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Aus: Ausgabe vom 30.06.2022, Seite 12 / Thema
Geschichtspolitik

Magd der Propaganda

Vorabdruck. Verdreht, verzerrt, gestaucht. Wie die Vergangenheit für den ideologischen Feldzug gegen Russland herhalten muss. Über Geschichtspolitik in Zeiten des Krieges
Von Stefan Bollinger
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Ein Bild aus anderen Tagen: Freundschaftstreffen der Jugend der DDR und der UdSSR in Karl-Marx-Stadt (Mai 1980)

In diesen Tagen erscheint im Berliner Verlag am Park von Stefan Bollinger das Buch »Die Russen kommen! Wie umgehen mit dem Ukraine-Krieg? Über deutsche Hysterie und deren Ursachen«. Wir veröffentlichen daraus redaktionell leicht gekürzt und mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor das letzte Kapitel. (jW)

»Den Sieg der Ukraine«, »Sturz Putins«, der »Kampf bis zum Ende der russischen Aggression« – so oder so ähnlich tönt es aus den Medien, und gerade auch deutsche Politiker stimmen wortgewaltig und geschichtsvergessen in dieses Wolfsgeheul mit ein. Das Lernen aus der Geschichte hat selten funktioniert. Da helfen weder Historienschinken in Gemäldegalerien, Blockbuster in den Kinos, eingängige Romane und das Fachwissen der Historiker sowieso nicht. Denn es dringen nur die Lektionen der Geschichte durch, die die Akteure an den Schalthebeln hören und lesen wollen.

Der Vorwurf, der Moskau und Putin gemacht werden muss: Sie haben jahrzehntelange mühevolle Arbeit kaputtgemacht, mit der insbesondere den Westdeutschen begreiflich gemacht worden war, dass die Osteuropäer Opfer eines Vernichtungskrieges und, widerwillig akzeptiert, die sowjetischen Völker sowohl Opfer der faschistisch-deutschen Aggression als auch Sieger über die Nazis waren. Moskau hat nicht vermocht, dies zu denken und für sein aktuelles Handeln überzeugende Argumente in die Welt zu senden. Das propagandistische Sperrfeuer half den Ewiggestrigen und Kalten Kriegern, ihre auch nicht in Jahrzehnten überwundenen Vorurteile zu bestätigen. Und das wiederum erlaubt es ihnen, die Frage so primitiv zu stellen, wie sie es eben tun: In diesem Kampf gibt es nur ein Für oder ein Gegen den Westen.

Da schert es wenig, dass im Westen das Vertrauen in den ukrainischen Staat bisher gering war und noch immer ist. Und das aus berechtigten Gründen. Die Europäischen Union weiß sehr wohl, wie es um die Rechtsstaatlichkeit, um die Oligarchenwirtschaft und die Korruption und die anderen Kriterien, die sie an die Mitgliedschaft knüpft, in der Ukraine bestellt ist. Das hat sich am 24. Februar 2022 nicht geändert.

Da ist es einfacher, russische Literatur und Filme zu verbannen und russische Künstlerinnen und Künstler, die im Westen, in Deutschland, arbeiten wollen, zum öffentlichen Kotau zu zwingen oder mit Bannfluch zu belegen.

Revisionismus von rechts bis links

Für die alte Bundesrepublik war das Jahr 1985 die positive Zäsur. Moskau unter Perestroika-Vorzeichen schien akzeptabel geworden, die Angst vor dem nuklearen Winter des nicht mehr gesichert Kalten Krieges steckte in den Knochen, und die bundesdeutsche Öffentlichkeit begann zu akzeptieren, dass der Krieg auch gegen die Sowjetunion ein Verbrechen war. Wir sind heute in der Bundesrepublik weit hinter die Einsichten Richard von Weizsäckers zurückgefallen.

