russische Marine gleich die Insel. Russland begann sofort, die Insel militärisch auszubauen. Aus gutem Grund: Das kleine Eiland ist von enormer strategischer Bedeutung. Wer es beherrscht, kann daraus Ansprüche auf eine exklusive Wirtschaftszone mit weitem Umkreis ableiten. Zugleich lässt sich von dort aus der Schiffsverkehr in Richtung Ukraine kontrollieren. Der angekündigte russische Rückzug wurden in den Medien sehr unterschiedlich interpretiert. Richtig wäre es formuliert: Russland will nach eigenen Angaben seine Truppen von der eroberten Schlangeninsel vorübergehend zurückziehen. Damit solle gezeigt werden, dass Russland den Export von Getreide und landwirtschaftlichen Produkten aus der Ukraine nicht behindern will. Wieder mal ein cleverer Schachzug Russlands. Für Getreideexporte aus der Ukraine ist der russische Rückzug womöglich eine gute Nachricht, obwohl Russland selbst niemals ein Handelsschiff versenkt, behindert, geschweige ein Handelsembargo angedroht habe. Jetzt müsste Selenskij zeigen, dass die Ukraine Getreideexporte überhaupt noch organisieren kann, weil der Hafen und die Umgebung von Odessa von der Ukraine selbst vermint worden sind. Anfang Juni weigerte sich die Ukraine noch aus militärischen Gründen zu entminen. Die Gefahr war noch zu groß, dass die russische Flotte die Stadt dann angreife, sagte der Sprecher der Regionalverwaltung Odessas.

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