75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 11. August 2022, Nr. 185
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 30.06.2022, Seite 15 / Medien
Medienskandal

Woke-Streit bei Springer

Bild-Kolumnistin wirft Döpfner vor, Redaktion »gleichzuschalten« und sich »Transideologie« zu unterwerfen
Von Kristian Stemmler
Zeitungsverbandsprae_74006804.jpg
»Unser Haus steht für Vielfalt. Also auch und gerade für Meinungsvielfalt«, behauptet Springer-Chef Mathias Döpfner (Stuttgart, 18.9.2017)

Wenn Mathias Döpfner statt Musik- und Theaterwissenschaften Philosophie studiert hätte, wären ihm manche Fehler vielleicht nicht unterlaufen. Dann hätte er eventuell das berühmte, von Marx aufgegriffene Diktum Hegels beherzigt, dass sich weltgeschichtliche Tatsachen und Personen »sozusagen zweimal ereignen«: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Was der Chef des Springer-Verlages mittlerweile veranstaltet, kann getrost als solche bezeichnet werden. Man könnte natürlich auch von der Posse einer Laienspielgruppe sprechen, die von einer Witzfigur geführt wird. Etwas nüchterner wird der Begriff »Farce« allerdings bei Wikipedia als »ein durch unangemessene Herangehensweise verfehlter, abgewerteter oder auch abwertender Vorgang« definiert.

Auch das trifft zu. Aber der Reihe nach: Nach langem Zögern hatte Döpfner sich nach diversen Skandalen Ende Mai von seinem Posten als Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV, bis 2019 Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger) getrennt. Er kündigte an, im Herbst zurückzutreten. Danach legte Döpfner erst richtig los.

Bereits am 1. Juni, also unmittelbar nach der BDZV-Mitteilung über seinen Rücktritt, veröffentlichte die Welt – Flaggschiff des Konzerns, in dem der Verlagschef seit Jahren krude, AfD-nahe Ergüsse publiziert – einen »Gastkommentar«, in dem sich Gegner einer progressiven Sexualaufklärung an Schulen austoben durften. Die fünf »Gastautoren« schrieben, dass die öffentlich-rechtlichen Sender beim »Trendthema ›trans‹« Kinder »indoktrinieren« und »aufdringlich sexualisieren« würden. Es könne »nicht angehen, dass eine kleine Anzahl von Aktivisten mit ihrer ›woken‹ Transideologie den ÖRR unterwandert«.

Als ein Proteststurm gegen den Beitrag losbrach, ruderte Döpfner zurück. In einem Schreiben an die Verlagsmitarbeiter schrieb er, der Ton des Kommentars sei »oberflächlich, herablassend und ressentimentgeladen«. Der Verlag habe sich zuletzt gewandelt und erheblich engagiert – mit »inklusive(n) ›Safezones und All-Gender-Toiletten‹«. Es missfalle ihm, dass man nicht mehr miteinander diskutiere, sondern sich »ghoste« oder »canceln« würde. Döpfners verqueres Fazit: »Unser Haus steht für Vielfalt. Also auch und gerade für Meinungsvielfalt.«

Damit hatte Döpfner den Bogen überspannt. Die Bild-Kolumnistin Judith Sevinc Basad kündigte und redete in einem offenen, im Internet veröffentlichten Brief an Döpfner Klartext. Die als freie Autorin in Berlin lebende Bloggerin und Kolumnistin (Welt, FAZ, NZZ), die Germanistik und Philosophie studiert und ihren Master mit einer Arbeit über »totalitäre Tendenzen in der queerfeministischen Bewegung« gemacht hat, schrieb unter anderem: »Es hat mich schockiert, dass der Koloss Axel Springer, der regelmäßig gegen die übelsten Diktatoren der Welt schießt, sich plötzlich von der inhaltslosen Propaganda einer woken Minderheit in die Knie zwingen lässt und dabei auch noch die eigenen Journalisten als Menschenfeinde verhöhnt, die bei diesem bizarren Schauspiel nicht mitmachen wollen.« Eine andere Sache, die sie »nachhaltig irritiert« habe, sei die »Bigotterie, mit der Sie gleichzeitig versuchten, sich aus der Affäre herauszureden«. So habe er behauptet, »dass der offene Brief nur die Meinung des Konzernchefs abbilde und dass man Bild keine politische Richtung aufzwänge«.


Basad hinterfragte auch das Statement Döpfners, sein Haus stehe für Vielfalt und Freiheit. »Aber was bedeuten hier ›Vielfalt und Freiheit‹, Herr Döpfner?« fragte sie. Und: »Wenn ›Vielfalt und Freiheit‹ daraus bestehen, einen Gastkommentar kontextlos in die rechte Ecke zu stellen, dann frage ich mich, ob es vor allem darum geht, die woken US-Redaktionen des Unternehmens Axel Springer nicht zu verärgern.« Das habe nichts mit »Vielfalt und Freiheit« zu tun, sondern »mit Gleichschaltung und Unterwerfung«.

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (29. Juni 2022 um 20:14 Uhr)
    Uh, oh, die Dame (als Antifeministin hat sie sicherlich nichts dagegen ein wenig herablassend eine »Dame« genannt zu werden) kritisiert, dass sie bzw. ihr Gleichgesinnte in die »rechte Ecke« gestellt würden. Das sicherste Anzeichen, dass sie da auch wirklich gut aufgehoben sind. Na ja, »Achgut« wird sie mit offenen Armen empfangen.

Ähnliche:

  • Die Leser können beruhigt sein: Auch unter KKR dürfte Springers ...
    08.08.2019

    Fuß in der Tür

    KKR bereitet die Übernahme von Axel Springer vor. US-Finanzinvestor will digitales Medienimperium aufbauen
  • Springers Glanzstück: Platzhirsch Bild neben kleiner Schwester B...
    18.07.2019

    Geldgierige Partner

    Die Axel Springer SE soll vom Zeitungsimperium zum digitalen Vermarktungswunder werden. Für die Finanzierung sorgt eine Heuschrecke

Mehr aus: Medien