Geschichtsrevisionismus ist heute von rechts bis links Mode geworden. Zwischen Putin und Stalin und Hitler werden Gleichheitszeichen gesetzt. Manches ist auch schon in den letzten Jahrzehnten aufgeweicht worden. Heute gibt es allerdings einen merkwürdigen Gleichklang: Zwischen denen, die nie einen Hehl aus ihrer Feindschaft gegen Sozialismus, Kommunismus und ihre staatlichen Inkarnationen in der Sowjetunion, der DDR, aber auch China oder Kuba gemacht haben, und jenen, die sich bislang als Linke verstanden, gibt es augenscheinlich keinen Unterschied. Sie würdigen – meist unter den Vorzeichen des demokratischen Sozialismus – die Februarrevolution 1917 und distanzieren sich von der diktatorischen Oktoberrevolution 1917. Sie ziehen eine bruchlose Linie vom Diktator Lenin zum Diktator Putin, losgelöst von den realen Prozessen und Widersprüchen. Stalins Entscheidungen von 1939 oder 1941, 1945 oder 1948 werden einer schonungslosen Kritik unterzogen wie die Entwicklungswege der nationalen kommunistischen Parteien des Ostblocks und ihrer Verbündeten. Es ist eine ahistorische Verurteilung, keine notwendig kritische Auseinandersetzung. Es geht nicht um die dialektische Aufhebung progressiver Tendenzen in der Vergangenheit, sondern um die Anschlussfähigkeit an den antikommunistischen Mainstream.

Es ist eine sukzessive Entwicklung, die wohl in diesem historischen Moment zum Bruch geführt haben dürfte. Sie hat etwas mit der wachsenden Bereitschaft zu tun hat, einen Schlussstrich unter die ungeliebte Vergangenheit ziehen zu wollen. Hier kann nur zusammenfassend auf einige der zentralen Punkte verwiesen werden, in denen eine Verwässerung der uneingeschränkt kritischen Stellung zu Hitlers Krieg und zum Faktum seiner Niederlage erfolgt:

a) Die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs wird umgedeutet. Das Versagen der westlichen Appeasementpolitik tritt hinter die sowjetische Flucht in die Verträge von 1939 zurück, die allein am fatalen Zweckbündnis zur Abgrenzung von Interessensphären gemessen werden. Moskaus Vorgehen gegen Polen und das Baltikum wird berechtigt angeprangert – das Schicksal der vom Westen zuvor geopferten Spanier und Tschechoslowaken jedoch kaum beklagt. Warum auch daran erinnern, dass Hitler zum Krieg gegen die UdSSR ermuntert wurde?

b) Schon seit Jahren erfolgte unter Bezug auf die westalliierte Landung in der Normandie am ­»D-Day« die Aufwertung der Westfront zur vermeintlich entscheidenden Front des Zweiten Weltkriegs. Das geschieht eindeutig zu Lasten der anderen Fronten dieses Krieges, auch der anderen Kriegsschauplätze. Vor allem geht das aber zu Lasten der Hauptfront jenes Eroberungs- und Vernichtungskrieges – der Front gegen die Sowjetunion, an der die meisten deutschen Soldaten kämpften, an der die größten Verluste zu verzeichnen waren und an der vor allem die Rote Armee und die sowjetische Zivilbevölkerung (in ihrer nationalen Vielfalt von Russen, Ukrainern, Juden, Kasachen, Georgiern usw.) den unermesslichen Blutzoll von etwa 27 Millionen Menschen zahlten.

c) Betont werden die deutschen Opfer – von der versenkten »Gustloff« bis zur Bombardierung Dresdens. Aber nicht als zwangsläufige Folgen eines von Nazideutschland ausgehenden verbrecherischen Krieges, sondern sie erscheinen als Opfer von Willkür und Terror. Es werden damit die subjektiven Gefühle vieler Deutscher gepflegt, die doch auch gelitten und verloren hätten.

d) Als eine besondere Last werden die Flucht vor der Front und die Zwangsaussiedlungen, genannt Vertreibung, herausgestellt. Sie hätten die Deutschen besonders betroffen und sie in die gleiche Opferrolle gebracht wie andere Völker. Deshalb rückt der erstmals am 2015 begangene »Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung« wiederum die deutschen Opfer in den Mittelpunkt – unter weitgehender Ausblendung der historischen Ursachen. Die Auseinandersetzungen um ein »Zentrum gegen Vertreibung«, das vor Jahren der Bund der Vertriebenen initiierte und das heute die Bundesregierung in einer breiter angelegten, unselbständigen »Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung« mit gesamteuropäischer Ausrichtung umsetzt, ist dabei ein wesentliches geschichtspolitisches Zeichen.

e) Berechtigt wird der in Dimension und Konsequenz einmalige Massenmord an den Juden hervorgehoben. Dabei wird jedoch der Charakter des faschistischen Krieges zu einem Vernichtungskrieg gegen die Juden umgedeutet und der Holocaust zur zentralen Erfahrung und zu dem Verbrechen dieses Krieges erklärt. Abgesehen davon, dass dies Ursachen und Bedingungen faschistischer Kriegstreiberei ins Irrationale verfälscht, gehen die konkreten imperialistischen Gelüste auf »Lebensraum« und Unterwerfung Europas wie der Welt ebenso verloren wie Völkervernichtungsabsicht und vor allem -praxis im Zuge der »Neuordnung« Europas und eines »Generalplanes Ost« gegen Slawen, Sinti und Roma, politisch Missliebige, gegen alle anderen als »minderwertig« eingestuften Menschen.

f) Mit dem weitgehenden Ausblenden der sozialökonomischen Dimension des Weltkrieges wie auch der meisten anderen politischen Ereignisse hat in der Auseinandersetzung mit der Geschichte oft ein abstraktes Moralisieren jenseits dieser harten Fakten, aber auch jenseits einer historisierenden Einordnung von Ereignissen, Handlungsweisen und Personen Raum gegriffen. Mit Wertmaßstäben von heute wird mit damaligen Kriegspraktiken umgegangen, etwa dem Partisanenkrieg und seiner möglichen Nähe zum Terrorismus oder mit der Rekrutierung von Minderjährigen in diesem Krieg – um nur auf zwei Aspekte zu verweisen. Bezeichnenderweise entsprechen diese moralisierenden, sicher ehrenwerten, aber oft weltfremden oder diskreditierenden Herangehensweisen auch nicht den realen Praktiken heutiger Politik und Konfliktaustragung, gerade nicht beim Engagement der westlichen Staaten- und Wertegemeinschaft. Afghanistan, der Irak, Libyen, Syrien stehen dafür nur stellvertretend. Wenn auch die Notwendigkeit eines durchsetzbaren Völkerrechts seit den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher eine neue völkerrechtliche Norm gesetzt hat, bleibt diese einseitig und wie jedes Recht auch politisch beeinflusst, wenn sich ihm nicht alle Staaten gleichermaßen unterwerfen.

Hochaktuelle Lehren

All dies passt in eine Geschichtsschreibung und Erinnerungspolitik, die sich vermeintlich von macht- und geopolitischen Zügen klassischer Politikgeschichte ebenso löst wie von sozialökonomischen Fragestellungen einer Gesellschaftsgeschichte. Nicht zu reden von der Unfähigkeit zu einer marxistischen Auseinandersetzung mit Geschichte. Das Vorgehen bleibt selbst interessengeleitet, zielt auf die Relativierung deutscher Schuld und soll jeglichen Bezug auf die sozioökonomischen Grundlagen des Faschismus – der eine gefährliche Abart des Kapitalismus bleibt – verschleiern und vernebeln. Nicht umsonst gehört es zum Dauerrepertoire allen Redens über die Zeit von 1933 bis 1945, dass vom Nationalsozialismus und nicht vom Faschismus gesprochen wird. Dabei gilt das Diktum von Max Horkheimer unverändert: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.«

Dafür ist im Mainstream der Seitenhieb auf sozialistische Ideen und Politik ebenso beabsichtigt wie der Vorsatz besteht, die Suche nach Gemeinsamkeiten mit anderen diktatorischen, antidemokratischen, antilinken, nationalistischen, gelegentlich auch rassistischen Regimen zu verhindern. Lieber wird auf das ewig Böse des Menschen, auf Irrationalismus, auf Emotionen gesetzt. Nicht soziale Gruppen, Klassen handelten und handeln, sondern einzelne Personen, die mit ihrem Verhalten oder Versagen etwa wie »Schlafwandler«, so das Wort eines Weltkriegshistorikers, ins Verhängnis hineingeschlittert sind. Der Sozialdemokrat Egon Bahr machte Gymnasiasten nachdrücklich darauf aufmerksam: »In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.«

Kritische, gar linke Geschichtspolitik muss mit nüchterner Analyse und dem Benennen der sozialen Fragen gegenhalten. Sie muss verdeutlichen, dass der Zweite Weltkrieg und sein Ende mit der Vernichtung des deutschen wie auch des japanischen Faschismus mit Besonderheiten verknüpft waren. Es war ein Krieg gegen die Kriegstreiber und Völkermörder, geführt von einem breiten Bündnis antifaschistischer, demokratischer Kräfte, die sich über alle politischen und sozialen Grenzen hinweg zusammenfanden. Gerade deshalb ist auch die inflationäre Verwendung von Begriffen wie »Völkermord« oder »Genozid« für jedes Verbrechen mindestens problematisch. Denn letztlich wird dadurch der systematische Mord an Juden, Sinti und Roma oder an Slawen durch den deutschen Faschismus bagatellisiert. Es ging nicht um Exzesse, mehr oder weniger häufige Abweichungen von Kriegsbräuchen, sondern um die angekündigte, geplante und ­industriell organisierte Vernichtung von jenen, die aus Sicht der »arischen Herrenrasse« als »lebensunwert« galten.

Das Wiedererstarken imperialistischer Politik und das Neusetzen zwischenimperialistischer Widersprüche im Ringen um möglichst hegemoniale Vorherrschaft macht die Lehren des Zweiten Weltkrieges und des Sieges über den Faschismus hochaktuell. Solchen Vorherrschaftsbestrebungen muss Einhalt geboten werden. Bewahrt werden müssen auch die Erfahrungen einer Koexistenz von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung in Zeiten des Kalten Krieges. Selbstbescheidung, politischer Widerstand und nicht zuletzt Massenbewegungen halfen, die Kriegsgefahr blockübergreifend einzudämmen.

Besorgniserregend ist das Erstarken von nationalistischen, chauvinistischen und rassistischen Ideologien und Bewegungen als Krisenreaktion unterschiedlicher Kräfte. Das Ausgrenzen und Bedrohen andersdenkender, anderslebender, andersgläubiger, verachteter Bevölkerungsgruppen begünstigen faschistoide Bewegungen. Als Staatsideologien massenmedial verbreitet, sind sie an die Stelle des Antikommunismus getreten und rechtfertigen eine aggressive Politik, die mit allen, auch militärischen Mitteln »westliche Werte« allen Völkern aufzwingen will. Bedrohlich ist der Verfall jener antifaschistischen Einsichten und demokratischen wie toleranten Ansätze, die sich in den Nachkriegsjahrzehnten in Ost wie West mühsam durchsetzten. Der antifaschistische Grundkonsens wird in einem vermeintlichen Antitotalitarismus aufgeweicht, der genau jene Kräfte diskreditiert, die – bei allen Schwächen, Irrtümern und auch zu verantwortenden Verbrechen – Widerstand geleistet hatten und schließlich siegten.

Vorbild Rapallo

Vernünftige, friedensorientierte Beziehungen zwischen Deutschland und Russland mit seinen vielen Völkern konnten ein Garant für eine friedliche Zukunft sein. Das war seit Rapallo 1922 immer wieder Anspruch und politischer Versuch. Deshalb wurde und wird diese Politik immer attackiert von jenen Konservativen, Atlantikern, Antikommunisten, Russophoben – für sie ist der Vertrag von Rapallo, der die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion normalisierte, Synonym für Verrat an den westlichen Werten und der westlichen Führungsmacht.

Heute ist Rapallo nicht mehr modern, genauso wie die neue Ostpolitik entsorgt wird. Diese politische Entwicklung ist von der deutschen Politik fast aller politischer Lager abgebrochen. Die Berliner Republik ist Teil der aggressiven Politik des US-geführten Westens gegen ein wieder erstarktes, sich wehrendes Russland. Es wird dagegen aufgerüstet, koste es, was es wolle. Deutschland engagiert sich wider besseres Wissen mit Waffen und Ausbildung im Ukraine-Krieg. Deutsche Politiker treiben die antirussische Sanktionspolitik voran, obwohl diese kurzsichtige Politik die nationale Wirtschaft, die Umwelt und das eigene Volk in jeder Hinsicht schädigt.

Dass die guten Erfahrungen der DDR mit ihrer östlichen Führungsmacht – bei allen Reibungen und Fehlleistungen – für die kapitalistische Bundesrepublik keine Erinnerung wert sind, ist bedauerlich, aber verständlich. Klassenpolitik braucht klare Feindbilder. Das ist der ideologische Kitt, der die Zerstörung der kapitalistischen Gesellschaft, die Entsolidarisierung und Perspektivlosigkeit irgendwie aufhalten oder überlagern soll. Die heutige Politik sorgt dafür, dass die eigentliche historische Leistung der alten Bundesrepublik – sicher nicht uneigennützig und sicher nicht auf die Stärkung des Realsozialismus gerichtet – heute entsorgt wird und ihre Akteure dem Vergessen und dem Verdikt anheimfallen.

Es sind wenige Elder Statesmen wie Günter Verheugen oder der 93jährige, keineswegs linke Sozialdemokrat Klaus von Dohnanyi, die diese Geschichte nicht entsorgt sehen wollen, weil sie die Eckpunkte einer mühselig wieder zu erringenden Friedensordnung sein müssten. Der ehemalige Bundesminister und Erste Bürgermeister von Hamburg fixierte Ansprüche an deutsche und EU-Außen- und Sicherheitspolitik, dass (zum Zeitpunkt der Abfassung seines Buchmanuskriptes) »ein schwelender Krieg (…) an der russischen Süd- und Westgrenze zur Ukraine und zu Georgien statt(findet). Eine weltpolitische Konfrontation zwischen der asiatischen Großmacht China und der westlichen Großmacht USA beunruhigt. Es ist eine neue politische Welt, die da am Horizont aufscheint, unsere deutschen und europäischen Gewissheiten gehen verloren. Wiederum: Was ist zu tun? Die heute für mich wichtigste Erkenntnis ist, dass Deutschland und Europa sich unter Führung der USA sicherheitspolitisch zu oft unrealistische Ziele gesetzt haben und wir dann allzu häufig das Gegenteil von dem erreichten, was wir erreichen wollten. Und: dass wir in Deutschland und Europa nicht offen und mutig genug über die völlig unterschiedlichen Sicherheitsinteressen Europas und der USA debattiert haben und die USA davon überzeugen konnten, dass es auch in ihrem Interesse ist, sich mit Russland zu verständigen.«¹

Von Dohnanyi bekennt sich zur Entspannungspolitik Willy Brandts. Für die Gegenwart und nähere Zukunft – wie gesagt, am Vorabend des Ukraine-Krieges verfasst – sieht der Hamburger Expolitiker in den weltpolitischen Auseinandersetzungen China in der zentralen Rolle. Dem müsse sich deutsche Politik stellen. »Die Interessen Deutschlands, Europas und des sogenannten Westens lassen sich nicht mehr durch Drohungen wirtschaftlicher oder gar militärischer Maßnahmen verwirklichen.« Er rekapituliert letztlich die Leitsätze der neuen Ostpolitik der 1960er/1970er Jahre seiner Partei: »Wer heute, im Zeitalter globaler Vernetzung und universaler militärischer Bewaffnung, auf militärische Stärke setzt, setzt auf das falsche Pferd. Die alles entscheidende Zeitenwende, die sich vor unseren Augen vollzieht, bedeutet: Wirtschaftlicher Erfolg, demokratisches Vorbild, diplomatische Stärke, nationale Vernunft und eine realistische Einsicht in die Interessen und Möglichkeiten der globalen Gegenspieler sind heute unendlich viel wichtiger als die Zahl der Raketen oder nuklearen Sprengköpfe.«² Das aber heißt zuallererst Entspannungspolitik mit Russland.

Totalitarismustheorie pur

Die Gefahr ist groß, dass auch diesmal die Politik versagt und das deutsch-russische Verhältnis einem Machtkalkül geopfert wird. Es wäre fatal, wenn jene Prophezeiung eines Ostforschers aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs reanimiert und Handlungsmotiv werden würde: »Die russische Sphinx – so hat man im letzten Jahrzehnt bei uns oft mit einem ganz zutreffenden Schlagwort das russische Reich bezeichnet, das jetzt unser Kriegsgegner geworden ist.« Otto Hoetzsch erinnerte: »Die Alten verbanden mit diesem unheimlichen Fabeltier die Vorstellungen der Macht, des Unheimlichen und des Rätselhaften. Alle drei Vorstellungen wurden auch in uns wach, wenn wir Russland als Sphinx bezeichneten. Es trat uns gegenüber als die ungeheure Machtorganisation des größten, kontinental geschlossenen Weltreiches der Erde. Unheimlich erschien die Barbarei und Unkultur des Volkes, die uns aus diesem Machtkörper entgegenstarrte. Vor allem aber erhob sich die Rätselfrage, ob den großen Machtansprüchen dieses Reiches die innere wirtschaftliche und sittliche Kraft entspräche, die allein solchen Imperialismus rechtfertigt und trägt. Wir haben uns in der friedlichen Arbeit längst nicht genug darum bemüht, diesem russischen Rätsel auf den Grund zu gehen und alle Vorurteile dabei abzustreifen. Jetzt zwingen unsere Waffen, die Russland in einem frevelhaft heraufbeschworenen Kriege gegen sich gekehrt hat, unsern Nachbarstaat, diese Frage selbst zu stellen, sie stellen ihn auf die härteste Probe, die das Schicksal fordern kann.«³

Es ging schon zweimal schief, und ein drittes Mal könnte einen Neuanfang mangels Deutscher und Russen scheitern lassen.

Der Widerstand gegen die USA und die NATO nicht zuletzt durch Russland und China, aber auch anderer mittlerer Mächte, die ihre eigenen imperialistischen Interessen verfolgen, wächst, weil sie die Vorherrschaft der USA und ihrer Verbündeten ablehnen. In den aktuellen Diskussionen um den Ukraine-Krieg (wie schon 2014 bei der Sezession der Krim) rufen immer wieder das Jahr 1939 als Menetekel auf. Damals haben die Diktaturen in Berlin und Moskau gleichermaßen Polen und die Welt ins Verderben gestoßen, heißt es. Das ist Totalitarismustheorie pur, wie sie auch in der Erinnerungspolitik 2019 durch das Europäische Parlament mit einer Resolution zur sakrosankten Wahrheit befördert wurde: »Bedeutung der Erinnerung an die europäische Vergangenheit für die Zukunft Europas.«

Wieder wurde Russland zum alleinigen Schuldigen gemacht, ihm werden die gleichen Machtansprüche und Intentionen unterstellt, die Moskau schon damals und eigentlich immer verfolgt habe. Und es wird eine Analogie zur Gegenwart beschworen und als Beweis für diese These angeführt: der Sowjetisch-Finnische Krieg ab November 1939. Moskau fühlte sich durch den kleinen Nachbarn bedroht, drängte auf territoriale Abtretungen (mit Gebietstausch) und Begrenzung der militärischen Bedrohung sowie auf eigene Stützpunkte. Moskaus Ultimatum wurde von Helsinki abgewiesen – und es kam zum Krieg, in dem die riesige Rote Armee gegen das kleine Finnland erst nach mehr als drei Monaten blutigen Kampfes und bitterer Verluste den Sieg davontragen konnte. Auch die sowjetischen Vorstellungen von einem revolutionären Aufstand in Finnland erfüllten sich nicht. Dafür trat die freie westliche Welt, angeführt von Großbritannien und Frankreich, an die Seite Finnlands, mit Solidaritätsbekundungen, Waffenlieferungen und detaillierten Plänen für eine militärische Konfrontation mit der Sowjetunion, das hier – ob seines Vertragswerkes mit Nazideutschland – als dessen Verbündeter identifiziert wurde. Und dies geschah zu Zeiten eines großen Krieges im Westen, in dem Briten und Franzosen gegen die Deutschen kämpfen sollten, weil sie eigentlich Polen hätten retten müssen, zu dessen Beistand sich Frankreich und das Vereinigte Königreich vertraglich verpflichtet hatten. Ironie der Geschichte: Der weitere Verlauf des Weltkrieges, insbesondere der Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten, zu denen nun auch Finnland gehörte, auf die Sowjetunion im Juni 1941 bestätigte Moskaus Befürchtungen und unterstrich, wie begründet die sowjetischen Sicherheitsinteressen waren.

Es könnte sein, dass künftige Generationen den Ukraine-Krieg ganz anders bewerten als heute üblich. Dass vielleicht die Ukraine stellvertretend für die USA und die NATO gegen Russland ins Feld gezogen war, weil die Strategen des Westens es so gewollt hatten …

Anmerkungen

1 Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche, München 2022, S. 162

2 Ebd., S. 163

3 Otto Hoetzsch: Rußland als Gegner Deutschlands. Leipzig 1914, S. 3

Stefan Bollinger: »Die Russen kommen! Wie umgehen mit dem Ukraine-Krieg? Über deutsche Hysterie und deren Ursachen«, Verlag am Park, Berlin 2022, 240 Seiten, 16 Euro

Stefan Bollinger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. April 2022 über den Vertrag von Rapallo.

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  • Leserbrief von Ella Schleese ( 6. Juli 2022 um 09:51 Uhr)
    Es ist ein großes Verdienst der jungen Welt, dass sie seit einiger Zeit ihre Themenseite den Ereignissen im Ukraine-Krieg widmet. Eine auf Fakten gegründete objektive Analyse der Ursachen wird darlegt, ohne damit das völkerrechtswidrige militärische Eingreifen Moskaus zu rechtfertigen. Auf zwei Beiträge möchte ich näher eingehen: »Endlich verhandeln – Ein Positionspapier des Bundesausschusses Friedensratschlag« und »Magd der Propaganda« von Stefan Bollinger.
    In dem Positionspapier wird die augenfällige Sicherheit der USA wie der NATO-Staaten der ungleich schwächeren Position Russlands gegenübergestellt. Und doch wird klar gesagt, dass Russlands militärische Aktion in der Ukraine – Hilferuf der Donbass-Republiken und Gefahr des NATO-Beitritts der Ukraine – nur durch ein Mandat des UN-Sicherheitsrates zu rechtfertigen gewesen wäre.
    Der Beitrag von Stefan Bollinger erinnert mich an eigene Kriegserlebnisse, als der Krieg nach Deutschland zurückkam. Wie viele andere verloren auch meine Eltern ihre Heimat. Wie der Autor lehne ich es jedoch ab, von Vertreibung zu sprechen und die Opferrolle der Deutschen in den Mittelpunkt zu rücken. Nicht die Deutschen, nein, die Polen, die Franzosen, die Belgier, die Sowjetmenschen sind überfallen worden. Und die größten Opfer des Krieges hat das Sowjetvolk gebracht.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfram A. aus Potsdam (30. Juni 2022 um 06:03 Uhr)
    Vielen Dank, lieber Stefan Bollinger, für diesen neuerlichen Ausweis Deiner wissenschaftlichen Gründlichkeit und Deines beharrlichen Bestrebens, dem Mainstream souveränes eigenes Denken entgegenzusetzen. Ich kann allem nur zustimmen. – Einen (hier im Vorabdruck) nur kurz angerissenen Gedanken wünsche ich besonders bei den westdeutschen Lesenden besondere Aufmerksamkeit: dem Hinweis auf die vierzigjährige Erfahrung deutsch-sowjetischer und deutsch-russischer Zusammenarbeit in Gestalt der DDR und hunderttausendfacher persönlicher Beziehungen. (Es ist in diesem Zusammenhang auch nicht überflüssig, daran zu erinnern, dass die Deutschen in der DDR Deutsche waren, die am eigenen Leibe erfahren haben, was es heißt, einem Embargo durch die NATO ausgesetzt zu sein.)

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